Nothilfe-Leiterin Ukraine: „Wir wissen nicht, wie lange wir noch durchhalten müssen“

Nothilfe-Leiterin Ukraine: „Wir wissen nicht, wie lange wir noch durchhalten müssen“
Seit zwei Jahren tobt der Krieg in der Ukraine. Ein Ende ist nicht in Sicht. SOS-Kinderdorf ist weiterhin für Kinder und Familien da.

„Das Anstrengendste ist, dass wir nicht wissen, wie lange wir noch durchhalten müssen“, beschreibt Yevgeniya Rzayeva den unsicheren Dauerzustand, in dem sie gemeinsam mit Millionen ukrainischer Menschen schwebt. Sie leitet die Nothilfe-Aktivitäten von SOS-Kinderdorf in der Ukraine. 

Seit 2003 ist SOS-Kinderdorf in der Ukraine aktiv. Dadurch konnte die Kinderhilfsorganisation unmittelbar nach Beginn des Angriffskrieges betroffenen Familien vor Ort helfen. Im Organisationsteam ganz vorne mit dabei: Yevgeniya. Von der ersten Minute an fragte sie sich: Was brauchen Kinder und Familien in dieser schrecklichen Situation? Und dank einer großen Welle der Hilfsbereitschaft und vielen Spenden konnte SOS-Kinderdorf die benötigte Hilfe auch umgehend ermöglichen. Etwa mit Evakuierungen, Lebensmittel-Paketen oder der Vermittlung von sicheren Unterkünften.

Nothilfe-Leiterin Ukraine: „Wir wissen nicht, wie lange wir noch durchhalten müssen“

Yevgeniya Rzayeva, Nothilfe-Leiterin von SOS-Kinderdorf in der Ukraine

Nothilfe aus dem Bunker

Als im Februar 2022 in Kiew Bomben fielen, verbrachte Yevgeniya die Nächte mit ihrer Mutter und ihrem 13-jährigen Sohn im Bunker, der so überfüllt war, dass die beiden Frauen keinen Platz hatten, sich hinzulegen. Unter Tags gingen sie kurz in ihre Wohnung, machten sich frisch, kochten etwas, ruhten sich aus. Und Yevgeniya arbeitete. Sie koordinierte Nothilfe-Maßnahmen für SOS-Kinderdorf. „Meine Bewältigungsstrategie, wie sie sagt. Ihre Mutter und ihr Sohn drängten, Kiew zu verlassen. Bereits drei Mal zuvor war Yevgeniya vor dem Krieg geflohen – von Aserbaidschan nach Tschetschenien, dann in die Ost-Ukraine und zuletzt 2014 nach Kiew. Nun ließ die Familie ihr Zuhause ein weiteres Mal zurück.

Für andere da sein

70 % der Mitarbeiter*innen von SOS-Kinderdorf in der Ukraine mussten in den letzten beiden Jahren selbst flüchten und haben Schreckliches erlebt. Trotzdem, oder vielleicht auch gerade, weil sie wissen, wie sich Flucht anfühlt, sind sie unermüdlich für andere da. Im Westen der Ukraine etwa, wo mehrere Millionen Binnenvertriebene seit zwei Jahren auf das Ende des Krieges warten. SOS-Kinderdorf unterstützt Familien dabei, traumatische Erlebnisse zu verarbeiten und sich ein neues Leben aufzubauen. Ein Herzstück dieser Hilfe sind eigenes eingerichtete Familien-Zentren. Dort bekommen Kinder und Eltern individuelle Hilfe – Psychotherapie, Logopädie, Eltern-Workshops, Hilfe bei der Jobsuche, Bastel- und Spielprogramm bis hin zu gemeinsamen Aktivitäten.

Nothilfe-Leiterin Ukraine: „Wir wissen nicht, wie lange wir noch durchhalten müssen“

Nothilfe-Leiterin Ukraine: „Wir wissen nicht, wie lange wir noch durchhalten müssen“

Nothilfe-Leiterin Ukraine: „Wir wissen nicht, wie lange wir noch durchhalten müssen“

Halyna Paranchuk kommt regelmäßig ins Familien-Zentrum in Lemberg. Als die russischen Truppen ihre Heimatstadt Cherson angriffen, war Halyna hochschwanger. Noch am selben Tag brachte sie ihre Tochter Olivia zur Welt, während sie draußen die Einschläge der Raketen hörte. Es folgte das schwierigste Monat in Halynas Leben. Ihre Stadt war okkupiert und es fehlte an allem. Die Nächte verbrachte die kleine Familie am Boden im Gang ihrer Wohnung, um im Falle eines Raketentreffers zumindest dürftig zwischen den Wänden geschützt zu sein. Ein Monat nach Olivias Geburt entschieden sich Halyna und ihr Mann zur gefährlichen Flucht. Denn zu bleiben wäre noch gefährlicher gewesen. In der West-Ukraine musste die junge Mutter komplett neu beginnen. Früher hatte sie gerne gekocht, nun hatte sie monatelang nur gegessen, um zu überleben. „Als ich von SOS-Kinderdorf ein Paket mit Koch-Utensilien bekam, fühlte ich mich wie ein kleines Kind, dem ein Riesenwunsch erfüllt wird.“

Familien nicht im Stich lassen

Geschichten wie Halynas gibt es unzählige in den freundlichen Familien-Zentren von SOS-Kinderdorf. Mütter erzählen davon, wie sie verzweifelt alles zurückzulassen mussten. Und wie wichtig eine helfende Hand ist, die einem für den Neubeginn gereicht wird. „Es gibt nur zwei Optionen: Entweder du stirbst, oder du lebst weiter“, sagt eine Mitarbeiterin von SOS-Kinderdorf. Und darin sind sich alle einig – sie werden weitermachen, so ungewiss die Zukunft auch sein mag.

Auch Nothilfe-Leiterin Yevgeniya weiß nicht, wie ihre Zukunft aussieht. Wir wissen nicht, welche Hilfe es noch brauchen wird. Aber was auch immer nötig ist, werden wir tun, ist sie überzeugt. Denn tausende Familien in der Ukraine brauchen weiterhin Unterstützung. Und SOS-Kinderdorf ist weiter für sie da.

Die Hilfe von SOS-Kinderdorf für Kinder und Familien in der Ukraine wird durch Spenden finanziert. Jetzt mithelfen: www.sos-kinderdorf.at/ukraine