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Debatte
08/12/2019

Pro und Contra: Soll man beim Essen teilen?

Teilen ist das neue Haben. Kein Wunder, dass spanische Tapas so im Trend liegen. Hier ein bisschen probieren, dort ein wenig kosten. Alles gehört allen auf der gemeinsamen Tafel. Oder?

von Marlene Auer, Barbara Reiter

PRO: Teilen für mehr Genuss

von Marlene Auer

Es gibt Dinge, die möchte ich ganz für mich alleine haben. Mein Haarshampoo zum Beispiel, mein iPad mit den persönlichen Lesezeichen oder mein Sofakissen aus Leinen. Beim Essen aber herrscht das Gebot: Teile und erlebe! Gemeinsam zu speisen, noch dazu aus denselben Schalen und Schüsseln, ist ein Akt modernen Genießens. Es bringt Menschen einander näher („Was wollen wir denn alles bestellen?“), kräftigt soziale Empathie („Du kannst gerne das letzte Stück haben!“) und mündet im paarartigen Schnaufen nach dem Mahl („Bist du auch so satt wie ich?“).

Tapas verbinden und werden endlich salonfähig. Nicht nur spanische Bars, auch Spitzenrestaurants tischen zunehmend die kleinen Snacks auf, setzen einander unbekannte Gäste an große Tafeln. Gemeinschaftliches Essen ist populär wie nie zuvor.

Schleierhaft nur, wieso das so lange auf sich warten ließ. Einerseits gab es noch nie so viele Single-Haushalte, andererseits steckt das häppchenhafte Essen tief in unseren Genen. Bevor der Frühmensch das Kochen erfand, pflückte er da eine Beere, dort einen Pilz oder knabberte einen Knochen mit Fleisch ab. Die Feuerstelle war schließlich der Ursprung des gemeinsamen Zubereitens – und Speisens.

Seit jeher lösen Menschen außerdem Konflikte am Esstisch. Ein gemeinsames Essen vermag zu richten, was ein Gespräch alleine oft nicht erreicht: Vertrauen zu schaffen. In der Geschichte luden Herrscher daher bei Verhandlungen zu üppigen Tafeln, in der modernen Geschäftswelt signalisiert ein Essens-Termin Verbundenheit. Und dabei von allem kosten zu können, ist doch das Beste überhaupt!

CONTRA: Warum mir Teilen gar nicht schmeckt

von Barbara Reiter

Zum Glück bin ich mit vielen guten Eigenschaften gesegnet (wie eh jeder Mensch), aber auch mit ziemlich blöden, die mich regelmäßig in die Bredouille bringen.

Das Problem heißt Zunge, und ist manchmal schneller als das Hirn. Will heißen: Drauflosplappern, bevor man weiß, was. So kam es, dass ich bei einem Bar-Gespräch zum Thema "Häppchen für alle" lossprudelte: "Dieses ganze Zeug, wo dir jemand ständig wegisst, was du gerade selbst anvisiert hat, schmeckt mir gar nicht." In der Realität hab ich gesagt: "Teilen? Sicher nicht!" Mit dieser Aussage, so die spätere Erkenntnis, kann man eigentlich nur verlieren. Nur Egos teilen nicht, wobei ich, wirklich wahr, kein Ego bin. In Wahrheit geht es nur darum, dass ich beim Essen-Teilen immer den Kürzeren ziehe.

Restaurantszene: Protagonisten sind eine Platte Sushi – bis auf ein Stück leer – er und ich. Er: "Magst du noch?" Ich: „Nein, nein, nimm nur du!“ Eine glatte Lüge, aber aus irgendeinem Grund habe ich immer den Drang, dem anderen mehr zuzugestehen als mir. Was Freud dazu sagen würde?

Es ist mir auch noch nie passiert, dass ich das letzte Stück, auch das vorletzte, nicht gerne selbst gegessen hätte. Bei Tapas geht es mir freilich genauso. Erstens werden in der Regel auch Varianten bestellt, die ich nicht unbedingt mag, aber garantiert sage: "Ja, das bestellen wir!" Zweitens sind die Tapas, die mir am besten schmecken, meist auch bei anderen beliebt. Und wenn nur noch eines übrig ist und die Frage folgt: "Magst du noch?", wissen Sie jetzt, was ich sage. Und damit wissen Sie auch, warum ich Teilen beim Essen nicht mag.