freizeit 11.06.2018

Das himmlische Kind

© Bild: Birgitta Heiskel

Kinder verändern die Welt – und das Leben ihrer Mutter erst recht. Wie, das beschreibt CHRISTIANE TAUZHER.

Über das zarte Pflänzchen unserer Liebe kippte der Olaf einen Kanister Danchlor. Wir saßen damals im Juni vor siebzehn Jahren in der Abendsonne am Donaukanal, mein Kopf lehnte an seiner Schulter. „Weißt Du“, sagte er und streichelte sanft meinen Arm, „ich bin nicht der Typ, der unbedingt heiraten und eine Familie gründen muss.“ „Ach, nein?“, fragte ich und setzte mich ruckartig auf. Das Pflänzchen, aus dem große Liebe hätte werden können, sackte augenblicklich in sich zusammen und alle Farbe wich aus ihm.

Kühler Wind

In dem Moment ging die Sonne unter und es blies ein kühler Wind von Norden her. „Baba!“, sagte ich, stand auf und ging. Dem Olaf war das nicht geheuer. Er brauchte fünf Tage, um es sich anders zu überlegen. „Also, eigentlich“, sagte er, nachdem er mich mit einem Strauß Rosen vor dem Büro abgepasst hatte, „kann ich mir nichts Schöneres vorstellen, als mit dir Kinder zu bekommen.“ Mühsam richtete sich das malträtierte Pflänzchen unserer Liebe wieder auf. Ich ließ den Olaf  noch ein bisschen zappeln und nahm ihn dann beim Wort. Zwei Jahre nach unserer  Hochzeit hatten wir es mit einer Tochter und einem Mops zu einer richtigen Familie gebracht. Ich wollte eine junge Mutter sein und keine, die im gleichen Jahr in Pension geht, in dem ihr Kind maturiert.
Als mich meine Freundin, mit der ich während des Studiums um die Häuser gezogen war, kurz nach der Geburt mit einem strampelnden Bündel auf dem Arm in unserem  spießigen Bungalow in der Vorstadt besuchte, kamen ihr vor Mitleid die Tränen.  Was war nur aus mir geworden? Eine Mutter. Mit schlaffem Bauch zwar und zehn Kilo zuviel – aber ich war eine Mutter. Meine Freundin wollte das Bündel nicht einmal probeweise halten und machte sich rasch wieder aus dem Staub.
 

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© Bild: Birgitta Heiskel

Alles hatte ich mir vorgestellt, nur nicht, dass das Leben mit einem Säugling langweilig werden würde. Am Anfang war es aber genau das. Die Mücke, wie der Olaf und ich unsere Tochter seltsamerweise nannten – vielleicht weil sie klein war, sicher nicht, weil sie lästig war, womöglich weil wir Mausi, Spatzi oder Puppi affig fanden – die Mücke, also, schrie nie, sie schlief die Nächte durch, sie riss den Mund auf, sobald sich ihm ein gehäufter Löffel näherte, sie lächelte unentwegt, war nie krank und uns als Ganzes ein bisschen unheimlich. In den ersten Monaten lief ich viel hinter dem Kinderwagen durch diverse Parks und traute mich nicht, die Zeit sinnvoller zu nutzen, in der Angst, dass die Mücke plötzlich über Nacht ein ganz normaler mühsamer quengelnder Säugling werden könnte und ich dann angefangene Kurse sausen hätte lassen müssen. Naja, ehrlich gesagt, war es auch ganz schön, ein Jahr lang nichts zu tun außer durch Parks zu laufen.

Mücke lernte zu winken

Als ich wieder zu arbeiten begann, war ich in etwa soviel gelaufen wie Forrest Gump und mein Bauch hing nicht mehr. Die Mücke nahm es mir nicht übel, dass ich sie tagsüber abgab. Sie fremdelte nicht, lernte zu winken und ich verdrängte den Gedanken, dass irgendetwas mit ihr nicht stimmte. Wenn der Olaf und ich bei Freunden eingeladen waren, lauschten wir schrecklichen Geschichten von Kinderkrankheiten, Trotzphasen, schlaflosen Nächten und verhielten uns so unauffällig wie möglich. Man konnte es drehen und wenden wie man wollte, die Mücke war ein Goldkind. Zu unseren „größten“ Problemen zählten damals ihre Angst vor dem Haarewaschen und ihr Heißhunger auf Schokolade.
 

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© Bild: Birgitta Heiskel

Es war lächerlich. Das wussten wir und schwiegen deshalb. Wenn wir gar nicht auskonnten, erfanden wir Geschichten. „Ja, im Kindergarten verprügelt sie die Buben“ oder „Sie kommt jede Nacht zu uns ins Bett“ oder „Sie ist ständig krank“.
Der Olaf, der immer hinter meinem Rücken im Auto mit der Mücke Schokolade aß, liebte sie abgöttisch. Kaum war die Mücke ein Schulkind, ortete er überall Gefahren und Ungerechtigkeiten und führte sich auf wie Mel Gibson in „Braveheart“. Ihr war das peinlich. Dass sie täglich um einen Bruder oder eine Schwester betete, konnte man ihr nicht verdenken. Zehn Jahre sollte es dauern, bis der Mini, ein kleines, zartes Büblein geboren wurde. Im Unterschied zu seiner großen Schwester war er ein heikler Pimpf, der feste wie flüssige Nahrung verweigerte.  Er litt unter Koliken, konnte schreien wie ein Schakal und hing an mir wie ein Affenbaby. Endlich hatten wir auch schauerliche Baby-Geschichten zu erzählen. Inzwischen ging die Mücke in ein Gymnasium und die Verwandlung nahm ihren Lauf.  

Das Gold blätterte ab

Das Goldstück von einer Tochter beschloss über Nacht, dass es jetzt an der Zeit wäre aus sich herauszugehen. Das Gold blätterte nach und nach ab, zum Vorschein kam eine willensstarke junge Frau, die sich nichts mehr sagen ließ, die die Augen zu Schlitzen verengte, wenn ich sie etwas bat, die spöttisch lächelte, wenn unsere Meinungen auseinander gingen, die sich meine Stöckelschuhe, Wimperntuschen, Haarsprays unter den Nagel riss und die ihren Bruder „super nervig“ fand. Es hilft, sich ein Mücke-Video von früher anzuschauen. Eines, wo sie winkt und lacht.
Der Olaf isst jetzt meistens alleine Schokolade im Auto. „Hast du dir schon einmal überlegt, dass du fast sechzig bist, wenn der Mini maturiert?“, sagte die Mücke neulich anklagend zu mir. „Echt?“, antwortete ich, „das ist total arg. Danke, dass du mich darauf aufmerksam gemacht hast.“ Der Olaf sagte, dass sie sich da verrechnet haben musste. Die Mücke machte die Augen zu Schlitzen und sagte „haha, seid ihr witzig.“ – Ja, sind wir.

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© Bild: Privat

ZUR PERSON: Christiane Tauzher ist Mutter zweier Kinder. Die frühere KURIER-Society-Reporterin schreibt Bücher und eine Online-Kolumne in der Illustrierten „stern: Mutter in Rage und ihre Kinder.

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© Bild: Goldegg Verlag

Christiane Tauzher, „Ich sage es jetzt zum allerallerletzten Mal“ – Storys  aus dem fast perfekten Alltag einer Mutter, Goldegg, 14,95 €

( kurier.at ) Erstellt am 11.06.2018