Tiroler Schuh-Tradition schaffte es sogar auf den Laufsteg in Paris
Es gibt Orte, die von Traditionen leben. Ein solcher ist auch die Manufaktur der Familie Hartl in Stumm im Zillertal. Hier werden Schuhe produziert, aber keinesfalls gewöhnliche. Es ist eine der letzten Bastionen eines fast schon in Vergessenheit geratenen Handwerks: die Doggl-Herstellung. Als Doggl werden spezielle, traditionelle Filz-Hausschuhe aus Schafswolle bezeichnet.
Kunst aus Wolle
Der Doggl ist kein Schuh wie jeder andere. Seine Ursprünge reichen 200 bis 300 Jahre zurück, vielleicht sogar noch weiter. Damals, als die Bauern in den Alpen Selbstversorger waren, wurde aus dem Wenigen, was vorhanden war, das Nötigste gefertigt – darunter auch warme Hausschuhe für den Winter. Schafe hatte man, also wurde aus ihrer Wolle ein Schuh gemacht, der den harten Bedingungen standhielt.
„Der Herbst war immer Dogglzeit“, erzählt Günter Hartl, der mit seiner Familie heute die Doggl-Produktion am Leben erhält. „Zillertal ohne Doggl kann man sich nicht vorstellen. Je weiter man ins Tal reinkommt, desto mehr Tradition hat der Doggl.“
Damals wie heute wird der Zillertaler Doggl aus reiner Schafwolle gefertigt. Daher sollte man ihn auch keineswegs unterschätzen. Er ist mehr als nur ein gemeiner Hausschuh. Wegen seiner isolierenden Eigenschaften wurde er früher nicht nur im Haus getragen, sondern auch als Winterschuh im Freien verwendet. Und obwohl jede Region in den Alpen ihre eigene Version des Hausschuhs entwickelte, erkennt man den originalen Zillertaler Doggl sofort: hellgrau wie das Steinschaf mit einem markanten schwarzen Rand.
Günter und Marion Hartl fertigen die Zillertaler Doggln auch noch heute ganz traditionell an.
Was den Doggl von anderen Hausschuhen unterscheidet, ist seine aufwendige Herstellung. „Wir verwenden gewebte, gefilzte und gewalkte Schafwolle – jede hat ihren Platz: außen Loden, innen gewalkte Wolle, die Sohle aus Filz“, erklärt Hartl. Bis heute ist die Sohle nicht aus Kunststoff, sondern rein natürlich. „Das macht den Doggl besonders nachhaltig und sogar kompostierbar.“
100 % Handarbeit
Die Fertigung ist reine Handarbeit. Vier bis fünf Stunden dauert es, bis ein Paar fertig ist. Das markanteste Detail: der handgeschnittene Ausschnitt, der laut dem Fachmann gar nicht maschinell erzeugt werden kann. „Die industrielle Fertigung von einem Doggl halte ich für ausgeschlossen – nicht in dieser Qualität“, betont Hartl.
Ein besonderes Highlight der traditionellen Machart ist der Kleber: „Der ‚Papp’ ist bei uns einfach Roggenmehl und Wasser. Wir machen das im Zwiebelsystem – vier Wollschichten werden verklebt.“ Und wie bei allem anderen kommt es auch beim Mehl auf die richtige Qualität an. „Es darf nur ein bestimmtes Tiroler Roggenmehl sein. Da sind wir eigen.“
Für Hartl ist eine industrielle Fertigung von Doggln nicht möglich, er bleibt der traditionellen Herstellung treu.
Frauenhandwerk
Die Doggl-Tradition ist untrennbar mit Frauen verbunden, denn sie waren es, die früher die Restwolle zum festen Schuhwerk verarbeitet haben. „Die Schuster haben sich damals noch zu Höherem berufen gefühlt – das war ein reines Frauenhandwerk“, sagt Hartl. Generationen von Hausfrauen fertigten die Hausschuhe in mühevoller Handarbeit an.
Dieses Wissen war früher noch in fast jeder Familie im Tal vorhanden, mittlerweile ist es jedoch stark gefährdet. „Das Handwerk verschwindet leider. Es gibt nur mehr wenige, die es wirklich traditionell umsetzen können“, erzählt er. Auch in seinem Betrieb haben die Frauen beim Dogglmachen die Nase vorn. Familienbetrieb mit Herz. Seit 1995 führen Günter und seine Frau Marion Hartl die Firma – in vierter Generation. Auch ihre Kinder und sogar die 82-jährige Schwiegermutter Gretel arbeiten fleißig mit. „Jeder hat seine Aufgabe – und Marion ist sowieso die bessere Dogglmacherin“, gibt Günter lachend zu und betont, dass der Betrieb ohne ihren Fleiß und ihr Talent keinesfalls überlebt hätte. Besonders dankbar ist Günter aber auch seinen drei Mitarbeiterinnen Anna, Andrea und Sophia: „Sie sind immer an unserer Seite und leisten einen maßgeblichen Beitrag zum Erfolg.“ Früher ein Dorfschuhgeschäft, hat sich der Betrieb von Günter und Marion auf die Doggln spezialisiert und inzwischen einen internationalen Ruf erarbeitet. „Wir haben Kunden aus der ganzen Welt – von Babygrößen bis zu Erwachsenen. Da gibt es nach oben hin kein Limit.“
Die Doggl sind Frauensache - früher wie heute. Auch Günter gibt zu: „Meine Frau ist die bessere Dogglmacherin.“
Herausforderungen
Jedoch stoßen auch sie zunehmend an Grenzen. Besonders die Materialbeschaffung wird laufend schwieriger: „Die gewalkte Wolle haben wir immer von einer bestimmten Tiroler Firma bekommen, die nun aber schließen musste. Jetzt müssen wir neue Wege finden,“ so der 55-Jährige. Oft würden Kunden neue Firmen empfehlen, sagt er. Diese seien aufgrund des hohen Qualitätsstandards meist in Österreich, Deutschland oder Italien ansässig. Mit der Möglichkeit, Wolle aus China zu kaufen, hat sich der Zillertaler erst gar nicht beschäftigt. „In dem Fall wüsste ich nicht, wie es weiterginge“, sagt er.
