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freizeit
08/30/2019

Geboren vor 222 Jahren: Wie Mary Shelley das Böse zum Leben erweckte

Mary Shelley war noch keine 20, als sie im Wachtraum der Horror küsste. Alles begann am Genfer See.

von Bernhard Praschl

So ein Schicksal. Ihn kennt jeder, obwohl er häufig mit seinem – namenlosen – Geschöpf verwechselt wird: Victor Frankenstein. Sie aber gilt – zumindest in unserem  Sprachraum –  als große Unbekannte: Mary Shelley (1797-1851). Ihr 1818 erschienener Roman „Frankenstein oder Der moderne Prometheus“ sollte erst 1912 in Leipzig erstmals in deutscher Übersetzung vorliegen.

DIE Grusel-Ikone

Frankstein also. Jung und wissbegierig macht er sich „in einer tristen Novembernacht“ daran, aus toter Materie einen künstlichen Menschen zu erschaffen. Tatort: Eine Studentenbude in Ingolstadt, damals einer der angesagtesten Thinktanks. Das Experiment gelingt. Endet aber fatal. Die ungeliebte Kreatur rächt sich an ihrem Schöpfer. Und wird damit nicht nur zur Grusel-Ikone par excellence. Das Monster gilt bis heute als warnendes Mahnmal für (noch) unabsehbare Folgen allzu exaltierter Wissenschafts-Fantasien – etwa die  prophezeite Verschmelzung Mensch-Maschine. 

Dabei hat alles so romantisch begonnen.  Im sommerlichen Dauerregen des Jahres 1816 vertrieb sich ein illustrer Kreis in einer Villa am Genfersee die Zeit mit dem Erfinden schauerlicher Storys. Neben Poet Lord Byron und seinem Leibarzt John Polidori waren auch der Dichter Percy Bysshe Shelley und dessen Geliebte Mary Wollstonecraft Godwin zugegen.

Ein Gedankenspiel

Deren Fantasie wurde besonders durch damals brandneue Versuche mit Elektrizität beflügelt, makabre Forschungen an Leichenteilen zum Beispiel. „Einerseits diente das Gedankenspiel der Unterhaltung, andererseits trug es dazu bei, in unerforschte Regionen des Geistes vorzudringen“, schrieb die Autorin 1831 in der überarbeiteten Ausgabe ihres ursprünglich anonym veröffentlichten Werkes „ Frankenstein“.

Die unbekannte Mary

Das Getöse zum 200-Jahr-Jubiläum von "Frankenstein" mag einigen noch in Erinnerung sein. Um Mary Shelley hingegen ist es still geworden. Im US-Magazin "Newsweek" wurde im Vorjahr an sie erinnert. Bis auf kleine Schriftstellerzirkel wird sie wohl weiterhin eine Existenz im Verborgenen führen.    

Für Stephen King gilt die Geburtsstunde des horriblen Wesens als „eine der verrücktesten britischen Tee-Parties aller Zeiten“. Für Hollywood ist es eine nie endende Sternstunde. Vom ersten, 1910 von Elektrizitätsguru Thomas Edison produzierten stummen „Frankenstein“ bis zur Filmbio „Mary Shelley“ mit Elle Fanning (2018) sind Dutzende Verfilmungen entstanden. Nicht wenige machten aus Schauspielern echte Kultstars. Boris Karloff etwa oder „Rocky Horror Picture Show“-Akteur  Tim Curry als Dr. Frank N. Furter vom Planeten Transsexual aus der Galaxie Transylvania.

Frankensteins von heute

Die Frankensteins von heute treiben sich freilich nicht auf Friedhöfen herum, sondern in  Laboratorien und Genom-Kliniken, die oft eher Zen-artigen Wellness-Lounges gleichen als sterilen Forschungsstätten. Dem US-amerikanischen Biochemiker Craig Venter etwa gelang als Erster die Entzifferung des menschlichen Erbguts.  Das ist auch bereits fast 20 Jahre her.

Seither hat sich die Genom-Forschung  enorm entwickelt, vergleichbar der Steigerung der Rechenleistung von Computern. Apropos Computer: Sie sind der Grund, warum sich unter  diese Wissenschaftsszene immer mehr Vertreter aus Silicon Valley mischen. Menschen wie die so genannten Transhumanisten, zu denen sich der 70-jährige Google-Futurist Raymond Kurzweil zählt. Er ist nicht nur bekannt für die Herstellung von Synthesizern und die Erfindung der Technik hinter Flachbettscannern, sondern träumt von einer Zukunft, die nicht einmal Doktor Frankenstein zu erträumen wagte.

Im Jahr 2045, so Kurzweil, soll die technologische Entwicklung so weit vorangeschritten sein, dass wir  Menschen mithilfe der künstlichen Intelligenz dazu befähigt sein werden, Unsterblichkeit zu erlangen.


Für Kurzweil wird es wohl ein enges Rennen, 2045 wäre der nicht unumstrittene Visionär 97 Jahre alt. Aber egal, vielleicht heißt es ja schon bald: 120 ist das neue Hundert!