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Sayonara Sarah
11/29/2013

S a y o n a r a S a r a h

Erst war sie in Europa. Jetzt begibt sich Sarah Wiener zum ersten Mal auf kulinarische Abenteuer in Asien. Exklusiv in der freizeit: Das Japan-Tagebuch der Star-Köchin.

Die Anreise

Ich habe einen japanischen Onkel. Er heißt Hiroshi und ich habe ihn nur einmal in meinem Leben gesehen. Da war ich ein Teenager und sprach kein Wort Englisch und Onkel Hiroshi kein Wort Deutsch. Wir sind uns bei dem Begräbnis meiner Oma begegnet. Es war das zweite Familientreffen, an das ich mich erinnern kann und bis heute war es auch das letzte. Ich komme aus einer Familie, in der alle gern und laut durcheinander reden und wild gestikulieren. Ich habe mir damals schon gedacht, was wohl Onkel Hiroshi von uns hält? Möglich, dass er deswegen nicht unbedingt darauf aus war, seine europäische Familie näher kennenzulernen. Was mir sonst noch in Erinnerung geblieben ist: Während auf der einen Seite des Friedhofes meine Verwandtschaft aufgereiht die Hände der Trauernden mit trauriger Miene schüttelte, stand auf der anderen Seite Onkel Hiroshi, vor ihm drei Japaner, die sich in nicht enden wollender Abfolge vor ihm verbeugten, was mein Onkel mit ebensolchen Verbeugungen erwiderte. Es sah von meinem Standpunkt wie eine Wippe aus. Wer waren diese Japaner, die in eine kleine ostwestfälische Stadt gekommen sind, und wie war ihre Beziehung zu Hiroshi? Ich weiß es bis heute nicht.

Sarah Sarah Wiener unterwegs in Japan: Im Gepäck einige Vorurteile und große Neugierde auf kulinarische Abenteuer

Im Flieger nach Japan musste ich aber daran denken: An den mir fast unbekannten Onkel und meine erste Reise in seine Heimat.Ich fliege mit meiner Filmfamilie für den ORF und arte nach Asien zu neuen kulinarischen Abenteuern und ich vermute, dass Japan als erste Reiseetappe genau diese Bezeichnung verdient – kulinarisches Abenteuer. Ich bin aber ebenso neugierig, welche meiner kulturellen Vorurteile Japanern gegenüber auf fruchtbaren Boden fallen werden und welche nicht. Ich habe die fixe Vorstellung, dass fast alle Japaner dünn und zierlich sind, sehr reserviert und Ausländer im Grunde nicht leiden können. Keiner spricht Englisch, geschweige denn Deutsch. Sie lachen nicht und fassen einander nicht an. An die Nächte möchte ich gar nicht denken. Sie gehen barfuß oder – außer auf der Straße – in Zehenschlapfen, tragen Kimonos und wohnen auf dem Land in schönen Holzhäusern und in der Stadt in neondurchfluteten Kunststädten. Sie essen zum Frühstück Suppe und alles, was wir nicht essen würden – Hühnerembryos, Fischhaut und Quallen. Und das immer mit Reis. Sie sind zäh und ungemein diszipliniert und daher ein bisschen unheimlich. Sie ahnen, dass wir Europäer eine aussterbende Spezies sind und sie die neue Elite. Vielleicht ignorieren sie mich und schauen mich gar nicht an? Na, ab morgen werde ich es herausfinden. Ich scheitere.

