© WWW.PICTUREDESK.COM

freizeit
04/12/2014

Grande Dame

Der Eiffelturm – eine "Königin der Nacht". Die berühmte Schriftstellerin Françoise Sagan war zu Lebzeiten in "La Tour Eiffel" vernarrt und schrieb zum hundertsten Geburtstag eine Hommage, die sie heute, 25 Jahre später, vielleicht genauso verfassen würde.

Ehrlich gesagt, ich bin mir nicht sicher, und die täglich wachsende Schar fanatischer Eiffelturm-Verehrer bleibt mir ein Rätsel, das mich verblüfft. Tatsächlich ist der Turm überall in der Welt unglaublich bekannt. So hörte ich in meiner Zeit als bescheidene Globetrotterin mindestens zwanzig Personen begeistert ausrufen: "Oh! Paris! Der Eiffelturm! – so, als wäre das die einzig naheliegende Assoziation zu Paris. (...)

Den Beweis für die ungeheure Popularität des Turms liefern Anzahl und Vielfalt der Varianten – beide von geradezu grotesker Unglaubhaftigkeit – seiner verkleinerten Nachbildungen. Sie werden überall verkauft, und überall kauft man sie: Eiffeltürme aus Bronze, in Kupfer, aus Gusseisen, aus Holz oder Knochen geschnitzt, aus Porzellan oder Plastik, aus weicherem oder hartem Stein, aus Glas oder als Baumwollgewebe, Eiffeltürme mit Beleuchtung, Bemalung, gelb, blau oder rot, mattiert oder phosphoreszierend. Es gibt Eiffeltürme als Salzstreuer, als Senftöpfchen, Tischkaraffen und Lampen, es gibt sie als Schuhanzieher und Dekorationsmotiv, Eiffeltürme als Stehaufmännchen und Catchball-Trichter, es gibt sie in Gold ebenso wie in Gummi, für anspruchsvolle Zwecke wie für indezente, je nach Geschmack. Es gibt Abermillionen solcher Objekte aus sämtlichen vorkommenden Materialien, in allen erdenklichen Größen, für jede nur vorstellbare Verwendung, doch gibt es keine wie immer geartete Symbolfixierung

- Françoise Sagan (1935-2004)

Der Turm fordert weder die Fantasie noch das Erinnerungsvermögen auf unangenehme Art heraus. Der Tower in London gemahnt immerhin an die ermordeten Söhne Edwards IV., die Chinesische Mauer erinnert an Nomadeneinfälle, der Louvre an die französischen Könige. Notre-Dame in Paris ist ein Symbol des Glaubens, die New Yorker Freiheitsstatue symbolisiert die Sprengung der Ketten europäischer Fürstensklaverei, der Eiffelturm jedoch steht für nichts, ist kein Zeichen für irgend etwas, mag er auch unter allen genannten Monumenten das berühmteste sein: Er gemahnt an nichts. Er will auch nichts "aussagen".

Schlicht "Eiffelturm" wird er genannt, und damit hat es sich. Er wurde vor hundert Jahren von verspielten bärtigen Knaben errichtet, um andere kleine bärtige Buben in Erstaunen zu versetzen – das ist alles. Er ist und hat nichts außer dem, was er ist. Dennoch gibt es da eine ähnliche sublime, spurenhafte Ähnlichkeit, etwas das an die Arletty des Films "Hotel du Nord" erinnert, wenn man sie etwa mit der Maria Falconetti der "Passion der Jeanne d’Arc" vergleicht: Die Giraffe ist weder mit Schönheit gesegnet noch mit besonders nobler Gefühlstiefe, verfügt auch nicht über hervorstechenden Chic oder besondere Eleganz, wohl aber besitzt sie Sexappeal und Charme. Ein attraktives, etwas heruntergekommenes, gleichwohl herausforderndes Weibsbild mit nicht übermäßig vielen zurückliegenden Affären und ohne allzu große Zukunftsaussicht konnte schlechterdings kein anderes Ziel haben, keine andere Aufgabe, als seine Besucher zu unterhalten und ihnen Entspannung zu bieten. Sie konnte ihnen weder Obdach gewähren, noch ihnen Heil verschaffen oder sie mit Lust beglücken, sie zerstreute sie einfach. Zugänglich für jedermann, ist sie arg- und zwecklos, und ich möchte betonen, dass ich mich bis ans Ende meiner Tage über etwas freuen werde, das auf dieser Welt, sei es in der Stadt oder an einem Menschen, selbstverständlich zweckfrei und nicht kostenpflichtig ist.

