freizeit
01.12.2018

Johannes Maria Staud: Mein LIEBLINGSBUCH

Über „Place de l'Étoile“ von Patrick Modiano.

Dieses Buch, Modianos Romanerstling, erschienen 1968, ist von einer explosiven Wucht, die ihresgleichen sucht. Der Autor rechnet mit der Kollaboration im von Nazi-Deutschland besetzten Vichy-Frankreich (1940-44) schonungslos ab. In einem wilden, zerrbildartigen Werk, das stets zwischen Wirklichkeit und Fiktion, schriller Persiflage und wütender Abrechnung oszilliert, erlebt die jüdische Hauptfigur, Raphaël Schlemilovitch die Zeit vor, während und nach dem Zweiten Weltkrieg und versucht dabei allen niederträchtigen Vorurteilen seiner Umgebung gerecht zu werden. Modiano, dessen spätere Werke meist in zartem Ton der Opfer gedenken, wendet sich hier den Tätern dieser Schreckenszeit zu. Er nimmt die antisemitischen, kollaborierenden und pamphletisierenden Intellektuellen und Schriftsteller wie Louis-Ferdinand Céline, Drieu de la Rochelle oder Lucien Rebatet aufs Korn - einige von ihnen waren übrigens auch mit dem damals in Paris stationierten Ernst Jünger befreundet. Dieses Werk ist heute hochaktuell – ein Blick auf die Tagespolitik genügt. Ein Ratgeber, der zeigt, dass Wut und intellektuelle Klarheit sich bei der Gegenwartsanalyse nicht ausschließen müssen.

* Seine für die Wiener Staatsoper komponierte Oper „Die Weiden“ gelangt zur Aufführung: 8./11./14./16. & 20. Dezember, www.wiener-staatsoper.at
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