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11/30/2020

Wie wir nach der Pandemie leben werden

US-Architekt Ro Shroff hatte im Homeoffice offenbar etwas Zeit: Unter dem Begriff „Seattle 2030“ konzipierte er eine Lebenswelt, wie sie nach der Corona-Krise ideal wäre. Rausgekommen ist ein echt spezieller Wolkenkratzer im Stadtzentrum …

Social Distancing. Mund-Nasen-Schutz. Möglichst viel Lüften und am besten genau niemandem über den Weg laufen. Ja, die Corona-Schutzbestimmungen sind uns allen mehr als nur geläufig. Und sie führen zwangsläufig zu einer Vision, in der man allein auf einem Hof auf dem Land lebt. Und sicher nicht im Herzen einer Großstadt in einem spektakulären Wohnsilo.

Nicht so aber bei Ro Shroff. Der Partner und Senior-Vice-President von 3MIX, einem internationalen Architektur- und Planungsbüro mit Sitz in Shanghai, Seattle und Hongkong, ist vielmehr genau dieser Meinung: Wir werden im Stadtzentrum in einem Hochhaus leben!

Seattle 2030 als Anti-These

Das sagt der Mann aber nicht nur einfach so. Unter dem Titel „Seattle 2030“ hat er nun ein offizielles Konzept eines wirklich speziellen Hochhauses präsentiert, das aus seiner Sicht der ideale Post-Corona-Lebensraum sein wird.

Einprägsames Zitat des offenbar eher unkonventionell denkenden Experten: „Wenn die Pandemie vorbei ist und jeder aufhören kann, über einen Umzug nach Buxtehude nachzudenken, können wir vielleicht wieder mit dem einfallsreichen Geist in Kontakt treten. Mit der Idee, die das Leben in einer High-Tech-Stadt beflügelt.“ Das habe er eben getan.

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Bevor wir aber versuchen seiner Logik zu folgen, erst einmal ein Blick auf die auch aus Pre-Corona-Sicht spektakulären Eckdaten: Shroffs „Seattle 2030“-Turm würde mit einer Höhe von 402 Meter das derzeit höchste Gebäude der Stadt, das Columbia Center, um 120 Meter überragen. Schließlich brauche Seattle „eine Entwicklung von Weltklasse, nicht nur in Bezug auf das Ausmaß, sondern auch auf die Ikonographie", so Shroff.

Von wegen Stadtflucht

Um jegliche Idee von postpandemischer Stadtflucht im Keim zu ersticken, macht das Konzept von vornherein eines klar: Der Turm soll im Stadtzentrum errichtet werden. Und zwar als sechseckige Konstruktion, die aus drei miteinander verbundenen Untertürmen besteht. Und nun kommen wir schon zum ersten interessanten und offenbar Corona bedingten Aspekt: Im Kern des Gebäudes ist laut Plänen ein gigantischer Hohlraum vorgesehen.

Seattle 2030 soll aus Holz gebaut sein

Dieser hat gleich mehrere Funktionen. Vor allem aber soll darin ein schweres Pendel schwingen, um dem Wolkenkratzer die nötige Standfestigkeit zu verleihen. Eine Technologie, die man aktuell vor allem aus Großstädten in Erdbebengebieten kennt. Hier jedoch hat die künstlich integrierte Masse einen anderen Hintergrund: Der gesamte Bau soll zu 90 Prozent aus Holz errichtet werden! Das sei in den Augen des Star-Architekten aus heutiger Sicht technisch bereits realisierbar. Vor allem aber ist der nachhaltigste aller Baustoffe auch der leichteste und deshalb braucht es das schwere Pendel als Gegengewicht.

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Doch der gigantische Schacht hat noch zwei weitere Aufgaben: Er soll Tageslicht bis in die untersten Etagen einlassen und dafür sorgen, dass das Gebäude stets bestens durchlüftet ist. Ein Punkt, der natürlich auf das Pandemie-Thema einzahlt und auch nicht der einzige Frischluft-Aspekt von „Seattle 2030“ ist.

