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freizeit
05/17/2019

Großbaustelle "Erde": Nikolaus Geyrhalters Doku versetzt Berge

Der Festival-Erfolg ist ab heute auch in unseren Kinos zu sehen - und schafft Bewusstsein für die Verletzlichkeit unseres Planeten. Mit Video.

Baggerfahren, ein Bubentraum. Aber ist es einmal so weit, fangen für manche die Probleme erst an. Für Trent Wells etwa, einen erdigen Bauleiter, der mit beiden Beinen im kalifornischen San Fernando Valley steht.

Mann mit Traumjob

"Wenn dich ein Mädchen in einer Bar fragt, was du beruflich machst und du sie ansiehst, und ihr ehrlich antworten kannst 'Ich versetze Berge'", sagt der Mann mit dem Traumjob in "Erde", dem neuen Dokumentarfilm von Nikolaus Geyrhalter, "dann wird sie das in Frage stellen."

"Aber es ist wahr", meint Trent Wells, der diese Reaktion sichtlich schon einmal erlebt hat und zuckt mit den Achseln, während gigantische Baumaschinen hinter ihm hin und her fahren. "Wir versetzen Berge. Wir verändern Hektar für Hektar, Meile für Meile die Form des Bodens."

 

     

Das ist nicht einfach so dahergeredet. Nach 115 Minuten "Erde" und Besuchen auf Baustellen und Tagebaugebieten in Kalifornien, einem Brennerbasistunnel, einem Braunkohletagebau im ungarischen Gyöngyös, einem Marmorsteinbruch in Carrara, in den Kupferminen am spanischen Rio Tinto und inmitten der Ölsande im kanadischen Alberta, wird einem klar, wie umfassend und nachhaltig der Mensch seine Heimat bearbeitet.

Mehr als Google Earth

Beeindruckende Bilder sind das eine, ein Bewusstsein für die Verletzlichkeit unseres Planeten zu schaffen, das andere. Regisseur Nikolaus Geyrhalter: "Wir alle kennen Google Earth und sind das Von-oben-Betrachten der Welt inzwischen sehr gewöhnt. Es sind allerdings stehende Fotos. Wenn sich aus dieser Perspektive plötzlich Menschen oder Maschinen bewegen, dann macht das einen großen Unterschied. Es ist auch ein Bild, das Dimensionen und gleichzeitig den Blick auf menschliches Tun aus der Distanz eröffnet. Daraus kann man dann in eine nähere Betrachtung und Reflexion übergehen."    

Ein Bauingenieur am Brenner bringt es auf den Punkt. "Da drinnen bohrt man direkt durch das Fleisch des Gebirges. Das Besondere daran ist, dass man diesen direkten besonderen Kontakt zur Erde hat."

Planet als riesige Sandkiste

Regisseur Nikolaus Geyrhalter, der auch die Kamera bediente: "Betrachtet man die Erde als Organismus, dann ist die Erdkruste als Haut das filigranste Organ. Ich wollte mir die Wunden genauer ansehen, die wir der Erde zufügen." Und: "Mir war wichtig, Orte und Handlungen zu zeigen, die Assoziationen auslösen und nachdenklich machen."

So wie er es auch selbst erlebte, als er vor 20 Jahren einen verlassenen Hof übernommen hat. "Um die Renovierung irgendwie bewältigen zu können, war der nächste logische Schrit einen Bagger zu kaufen. Ich habe es am Anfang fast wie Sakrileg empfunden, die unversehrte Erde aufzureißen, nur um ein Rohr zu verlegen."