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08/09/2021

Wie eine dekorative Laterne

Das Citizens Design Bureau hat die denkmalgeschützte Synagoge in Manchester renoviert und erweitert. Das Ergebnis ist eine faszinierende Mischung aus alt und neu, aus Backstein und Industrie-Design.

Zwischen einer Baufirma und einem profanen Selfstorage-Unternehmen im Stadtteil Cheetham Hill in Manchester sollte ein Anbau das Manchester Jewish Museum in neuem Glanz erstrahlen lassen und für einen breiteren Besucherstrom sorgen.

Erneuertes Manchester Jewish Museum

Der Anbau sollte einerseits die Synagoge, andererseits die industrielle Umgebung ergänzen, und das auf möglichst anmutige wie aufsehenerregende Art und Weise – so die Vorgabe.

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Einst war Cheetham Hill Zentrum einer blühenden Textilindustrie. Heute ist das Viertel belebt mit Einzelhandelsläden, Lagerhallen und Baustoffhändlern – durchquert von einer Hauptverkehrsader.

In zweijähriger Bauzeit hat das britische Architekturbüro Citizens Design Bureau die Umsetzung gemeistert und die denkmalgeschützte Synagoge restauriert und integriert. Im Juli 2021 feierte das Manchester Jewish Museum Neueröffnung.

Das Ensemble verfügt nun über ein neues Café, einen Laden, ein Lernstudio, eine „Mitmach”-Küche und eine Galerie. All dies soll – über die faszinierende Optik hinaus – zahlreiche Besucher anlocken.

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Die DNA des existierenden Museums, seine biografische Qualität in den Anbau hinein zu bringen – dies war nur eines der Ziele, die sich das Citizens Design Bureau gesetzt hat.

Neues, städtisches „Wohnzimmer”

Ein Museumsbau lebt ja nicht nur im Inneren. Das Außen erzählt immer auch Geschichte. Und so hat das Citizens Design Bureau (CDB) mit viel Feingefühl den modernen Erweiterungsbau entworfen und integriert. Er schließt unmittelbar an die denkmalgeschützte Synagoge aus dem 19. Jahrhundert an. Damit verdoppelt sich die Grundfläche des Museums, freut sich Max Dunbar, Geschäftsführer des Jüdischen Museums Manchester.

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Die älteste Synagoge der Stadt wurde 1874 im maurischen Revival-Stil erbaut. Das Museum selbst wurde 1984 eröffnet. Für die umfangreichen Restaurierungsarbeiten standen rund drei Millionen Pfund aus Mitteln des britischen National Lottery Heritage Fund zur Verfügung.

Die ursprüngliche Synagoge ist ein lebendiges Artefakt im Rahmen des neuen Museumsensembles mitten im historischen jüdischen Viertel Manchesters. Es ist eines der kulturell vielfältigsten Stadtquartiere.

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Der Auftrag des Museums an CDB lautete, das neue städtische „Wohnzimmer” von Cheetham Hill zu gestalten. Die Gemeinde wurde daher bei der Neugestaltung, auch des Museumsprogramms, miteinbezogen. Der partizipative und iterative Prozess umfasste eine Reihe von Maßnahmen, einschließlich der Einladung von Interessensvertretern der Gemeinde und der Bitte, eigene Entwürfe vorzulegen, berichtet die Informationsplattform www.architectsjournal.co.uk.

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Der Anbau mit der Fassade aus Corten-Stahl ist eine Hommage an die Entwürfe des ursprünglichen Architekten der Synagoge, Edward Salomons. Sie zeige wunderschöne geometrische Muster, die von den spanischen und portugiesischen Wurzeln zeugen.

„Wie eine dekorative Laterne”

Die Fassade ist hinterleuchtet und bildet so eine überzeugende Ergänzung zum kunstvollen bestehenden Gebäude. Das Corten ist mit feinen Perforationen versehen: Abstrahierte maurische Motive, die gleichzeitig die heutige muslimische Gemeinde von Cheetham Hill würdigten, heißt es.