Fassade als Windfänger

Vielmehr erdachte Shroff eine eigens gezackte Fassade aus individuell manipulierbaren Holzpaneelen. Diese sollen bei relativ mildem Wetter in Seattle in Zusammenspiel mit besagtem Hohlraum eine natürliche Belüftung des gesamten Gebäudes ermöglichen. Dabei sollen zudem so genannte „Spaltgärten“, die zwischen den einzelnen Turm-Elementen eingezogen werden, unterstützend wirken.

In den Überlegungen des Visionärs würden diese die vorbeistreifenden Winde verwirbeln und eigene Windmuster generieren, die den nötigen Sog für den Lufttausch erwirken. Erhofftes Fazit: Die ständige Zufuhr von Frischluft soll in Kombination mit speziellen Filtermembranen alle wie auch immer gearteten Viren konstant aus dem Komplex bugsieren.

Wie ist das mit den Aufzügen?

Womit wir natürlich bei des Pudels Kern angelangt wären: Der Pandemie-Thematik. Und bei der nächsten Frage, die sich zwangsläufig aufdrängt: Wie sollen die Menschen auf die 150.000 m2 des über 400 Meter hohen Turms verteilt werden, wenn große Aufzüge in Wahrheit kein Thema mehr sein dürfen? Stichwort: Social Distancing.

Hierfür hat Shroff eine Vielzahl kleiner Liftkabinen vorgesehen, die sozusagen ständig zwischen den Stockwerken auf- und abflitzen sollen. Und damit sich selbst bei hoher Frequenz keine Menschentrauben bilden, sind die Zu- und Ausstiege allesamt in mehr oder weniger großen Atrien angesiedelt, die ausreichend Frischluft und Platz zum Abstandhalten bieten sollen.

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Doch der aufsehenerregende Plan sieht außerdem vor, dass unser bisheriges Lebens- und Arbeitsmodell komplett auf den Kopf gestellt wird: Klassische Büros solle es in Seattle 2030 kaum noch geben. Vielmehr werden Wohn- und Arbeitsbereiche ineinander integriert sein. Womit sich auch das Thema Homeoffice erledigt, meint der Architekt. Es würde sich einfach eine neue Form der Work-Life-Balance etablieren.

Smart Living im Fokus

Im gleichen Atemzug aber soll in dieser senkrechten Holzstadt dem Thema Freizeit besonders viel Platz eingeräumt werden. Jede Nutzfläche hat eine direkte Verbindung zu vertikalen Gärten, Wasserwänden, Himmelsbrücken, Fahrradrampen, Drohnenhäfen und / oder Haustierparks. Alles auf 88 Geschoße verteilt und so arrangiert, dass mittels intelligenter Leitsysteme jederzeit Bereiche abgesperrt und Besucherströme umgeleitet werden können.

Warum nicht einfach: Stadtflucht!

Stellt sich aber natürlich trotzdem die Frage, warum Ro Shroff nicht einfach romantische Einzelhäuser in die Pampa pflanzen möchte. Stattdessen postuliert er selbstsicher: "Die Flucht in die Vorstädte, die überall propagiert wird, wird sich nicht bewahrheiten!“ Er ist sich vielmehr sicher, dass dichtes und vertikales Wohnen in den Stadtkernen noch attraktiver würde, als es vor der Corona-Pandemie war. Schließlich würde nur hier aufgrund modernster Technik auch jegliche Form des kulturellen Austauschs und des gesellschaftlichen Miteinanders möglich bleiben.

Skypark

Eben das solle sein Seattle 2030 Konzept verdeutlichen. Denn: Auch wenn es vielleicht nie realisiert wird, lässt es die Welt der Stadtplaner und Architekten zumindest in eine neue Richtung denken, ist sich Shroff sicher. Und das ist gewiss gerade in so schwer einzuschätzenden Zeiten wie diesen alles, nur kein Fehler.

Text: Johannes Stühlinger Bilder: 3MIX Images

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