Ich scheitere. Mein erster Tag in Japan. Die Anreise dauerte dann doch statt einer Stunde ganze sechs. Für Nachahmer: Ein internationaler Führerschein allein reicht nicht. Man muss ihn übersetzen lassen. Für uns heißt das: Wir leihen ein Auto, die anderen müssen mit Zug, Bus und Taxi in die Provinz, was nicht einfach ist, weil nur die großen Straßen Namen haben. Wir lernen unseren japanischen Fahrer kennen. Er heißt Hiroshi.Ich bin etwas enttäuscht. Ich dachte, Hiroshi sei ein seltener Name, aber der Fahrer versichert, Hiroshi heißt hier jeder Dritte. Ich habe also einen japanischen Onkel Jürgen oder Wolfgang. Heimlich träume ich davon, dass ich in Japan über ihn stolpern werde. Ich glaube, er wohnt in Tokio und wir sind hier im Süden. Erstmal bei Wakayama. In Dogo. Die Chance, dass Onkel Hiroshi plötzlich hier auftaucht und mich nach 30 Jahren erkennt und in die Arme schließt, ist also recht gering.Hiroshi 1, unser Fahrer, ist ein junger, sehr freundlicher Mann, der mit seinen 32 Jahren wie 25 wirkt und in Berlin ein Jahr Fotografie studiert hat. Sein Deutsch ist nicht allzu gut, aber eine große Hilfe. Hiroshi redet mit dem Navi während wir fahren. Natürlich auf Japanisch. Manchmal wird er etwas lauter und besorgt. Immer wenn er abbiegen muss oder eine Abzweigung wählt, teile ich seine Sorgen. Er ruft dann: „matchi gatta“. Ich frage ihn, was das bedeutet. Er sagt: „Ich scheitere“. Das erste japanische Wort, das ich hier lerne. Das ist schon einmal eine sinnvolle Lektion. Nach etlichen „matchi gattas“ finden wir spätabends doch noch ein Restaurant, in dem wir etwas zu essen bekommen. Davor hatten wir eine japanische Hamburger-Kette gesehen. Hiroshi hat sie uns als Alternative für den ersten großen Hunger empfohlen. Mein erstes Essen in Japan in einer Hamburgerkette? Nein, dann lieber hungern. Ich will ein traditionelles japanisches Mahl, ein echtes japanisches Essen. Das bekomme ich dann auch. Wir sitzen auf Matten, an einem niedrigen Tisch, durch einen Papiervorhang von anderen Tischen getrennt. Meine zweite Lektion: Japaner werden mit fortgeschrittener Stunde immer lauter und fröhlicher – und das Wichtigste: Sie haben tatsächliche eine hervorragende Küche. Hiroshi bestellt, und wir sind neugierig, was kommt. Als amuse bouche steht vor mir ein kleiner seidiger weißer Würfel mit heller Sauce. Ich tippe auf Tofu. Bei den anderen steht ein kleiner Klumpen, der wie festes Bircher Müsli aussieht. Es ist pürierter Fisch. Auf meine Frage, was ich esse, lächelt Hiroshi und sagt: „Das Kind vom Fisch.“ Später erfahre ich, dass es Fischspermien gemischt mit Rogen waren. Muss ich nicht nochmals haben. Die Eltern waren dann allerdings gebraten so frisch und köstlich wie selten und das Tempura-Gemüse saftig, knusprig und frisch – und der Reis duftend. Die Algennudeln in der Misosuppe wunderbar. Mein erstes japanisches Essen. Ein Gedicht. Ich fürchte nur, Hiroshi denkt jetzt, alle Europäer hätten keine Manieren, weil wir so ungezügelt gegessen haben. Danach meinte er, man bediene sich nie selbst, sondern der Nachbar schenke einem ein. Man fuchtelt auch nicht mit den Stäbchen herum und steckt sie nicht in die Speisen, sondern legt sie ordentlich über die Schüssel oder neben die Schüsselchen. Was ich vermisse: Eine Serviette. Das Hantieren mit den Stäbchen geht nicht spurlos an meinem Kleid, dem Tisch und meinem Gesicht vorüber. Da nutzt auch kein heißes Tuch als Starter.

Tischmanieren Nach der ersten Woche in Japan muss ich Hiroshi doch fragen: Hat sich deine Sicht auf uns Europäer geändert? Verschämtes Drucksen, Fächern mit der Hand ... „Komm, Hiroshi, ehrlich, spuck’s aus.“ – „Also, gut“, sagt er. Europäer seien sehr egoistisch. Meine erste, innere Reaktion: „Hoppla, das kann er doch nicht einfach so sagen.“ Zweite Reaktion: „Also, ich doch nicht.“ Hiroshi erklärt: Wenn wir Europäer essen gehen, will jeder etwas anderes. Wir bestellen wild durcheinander und bedenken nicht, was wir dem Koch für zusätzliche Arbeit damit machen. Japaner essen immer, was der Chef isst. Und dann die Getränke! Einer will Tee, der andere Kaffee und ich – ich will sogar Milchkaffee zum Frühstück. Außerdem essen wir einfach drauflos. In Japan bedient der eine den anderen und schenkt ihm ein und nimmt sich nicht selbst. Man spricht vor dem Essen. Und wenn man fertig ist, sagt man: „Ich habe gegessen.“

