© DIRK SPATH for Kaviar Gauche

freizeit
10/12/2019

Fashion Week: Diese Visagisten-Tricks funktionieren auch im Alltag

Während der Modewochen werden auch Beauty-Trends präsentiert. Die "freizeit" hat Visagisten bei der Arbeit über die Schulter geschaut.

von Maria Zelenko

Stück für Stück klebt Loni Baur vorsichtig die weiß gefärbten Olivenblätter auf die äußeren Augenwinkel des Models. Die Idee dazu kam der Visagistin bereits vor einigen Wochen. "Ich habe mich von Zweigen, die ich auf dem Blumenmarkt gesehen habe, inspirieren lassen", verrät die Deutsche. Als Head of Make-up für Catrice ist der Profi dieses Jahr für den Beauty-Look des Labels Kaviar Gauche während der Fashion Week in Paris zuständig.

Ob ihre ausgefallene Idee auch den beiden Designerinnen Alexandra Roehler und Johanna Kühl gefallen würde, wusste Baur bis kurz vor der Show nicht. "Erst wenn die Kollektion zwei Tage vorher fast fertig ist, kann ich mir einen Überblick verschaffen, was die beiden in der kommenden Saison repräsentieren wollen", erklärt die renommierte Make-up-Artistin. Dann schminkt sie den Look erstmals an einem Model, damit das Designer-Duo diesen anschließend zu einem der neuen Kleider begutachten kann.

Die Probe lief gut, jetzt kümmert sich Loni Baur in den Räumlichkeiten des Pariser Hotels Le Marois bereits seit Stunden gemeinsam mit ihrem Team um die Umsetzung ihrer Vision.

Zusätzlich zu den weißen Blättern, die ein Teil der Models trägt, werden bei allen die Lider mit viel Glitzer akzentuiert – das optische i-Tüpfelchen zur ausschließlich weißen Kollektion von Kaviar Gauche. Dabei verrät Baur gleich einen ihrer liebsten Tricks: "Wenn ich mit Glitzer arbeite, befestige ich immer etwas Klebeband unter dem Auge, damit sich die Partikel nicht auf dem gesamten Gesicht verteilen", erklärt die Visagistin. Ein weiterer Fokus liegt auf den Wangen. Baur: "Rouge ist nach wie vor ein großes Thema. Man will mehr denn je, dass der Teint gesund und frisch wirkt."

Auch im Alltag tragbar

Auf strahlender Haut liegt auch ein paar Tage später bei Kollege Vincent Oquendo der Fokus. Das Label Each x Other hat den Global Artist von Shiseido engagiert, um für die Präsentation der Frühjahr/Sommer 2020-Kollektion einen Beauty-Look zu kreieren. "Ich wollte nicht, dass die Models unter dem Make-up verschwinden. Mir ist es wichtig, dass sie immer noch wie sie selbst aussehen", verrät der US-Amerikaner backstage, während er bei einem der Models etwas Foundation aufträgt. Der Raum im Mona Bismarck American Center for Art and Culture ist voller Stylisten, die mit Pinseln und Föhns ausgestattet sind. Viel Platz ist nicht – dennoch läuft alles überraschend ruhig ab.

Sämtliche Unregelmäßigkeiten abdecken will Oquendo nicht: "Für mich liegt im Unperfekten die Schönheit." Für den Alltag empfiehlt der Profi, Concealer immer erst nach der Grundierung aufzutragen. "Abends, wenn es ein Look mit mehr Deckkraft sein soll, gehe ich umgekehrt vor. Wird zuerst der Concealer appliziert, wirkt das Gesicht wie weichgezeichnet."

Als nächstes widmet sich der Visagist, der oft mit Stars wie Diane Kruger und Maggie Gyllenhaal zusammenarbeitet, den Augen. Oquendo: "Sie sollen geometrisch wirken." Der Profi greift zu einem weißen Kajalstift und trägt diesen präzise entlang des inneren Augenwinkels auf. Immer wieder kommen Kollegen aus seinem Team mit einem anderen Model vorbei, um ihn einen prüfenden Blick auf ihre fertigen Beauty-Looks werfen zu lassen. In rund einer Stunde müssen alle sein Briefing perfekt umgesetzt haben – dann geht es ans Umziehen.

Warum sich Vincent Oquendo für so ein minimalistisches Augen-Make-up entschieden hat? "Wenn ich Konzepte für Shows entwickle, denke ich immer auch an die Frau im Alltag. Dieser Look steht jeder, weil die Augen dank der weißen Linie optisch geöffnet werden."

Zweckentfremdung

Zum Ausprobieren des Show-Make-ups lädt auch Tom Sapin, Senior Artist bei Mac Cosmetics, beim Besuch während der Vorbereitungen für das Defilé des Labels Sacai ein. Die Hälfte der Models soll mit einer modernen Smokey-Eyes-Variante den Laufsteg betreten.

Geduldig wartet eine der Schönheiten, während er zuerst ihre Wasserlinien mit einem schwarzen Kajalstift betont und anschließend eine Linie auf dem Ober- und Unterlid zieht. Dann greift der Franzose zum Pinsel und verwischt diese so lange, bis das Model so aussieht, als ob es sich am Vortag vor dem Schlafengehen nicht abgeschminkt hätte. Es folgen ein paar mit flüssigem Eyeliner dicht entlang des Wimpernkranzes applizierte Punkte. Sapin: "Dadurch wirkt er viel dichter."

Der Blick fällt auf den vor lauter Kosmetika überquellenden Tisch – und greift zu einem unerwarteten Produkt. "Ein bisschen Lippenbalsam in der Mitte des oberen Augenlids macht das Ganze noch interessanter", findet der Profi. Das feuchtigkeitsspendende Produkt hat er zuvor bereits auf den Wangen zweckentfremdet – ein Trick, der auch abseits vom Laufsteg funktioniert. "Er sorgt für einen natürlicheren Glanz als herkömmliche Highlighter-Produkte."

Bei klassischen Smokey Eyes würden jetzt normalerweise ein paar Schichten Wimperntusche folgen. Auf diese verzichtet der Make-up-Artist. "Vergangenes Jahr wurde sehr viel Mascara verwendet. Heuer fällt auf, dass sie deutlich seltener zum Einsatz kommt", sagt der Profi. "In der Beautywelt ist es wie in der Mode: Ein Look wird entweder von allen geliebt – oder eben nicht." Für Wimperntusche gilt fürs Erste: gerne öfter weglassen!