Maßarbeit
Trotz oder gerade wegen dieser tiefen Verwurzelung in der Tradition, hat sich der Betrieb Hartl stets weiterentwickelt. „Wir fertigen auch Maßschuhe an – für Menschen mit speziellen Bedürfnissen. Erst kürzlich haben wir eine Dame in Deutschland beliefert, die sonst keine passenden Schuhe fand“, berichtet Hartl, der selbst drei Doggl besitzt. Ein maßgeschneidertes Paar und dann noch zwei weitere - meist Prototypen, denn die neuen Modelle werden vorab vom Chef persönlich geprüft, ehe sie der Kundschaft präsentiert werden. „Das lass’ ich keinen anderen machen“, so Günter. Dieser Prozess kann dann auch schon mal mehrere Jahre in Anspruch nehmen.
Immer was Neues
Von Stillstand ist Günther kein Fan. Er muss immer Neues ausprobieren. Inzwischen gibt es auch modernere Dogglvarianten. „Das Design hat sich teilweise verändert – außen darf es auch mal kein Wollstoff sein. Aber das Innenfutter bleibt Wolle, das ist uns wichtig.“ Denn nur dadurch kann der Doggl auch das ganze Jahr über getragen werden. „Die Wolle sorgt dafür, dass der Schuh im Winter wärmt und man im Sommer darin nicht schwitzt“, erklärt Hartl und warnt ausdrücklich davor billige Modelle aus Kunststoff zu kaufen. „Da braucht man sich nicht wundern, wenn man schwitzt.“
Auch in Sachen Personalisierung ging man bei den Hartls neue Wege: „Wir haben die Schuhe zuerst bedrucken, dann besticken lassen, jetzt machen wir das selbst. Unser Sohn ist mittlerweile Herr über die Stickmaschinen“, sagt Hartl stolz. So könne man jedes beliebige Design auf den Doggln verewigen. Der Erfolg gibt Günter und seinem Betrieb recht.
Vom Zillertal nach Paris
Der kometenhafte Aufstieg der traditionellen Zillertaler Patschen nahm 2007 mit einer Messe in Hamburg seinen Lauf. Seither eroberten die Doggl nicht nur die Presse, sondern auch die internationale Modewelt. Gekrönt wurde dies 2019 mit einem Anruf vom Label der Punk-Queen Vivienne Westwood. Deren Mann Andreas Kronthaler, ebenfalls aus dem Zillertal, erkannte das große Potenzial der Traditionspatschen und so wurden die Hartl-Doggln in die Haute-Couture-Show eingebaut. „Unsere Doggl waren auf der Pariser Fashion Week. Das war ein riesiger Moment. Da wurde gezeigt: Der Doggl ist nicht nur was für Omas“, erzählt Hartl. Der Schuh ist mittlerweile Kult – und mit einem Durchschnittspreis von rund 140 Euro ein exklusives Produkt und gern gesehenes Geschenk. Für besondere Anlässe gibt es sogar den hohen Schnürschuh mit dickem Lodenstoff aus Hart im Zillertal – ein Stück, das 30 bis 40 Stunden Handarbeit benötigt. „Das sind dann echte Geschenke für besondere Anlässe. Immerhin hält dieser Schuh fast ein Leben lang“, sagt Hartl.
Auch Vivienne Westwood kam auf den Geschmack der Zillertaler Doggln von Hartl: 2019 waren sie Teil der Pariser Fashion Week.
Mehr als ein Hausschuh
Was bleibt, ist ein Gefühl. „Wenn ein Mensch heimkommt und ohne nachzudenken in den Doggl schlüpft, weil er sich darin wohlfühlt – dann haben wir alles richtig gemacht.“ Der Doggl ist eben am Ende doch mehr als nur ein Hausschuh. Er ist ein Stück Geschichte, Heimat, Handwerk und Herz. Und dank der Familie Hartl lebt er weiter – zwischen Tradition und Zeitgeist. „Wir verkaufen nicht nur einen Schuh – wir verkaufen ein Gefühl.“ Ein Satz, der lange nachklingt. Und den man sofort spürt, sobald man selbst in einen Zillertaler Doggl schlüpft.
Mehr zu den Zillertaler Doggln von Hartl finden Sie auch online unter www.zillertaler-doggln.at
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