Wir hingegen: „Die Nudeln hab ich bestellt!“ Und rein damit. Wir fuchteln mit den Stäbchen herum, was sehr unschicklich ist, die Serviette wird zerknüllt, als wären wir wütend auf sie und drücken der Bedienung einfach so das Geld in die Hand. Sehr unfein. Dann hinterlassen wir den Tisch wie ein Schlachtfeld und gehen, ohne uns gebührend zu bedanken und zu verbeugen, aus dem Lokal. Hm. Ja. So gesehen hat er schon recht.

Vorurteile Nachdem ich nun drei Wochen in Japan war, muss ich zugeben: So viele liebenswürdige und gastfreundliche Menschen habe ich selten kennengelernt. Das Erstaunliche: Mit den meisten habe ich oft herzhaft gelacht. Über mich, über die Situation, über ein Missverständnis. Ja, Japan ist kulturell sehr weit von Europa entfernt. Ja, ich finde es nach drei Wochen mühsam, japanische Regeln und Sitten verstehen zu wollen. Ja, ich bin öfters verzweifelt, weil ich gedacht habe, was auch kommen mag, ich mache immer etwas falsch. Andererseits, das hat weder mich noch die Japaner daran gehindert, gemeinsam Spaß zu haben und Sympathie füreinander zu finden. Gestern war ich in einem kleinen Sake-Geschäft, in Beppu, im Süden Japans, um einen Sake als Geschenk zu besorgen. Nachdem ich mich umgesehen hatte, bemerkte ich hinter einer Reihe Sakeweinen, ein kleines Arrangement: zwei Stoff-Eulen, eine kleine Stofftasche und eine Glocke unter einem Plexiglas.

Ich fragte die Besitzer nach der Bedeutung und bewunderte die Handarbeit. Sie holten es hervor, es war schon ganz staubig, der Mann meinte, er hätte es selbst noch nicht gesehen. Die Frau erwähnte, es sei von ihrer verstorbenen Großtante. Dann kam die 90-jährige gebeugte Großmutter, sie verschwand wieder und kam mit der kunstvoll über und über bestickten wunderschönen Tasche zurück. „Die sollen sie haben“, sagte sie. „Ich werde ja bald sterben. Meine Schwester hat sie vor langer Zeit angefertigt. Keinem meiner Kunden ist die kleine Eulen-Arbeit meiner Schwester aufgefallen. Die Tasche wird gut in Ihren Händen aufgehoben sein!“ Sie verbeugten sich, ich verbeugte mich, sie verbeugten sich. Ich bin jetzt noch ganz gerührt ...

Sayonara Japan Ich bin auf dem Weg zum Flughafen. Zurück nach Europa. Meine Haut ist noch vom „Onsen“, den heißen Bädern, leicht gerötet. Bis auf einmal Koreanisch aß ich ausschließlich Japanisch. Vom Jägereintopf über Sashimi bis zum eingelegten Gemüse war alles dabei. Trotzdem weiß ich jetzt: Ich kann nicht behaupten, dass ich die japanische Küche kenne. Höchstens: Ich kenne die japanische Herbstküche. Japaner kochen nach den Jahreszeiten. Mir fehlen also noch drei Viertel der Küche. Manche Speisen waren so köstlich, dass man vor Lust stöhnen mag. Einem einfachen Salat aus Lotoswurzel, Karotte und Chili seufze ich jetzt noch hinterher. Ich reise ab und fühle mich reich beschenkt. Menschlich wie kulinarisch. Ich verbeuge mich in tiefem Respekt vor Japan und seinen Bewohnern.

Sarah Wiener

Einmal im Jahr geht die Köchin fürs Fernsehen auf Reisen. Im Zuge der „Kulinarischen Abenteuer“ fuhr sie mit ihrem roten Käfer in den letzten Jahren schon durch Frankreich, Italien, Österreich und England. Das flotte Cabrio war beim Abstecher nach Asien nicht mit an Bord.

Die kulinarischen Abenteuer im Land der Sushi & Stäbchen werden 2014 auf arte und im ORF ausgestrahlt. www.sarahwiener.de

Sarah Wiener in Marrakesch:

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