Sie ist mittlerweile 100 Jahre alt, hat sich aber, ungeachtet ihrer schlimmsten Torheiten, bis heute eine geradezu unverschämt makellose Haut bewahrt. Mit hundert Jahren verstecken Frauen sich oder verbergen ihre Falten, legen sich zumindest irgendeinen Schleier über das Gesicht. Nicht so der Eiffelturm. Seit vier Jahren profitiert er im Voraus vom Jahrhundert-Geburtstag und lässt sich taghell von den gewaltigsten Scheinwerfern anstrahlen, setzt sich einer mörderisch grellen Lichtflut aus, wie es sonst keine Frau mit sich geschehen lassen würde, auch eine eiserne nicht. Und seit fünf Jahren ist der Turm auch nicht mehr zufrieden, mit seinem Licht den Parisern die Zeitungslektüre zu erleichtern; er stellt sich vielmehr selbst erleuchtet dar und zeigt sich in voller jugendlich-betagter Frische, prunkt in ganzer Schönheit, den Augen der Pariser zur Freude.

Dafür hat er sich, das darf man wirklich sagen, die schönste Kulisse, den schönsten Hintergrund gewählt, der sich vorstellen lässt: Paris mit dem Pariser Himmel, nachtblau zuweilen, mitunter, wenn es sehr kalt ist, fast marineblau, rosigrot, wenn die Lichter zu rasch vom Nebeldunst aufgesogen werden, jenem blassen, fahlblauen Himmel der Morgendämmerung, fast weiß sich nach Osten dehnend, wo sich ein zartrosa Schimmer zeigt. Der Turm, der sich diese Pracht erwählte, tritt davor mit seiner Silhouette in einer Doppelrolle auf, der Rollenwechsel liegt im Übergang vom Tag zur Nacht.

Das bewirkt, dass die Gesichter der Verehrer stets etwas anderes ausdrücken. Da sind jene, die gegen Abend um sechs oder sieben Uhr aus den Fahrstühlen taumeln, freudig bewegt, Verzückung und Stolz im Blick, mit dem Ausdruck von Menschen, die sich kühn den Winden, der Sonne oder dem Regen ausgesetzt haben, dann die Mienen jener, die die Stadt aus der Höhe ihrer eigenen imaginären Erhabenheit betrachten, die Stadt, die sie mit einer Mischung aus Herablassung und Erstaunen mit Ferngläsern in Einzelheiten zerlegten – diese Gesichter sind völlig andere als die der privilegierten Besucher, die von einem Souper im Turmrestaurant zurückkehren. In deren Augen ist so etwas wie schüchterne Bewunderung zu lesen, die freilich nicht ganz überzeugend wirkt. Tatsächlich gewinnt man den Eindruck, als entstiegen die Besucher der ersten Kategorie gerade der künstlichen Comic-Welt von Tim und Struppi, währen die der zweiten Gattung wirken, als seien sie soeben dem Gott Baal begegnet und hätten teilgenommen an einer heimlichen kultischen Handlung.

Nachts ist der Turm nicht mehr die übermäßig gepriesene und fügsame Geliebte der Zeit um die Jahrhundertwende; im Gegenteil, heute ist sie ein Vamp, die gefürchtete Femme fatale unserer Dramen. Tagsüber amüsiert, nachts beunruhigt sie. Tags erscheint sie mit all ihren zahllosen runzligen Quersprossen und Streben verbraucht und wenig ansehnlich, die altvertraute Komplizin unzähliger fröhlicher Eskapaden; in der Nacht nimmt sie einen hierarchisch-entrückten Charakter an, wie eine jener ägyptischen Gottheiten mit zugleich glückverheißender und unheilvoller Macht.

Am Tage ist sie grau oder von einem rostigen Grüngrau – wer vermag das schon exakt zu benennen? Jedenfalls weist sie die Färbung von mattem, blindem Metall auf, das an den Kanten durch Sonneneinwirkung und Wind und Regen etwas stumpf und erodiert erscheint. Doch in der Nacht macht sie das wett und legt triumphierend ihr funkelndes, glitzerndes Tiefschwarzes an. Tagsüber ist sie aller Hoheit entkleidet, degradiert zu einer Art Reklameträgerin, zum Schauobjekt für Touristen, in der Nacht jedoch verwandelt sie sich in etwas Geheimnisvolles, beinahe Beunruhigendes, tausend Meilen von ihren Ursprüngen und ihrer Geschichte entrückt. Nachts wacht sie, von Lichtgloriolen umgeben, über einem Paris, das dies alles etwas verwirrt zur Kenntnis nimmt. Wenn unsere liebvertraute Riesin sich in die hellbeleuchtete respektgebietende Königin der Nacht verwandelt, wenn sie strahlend illuminiert und phosphoreszierend jäh sich selbst entblößt unter dem gewalthaften Zugriff der Scheinwerfer, dann könnte man fast glauben, hoch oben, in der kleinen, leeren Ampel des obersten Stockwerks, hause ein Geist, der wachend, bewachend, gleichgültigen Blicks oder lebhaft spähend unablässig alle Gassen, alle Behausungen, alle Zimmer der großen Stadt absucht. Heute sitzt keine Mistinguett mehr dort oben, sondern die schwarze Göttin Kali, und bestürzt stellt man plötzlich fest, dass man Angst hat, es könnten sich zwischen Streben auf Treppen oder in Nischen, unheimliche, flüchtig huschende Touristen verbergen, unentdeckt und unsichtbar, Wesen, die keinen Eintritt zahlten, und die, von Geburt an sich verbergend, als fluchgepeinigte Gäste umherirren.

