© Alexandra Klobouk

freizeit | Gehen
02/02/2019

Die Straße der Wirtshäuser

U6-Ottakring – Thaliastraße – Montleartstraße – Ottakringer Straße – Hernalser Gürtel – Alser Straße: 4500 Schritte

Ich gehe die Ottakringer Straße stadteinwärts, und eines stimmt schon einmal nicht: dass sich hier an jeder Ecke ein Wirtshaus befindet. Ohne jetzt eine Stricherlliste angefertigt zu haben: Wirtshäuser gibt es in Ottakring maximal an jeder zweiten oder dritten Ecke.
Es gibt sogar Weinschenken, gleich bei der Sandleitengasse die legendäre „10er-Marie“, um deren Vorplatz die Ottakringer Straße einen bemerkenswerten Haken schlägt und einer kleinen Fußgängerzone Platz macht, dann auf Nummer 177, eingezwickt zwischen Billa und Copyshop, „Gitti’s Heuriger“, eines der letzten verbliebenen Häuser der Straße, das nicht einmal einen ersten Stock tragen muss, seltsam deplatziert und grundsentimental, und weil mir angesichts des kleinen Heurigen der große Karl Hodina einfällt, mache ich den kleinen Abstecher in die benachbarte Speckbachergasse, wo der „Herrgott aus Sta“ ausgesteckt hat, den Hodina klagend besungen hat, wenn ihm der Sinn danach stand.
Hier in der Vorstadt ist die Ottakringer Straße fast bürgerlich. Biomarkt, Buchhandlung, mongolische Bäckerei, ich überquere die Wattgasse und muss eine kleine Pause machen, das „Café Ritter“ darf nicht unbesucht bleiben, eine Ottakringer Institution, die nur äußerlich den Innenstadtcafés gleicht, aber ein durchaus anderes Besucherprofil aufweist, Nachkriegsgesichter und Kartendippler, die sich mit den angesiedelten Bobos der Yppenplatzumgebung mischen, wie herrlich ist das denn. Ich nehme einen kleinen Braunen und starre vergnügt Löcher in die Luft, bevor ich mich auf den weiteren Weg stadteinwärts mache.
 Die Fassaden erzählen zusehends etwas ungemütlichere Geschichten. Spielsalon, Goldankauf, Möbelbörse, das erste, das zweite, das dritte Nachtlokal, vor dem fette BMWs stehen, Shishageruch, Balkangrill, dann baut sich vor mir auch schon der monumentale Komplex der Ottakringer Brauerei auf, ein Stück mentalitätsmäßiges Weltkulturerbe der Stadt, zumal man sogar schon in Berlin weiß, was ein 16er-Blech ist. Echt, die blecherne Halbliterdose Ottakringer, gebürtig aus dem Gemeindebezirk Nummer 16, macht Karriere.
 Ich betrachte die stolz ausgestellten, monumentalen Brauereigebinde des „Brauwerks“, aber dann bleibt mein Blick auf der anderen Straßenseite hängen, an der auffällig gearbeiteten Fassade des Palais, das Ende des 19. Jahrhunderts für den Brauerei-Inhaber Moriz von Kuffner errichtet wurde, elegant, repräsentativ und großzügig. Geschäft und Gewinn haben hier augenfällig Stellung bezogen, sozusagen Ursache und Wirkung.
 Ich gehe über den Johann-Nepomuk-Berger-Platz weiter Richtung Hernalser Gürtel, am eleganten Baldiahof vorbei, und von der nahen Manner-Fabrik weht es Schwaden von Schokoladenduft in die Ottakringer Straße, über den der falsche Wiener Martin Spengler das schöne Lied „Schokoladnwind“ geschrieben hat. Der Gürtel schneidet die zusehends bescheidener werdende Ottakringer Straße auf Nummer zehn ab. Wo früher ihr Anfang war, heißt es heute Alser Straße. Die interessantesten Spuren sind verwischt.

christian.seiler@kurier.at

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