Bei Nacht ergibt sich ein schillernder, glitzernder und funkelnder Effekt, „wie eine dekorative Laterne”, freut sich Dunbar. Insgesamt ist es eine interessante Momentaufnahme in dem sonst etwas unübersichtlichen Straßenbild.

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Die architektonischen Motive spiegeln eher die geografische Herkunft der sephardischen Gemeinde wider, als eine ausdrücklich jüdische Symbolik.

Interkulturelle und religiöse Fusion

Gleichzeitig würdige man damit die heutige muslimische Gemeinde von Cheetham Hill. Die Architekten des Citizens Design Bureau wollten damit auch den Dialog über religiöse und kulturelle Unterschiede hinweg, die Verflechtung der Geschichte der religiösen Gemeinschaften zum Ausrdruck bringen. Damit dies gelingt, war es wichtig, religiöse Ikonographie außen vor zu lassen.

Vom Ansatz her erinnert das Projekt an das synkretistische „Abrahamic Family House“ von Star-Architekt Sir David Adjaye. Darin sind eine Kirche, eine Moschee und eine Synagoge in einer außergewöhnlichen Anlage vereint.

Wir hatten das Gefühl, dass wir jetzt mehr denn je in architektonischer Form die Idee ausdrücken können, dass uns mehr eint, als uns trennt.

Katy Marks, Direktorin und Gründerin, Citizens Design Bureau

Geschichte der jüdischen Einwohner Manchesters

Der neue hell beleuchtete Eingang kann nun mit dem belebten Straßenbild von Cheetham Hill konkurrieren. Gleichzeitig lädt er die Besucher von der belebten Straße aus ins Innere ein.

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Zentraler Raum des Erweiterungsbaus ist das Atrium. Es ist dank Oberlichten sehr hell. Und er bietet Platz für die Ausstellung und Lagerung der 31.000 Objekte, die die Geschichte des jüdischen Manchester erzählen.

Im Erdgeschoss befindet sich das Archiv. Das Obergeschoß besteht aus der vom Londoner Büro All Things Studio entworfenen Galerie. Sie ist nun vollständig zugänglich.

Das Medium Essen als Schnittpunkt

Im hinteren Teil des Ensembles befinden sich der Lern- und Gemeinschaftsraum, ebenso die Großküche. Hier finden nicht nur kulinarische Veranstaltungen und Workshops statt. Die Besucher, allen voran Schulklassen, können hier auch gleich die jüdische Kultur und Speisetraditionen über angeleitete Koch- und Backkurse kennenlernen.

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Unter der Leitung von CDB-Gründerin Katy Marks ist es gelungen, ein Gleichgewicht zwischen öffentlichen Gemeinschaftsbereichen und ruhigeren, kontemplativen Räumen herzustellen. Die ehemalige Synagoge wird aber immer wieder auch als Veranstaltungssaal für Konzerte und Auftritte dienen. Dazu wurde die audiovisuelle Infrastruktur geschickt in die vorhandenen Sitze und Balustraden versteckt.

Anhand von Fotografien, Gegenständen, Dokumenten und Räumen erhalten die Besucher einen Einblick in das Leben der Menschen, die in verschiedenen Wellen jüdischer Einwanderung in die Stadt kamen.

Die Museumsleitung kündigt Wechselausstellungen an, über die man sich auf der Webseite im Vorfeld informieren kann. Ebenso bietet das Museum ein Bildungsprogramm für Schulen, Hochschulen und Erwachsenengruppen an.

Der ehemalige Männerbereich der Synagoge ist in seinem alten Glanz erhalten geblieben, mit einer temporären Ausstellung im Hinterzimmer. Die ehemalige Damengalerie beherbergt nun die Dauerausstellung. Im Laden kann man Bücher, Judaica und Unterrichtsmaterial erwerben. Das Erdgeschoss ist barrierefrei.

Aufgebesserte Energiebilanz

Um die Energiebilanz aufzubessern wurde im Dach der alten Synagoge eine Hochleistungsdämmung angebracht. Der neue Anbau wiederum steht auf einer massiven thermisch effizienten Platte mit einem Frischluftschacht im Erdgeschoss.

Text: Linda Benkö Fotos: Joel Chester Fildes, Philip Vile / Citizens Design Bureau

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