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12/27/2021

Wenn die Welt zur Pyramide wird

Die Faszination surrealistischer Bauten animierte das Atelier David Telerman dazu, in der Wüste Arizonas die verkehrte Pyramide McNeal 020 zu errichten. In ihr kann man nun der Sonne beim Wandern zusehen. Und der Erde beim Untergehen.

Obwohl wir bis heute nicht wirklich wissen, welchen Hintergrund Pyramiden für ihre Erbauer hatten, eines ist ungebrochen: deren Faszination. Während jedoch die alten Ägypter, die Maya oder Inka die ungewöhnlichen Bauten vorwiegend als Grabstätten verstanden, wird die Form der Pyramide heute eher als Landmark genutzt. Der wohl berühmteste moderne derartige Bau steht im Herzen von Paris. Der spektakuläre Eingang des Louvre fungiert hier als Tor zur Kunst.

McNeal 020: Verkehrte Welt

Ein gewisses Kunstverständnis muss man wohl auch aufbringen, wenn man den überraschenden Pyramidenbau von Architekten David Telerman verstehen möchten. Denn auf den ersten Blick ergibt sein „McNeal 020“-Projekt nicht wirklich viel Sinn. Gemeinsam mit einem in Frankreich ansässigen privaten Bauherrn hat er eine Pyramide auf den Kopf gestellt, um sie in der Erde zu versenken. Und zwar inmitten einer kargen Landschaft im Südosten des US-Bundesstaats Arizona nahe der mexikanischen Grenze, in McNeal.

Nichts als weite Wüste

Der Zweihundert-Seelen-Ort an der Route 191 ist geprägt vom kargen, rötlichen Boden der Chihuahua-Wüste und umgeben von mehreren am Horizont liegenden Hügelketten. Die Sonne brennt den ganzen Tag herab und nur wenige Touristen verirren sich in diese Ecke, wenn dann nur sehr unabsichtlich.

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Doch genau darum ist es Telerman und seinem anonymen Kompagnon wohl gegangen. „Der Bau möchte die Weite der Wüste auf poetische Weise aufnehmen und sich zugleich von ihr abgrenzen“, sagt der Architekt. Die Pyramide sei der zwischen Architekten und Bauherr geteilten „Faszination für die surrealistische Natur“ von Arizona gewidmet, die schon Künstler wie Max Ernst zu neuen Formen und mehreren Gemälden inspirierte.

Bizzares und Surreales im Fokus

Kurz zum Verständnis: Max Ernst war ein Maler, Grafiker und Bildhauer deutscher Herkunft, der jedoch im Laufe seines Lebens sowohl die französische als auch die amerikanische Staatsbürgerschaft annahm. Mit seinen Gemälden, Collagen und Skulpturen schuf der Künstler rätselhafte Bildkombinationen, bizarre Wesen, die häufig Vögel darstellen. Und fantastische Landschaften.

Auf eben diese referenziert Telerman heute also mit seinem neuesten Wüsten-Wurf – einem wahrlich surrealen und nahezu unsichtbaren Objekt. Der McNeal 020 betitelte Bau erstreckt sich auf einer Grundfläche von 225 Quadratmetern – erscheint aber erst allmählich, wenn man sich ihm nähert. Denn die pyramidale Form auf quadratischem Grundriss wurde eben invertiert in den Boden gesetzt. Treppen führen von allen Seiten auf ein unterirdisch liegendes Plateau.

Rätselhafter Platz in der Mitte

Dessen Mitte bildet ein einziger Raum, umschlossen durch eine quadratische Konstruktion. Deren einziger Sinn: Einer Bank Platz zu bieten. Diese ist der Tür zugewandt und fungiert als offensichtliches Zentrum des zur Gänze aus Stahlbeton gefertigten und an Ort und Stelle gegossenen Gesamtkunstwerks.

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Das quadratische Flachdach des ungewöhnlichen Pavillons liegt auf Bodenniveau. Und den Begrenzungen der Pyramide erstrecken sich vier unterschiedlich lange Linien aus Beton und ragen in die Wüste. Um das Warum hinter ihnen zu verstehen, muss man Telerman fragen.

Er sagt: „Sie brechen die ansonsten vollkommen symmetrische Komposition ein Stück weit auf und holen die Umgebung in das Gebilde. Wenn man das Gelände durch das Tor an der Ostseite betritt, leiten die Betonlinien zum Inneren hin.“ Folge man ihnen bis über den Bau dorthin, wo sie zu schmalen Brücken werden, würde dem Besucher „die Vertikalität des eigenen Körpers und seine Zerbrechlichkeit bewusstwerden, die mit der Angst, herunterzufallen einhergeht.“

Lockender Abgrund

Das soll vermutlich übersetzt ungefähr bedeuten, dass man sie als Leitlinien verstehen kann, die an einen Abgrund führen. Dieser aber ist in Wahrheit die auf den Kopf gestellte Pyramide, in die man dann eintreten darf. Um schließlich zu der Bank am Boden zu gelangen.

Diese stellt freilich nicht nur das optische Zentrum der unterirdischen Skulptur dar. Sie soll den Besucher dazu verleiten, Platz zu nehmen und den Blick zur Tür zu richten. Mangels anderer optischer Reize ist diese auch der einzige Blickfang. Erst wer hier sitzt und sich zudem etwas mehr als nur ein paar Minuten Zeit nimmt, hat die Chance den Hintergrund von McNeal 020 auch wirklich zu erfassen, wie David Telerman betont: „Hier zu sitzen und zu warten, während sich das Licht, das am Ende des Tages ins Innere kommt, vom Boden bis zu den Ecken der Wände erstreckt“, das mache die Faszination von McNeal 020 komplett.

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Wer genug gesehen und die Treppe hinaufsteigt, der würde dann eine Art Neuentdeckung der Welt erleben. „Erst wenn der Erdboden auf Augenhöhe ist, entdeckt man Schritt für Schritt die Wüste.“

In Summe ist die Struktur beim Betreten trotz ihrer Einfachheit die Spannung zwischen der beim Hinabsteigen der Treppe entschwindenden Natur, die beim Emporsteigen wiederum neu erwacht. In Zeiten in denen wir als Menschheit versuchen, eine hausgemachte Klimakatastrophe abzuwenden, geht es bei McNeal 020 wohl ganz eindeutig um ein Sichtbarmachen des drohenden Verlusts.

Und um das Mut machen. Da man den Verlust mit eigener Kraft verhindern kann. Je nachdem, ob man die Treppe nach unten steigt. Oder nach oben.

Text: Johannes Stühlinger Bilder: iwan baan

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