freizeit
29.09.2018

Literatur: Es geht Nichts über den ersten Satz

Der Auftakt eines Romans soll faszinieren und neugierig auf das Folgende machen. Aber nicht jeder beginnt mit einem aufregenden Anfang.

Wie heißt es so treffend? Am Anfang war das Wort. Umso mehr gilt für jeden Möchtegern-Bestsellerautor: Mit welchen Worten soll man einen Roman eröffnen? Und mit wie vielen?  


Einmal nachlesen. Schon drei Wörter reichen offenbar, um es als Autor in die All-Time-Bestenliste zu schaffen. Mit einem saloppen "Nennt mich Ismael" schwingt sich Herman Melvilles Moby Dick auf, um den Kampf der Spezies Mensch mit der Natur auf den folgenden hunderten Seiten auszubreiten. Auch Günter Grass reichte in Der Butt ein knappes "Ilsebill salzte nach", um vor einigen Jahren bei einem Wettbewerb der Deutschen Stiftung Lesen als Bester Erster Satz ausgezeichnet zu werden. Dabei geht es noch knapper. Schon mit einem en passant hingeworfenen "Unmöglich" schaffte es der einstige Jungautor Benjamin v. Stuckrad-Barre, unsere Neugierde auf seinen Roman Livealbum zu wecken. Oder wie wär’s mit Vladimir Nabokovs verheißungsvollem und vergleichsweise elaboriertem Einstieg in Lolita, sein einstiges Skandalwerk. "Lolita, Licht meines Lebens, Feuer meiner Lenden". Schwer möglich, hier nicht weiterzulesen.

Auch nicht ohne Reiz ist Patrick Süßkinds epische Eröffnung seines Bestsellers Das Parfüm: "Im achtzehnten Jahrhundert lebte in Frankreich ein Mann, der zu den genialsten und abscheulichsten Gestalten dieser an genialen und abscheulichen Gestalten nicht armen Epoche gehörte."

 Dabei geht es wesentlich länger, um nicht zu sagen umständlicher. Beinahe einen ganzen Absatz verwendete Philip Roth für das Intro seines Romans Der menschliche Makel: "Im Sommer 1998 gestand mir mein Nachbar Coleman Silk, der, bevor er zwei Jahre zuvor in Ruhestand gegangen war, über zwanzig Jahre Professor für klassische Literatur am nahe gelegenen Athena College und darüber hinaus sechzehn Jahre Dekan gewesen war –, dass er, im Alter von einundsiebzig Jahren, eine Affäre mit einer vierunddreißigjährigen Putzfrau hatte, die in der Universität arbeitete".

Wenigstens geht es dabei um eine delikate Angelegenheit, mag man einwerfen. Thomas Bernhard strapazierte für den Einstieg in seine Novelle Die Billigesser sage und schreibe mehr als eine ganze Seite, ohne auch nur den Hauch einer Delikatesse zu erwähnen. Exakt 189 Wörter auf immerhin 30 Zeilen benötigte er, um uns lediglich mitzuteilen, dass es seinen Protagonisten regelmäßig in eine Ausspeise auf der Döblinger Hauptstraße drängt. Ein knapper Auszug gefällig?  "Auf dem seit Wochen gegen Abend, seit drei Tagen regelmäßig auch in der Frühe gegen sechs Uhr zu Studienzwecken unternommenen Weg in den Wertheimsteinpark ... sei er auf einmal und urplötzlich anstatt wie schon gewohnheitsmäßig zur alten Esche zur alten Eiche gegangen und dadurch auf die von ihm so genannten Billigesser gekommen ..."

Spannung schaut anders aus. So etwa: "Als ich Terry Lennox zum ersten Mal zu Gesicht bekam, lag er betrunken in einem Rolls-Royce Silver Wraith draußen vor der Terrasse des Dancers."

Wer wissen will, wie es weitergeht, sollte Raymond Chandlers Der lange Abschied lesen. Ebenfalls packend, wie Paulus Hochgatterer seine Erzählung Wildwasser vom Stapel lässt: "Der Tag, an dem ich von zu Hause wegging, um meinen Vater zu suchen, war der Tag, an dem Johnny Herbert den Grand Prix von Silverstone gewann."

Was nicht heißt, dass Pageturner packend beginnen. Bernhard Aichner etwa genügte eine simple Feststellung, um sein Faszinosum Totenhaus zu eröffnen: "Man hört, wie sie atmet."

Wie man es dreht und wendet, kostet der Start eines neuen literarischen Abenteuers auch die Autoren eine gehörige Portion Gehirnschmalz. "Literaturbeilage: Herr Haas, ich habe lange hin und her überlegt, wo ich anfangen soll", heißt es etwa in Wolf Haas' Das Wetter vor 15 Jahren.


(Auto-)Biografen haben es vergleichsweise leicht, sie fangen einfach beim Anfang an. So wie Hardrock-Legende Lemmy in White Line Fever: "Am Heiligabend 1943 erblickte ich als Ian Fraser Kilmister das Licht der Welt." Natürlich geht so etwas auch bedeutend kunstvoller. Vor mehr als 250 Jahren formulierte der englische Landpfarrer, Gentleman und Schriftsteller Laurence Sterne das in seinem Jahrhundertwerk Tristram Shandy wie folgt: "Ich wollte, mein Vater oder auch meine Mutter, oder eigentlich beide – denn es wäre wirklich beider Pflicht und Schuldigkeit gewesen – hätte sich ordentlich zu Gemüte geführt, was sie tun wollten, als sie mich zeugten."

Der nur scheinbar banale Satz "Ich befinde mich in einem Büro, umgeben von Körpern und Köpfen" ist der Einstieg in ein Jahrhundertwerk –  in das  1.552-Seiten Epos Unendlicher Spaß von David Foster Wallace.

Aber man kennt das ja schon von Marcel Prousts Auf der Suche nach der verlorenen Zeit. Diese nimmt mit der wirklich bescheidenen Offenbarung  "Lange Zeit bin ich früh schlafen gegangen" ihren Anfang. Kein Vergleich zum Mann ohne Eigenschaften. Robert Musil legte hier  die Latte in diesem Genre der vergleichenden Literatur sehr, sehr hoch. "Über dem Atlantik befand sich ein barometrisches Minimum; es wanderte ostwärts, einem über Rußland lagerndem Maximum zu, und verriet noch nicht die Neigung, diesem nördlich auszuweichen."

Wie bitte? Wenige Zeilen später übersetzte  Musil diese komplexe Satzkonstruktion auch für Normalleser: „Mit einem Wort ..., wenn es auch etwas altmodisch ist: Es war ein schöner Augusttag des Jahres 1913.“ Man sieht,  bei der Moderation der Wettervorschau ist tatsächlich viel Luft nach oben.

Wenig Luft blieb einigen Protagonisten in Christoph Ransmayrs Cox oder Der Lauf der Zeit:  "Cox erreichte das chinesische Festland unter schlaffen Segeln am Morgen jenes Oktobertages, an dem Qianlong, der mächtigste Mann der Welt und Kaiser von China, siebenundzwanzig Steuerbeamten und Wertpapierhändlern die Nasen abschneiden ließ." Autsch!

Da ist es ratsamer, von hinten  zu beginnen. Oder so wie Wolf Haas. "Mit dem Ende beginne ich streng genommen ja auch nicht. Sondern mit dem ersten Kuss." Schluss.