Ja, nachts gewinnt der Eiffelturm poetische Züge, nimmt mythische Dimensionen an. Für die angeblich so blasierten, überheblichen Pariser wird er gewaltig und beredt; er spricht zu ihnen, wie er dies mit schlichten Gemütern aus Amerika oder China tut, die zu ihm streben wie die Heiligen Drei Könige zum Stern von Bethlehem. Ohne ihn bewusst wahrzunehmen, eilen die Pariser zwar den ganzen Tag über zwischen den Beinen des Turms und in seinem Schatten umher, zur Nacht jedoch schaltet wie auf Knopfdruck die Stadt um und macht vor dem Turm eine ehrfürchtige Verbeugung, in der vielleicht auch ein wenig Scheu mitschwingt. Und dies ist gut so, kann es doch keine große Leidenschaft geben ohne eine Spur von Furcht, ohne ein leises Lächeln.

Erstaunlich: Bei dem Wahnsinnsprojekt kam kein einziger der 150, zu Spitzenzeiten auch 200 Arbeiter ums Leben. Zum Vergleich: Bei der gleichzeitig in Schottland erbauten gigantischen Stahlbrücke "Firth of Forth" starben hundert Arbeiter. Für viele Pariser ist der Eiffelturm seit jeher Lieblingssymbol ihrer Stadt.

Françoise Sagan liebte schnelle Autos und den Eiffelturm: "La Tour Eiffel, sie (!)", schrieb die Bestsellerautorin "wacht schützend weiter über die ein wenig konfusen Machos, die französische Männer nun einmal sind (...)". 1989 gab es die "Grande Dame" gleich zum Ausschneiden und Zusammenkleben.

Zahlen bitte!

Bei der Weltausstellung in Paris, 1889, sollte der ganzen Welt gezeigt werden, welchen Höhepunkt man in Frankreichs Hauptstadt zu bieten hatte. Zu Baubeginn 1887 galt der geplante 300-Meter-Turm als Gipfel des Größen- wahns. Die zwei bis dato höchsten Gebäude maßen gerade mal etwas mehr als die Hälfte: das Washington Monument (169,3 m) und der Kölner Dom (157 m). 1931, mit Eröffnung des Empire State Building (381 m) in N.Y., wurde der Eiffelturm erstmals überragt.

Für das Turmprojekt gab es 107 Bewerber. Gustave Eiffel (1832-1923), "Magier des Eisens", bekam mit seinem Plan den Zuschlag – und riskierte damit nicht nur Spott, sondern auch seinen Ruin. Doch dann gelang das Unmögliche – er wurde vom einen auf den anderen Tag weltberühmt. Eiffel fertigte auch die Pläne für das stählerne Skelett der Freiheitsstatue in New York.

7. Mai 1889: Eiffel schrieb in das "Goldene Buch": "Eröffnung der Ausstellung und Zulassung der Öffentlichkeit, endlich! Gezeichnet: Eiffel." Insgesamt würde der Eiffelturm mehr als 10.000 Tonnen auf die Waage bringen, alleine die Turmkonstruktion wiegt ungefähr 7.000 Tonnen. Er ist 324 Meter hoch (inklusive Antenne, seit 1959) und hat eine Gesamtfläche von zirka 200.000 Quadratmeter. Der Bau des Pariser Turms hat damals alles in allem 7.400.000 Francs gekostet.

Die "Königin aus Eisen" setzt sich aus 18.038 Metall-Einzelteilen und mehr als 2.500.000 Nieten zusammen. Die Fundamente sind aus Stahlbeton. Rund 270 Millionen Menschen haben das Wahrzeichen bisher besucht und jedes Jahr kommen nochmals rund 5 Millionen Besucher hinzu. Der zweihundertmillionste Besucher wurde im Jahr 2002 beglückwünscht.

Auf den Turm geht es zu Fuß oder mit dem Aufzug. Den letzten Rekord der Turmbesteigung brach der Triathlet Yves Lossouarn 1995: In 8 Minuten und 51 Sekunden an die Spitze. Der Turm hat drei Plattformen: bei 57, 115 und 276m. Sichtweite bei gutem Wetter: 70 km.

eine Newsletter Anmeldung Platzhalter.

Wir würden hier gerne eine Newsletter Anmeldung zeigen. Leider haben Sie uns hierfür keine Zustimmung gegeben. Wenn Sie diesen anzeigen wollen, stimmen sie bitte Piano Software Inc. zu.

Jederzeit und überall top-informiert

Uneingeschränkten Zugang zu allen digitalen Inhalten von KURIER sichern: Plus Inhalte, ePaper, Online-Magazine und mehr. Jetzt KURIER Digital-Abo testen.