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10/01/2021

Von Hand gemachte “Grad-Wanderung”

An der spanischen Küste haben GilBartolome Architects in einen Hang mit 42 Grad Neigung das House on the Cliff errichtet, das seine Raumtemperatur vollständig selbst reguliert. Und vollständig auf Handarbeit statt industrieller Fertigung beruht.

Es ist immer wieder erstaunlich, wenn unlösbar scheinende Problemstellungen von kreativen Köpfen so gelöst werden, dass dem Außenstehenden der Mund vor Staunen offen bleibt. Gerade in der Architektur finden sich solche Beispiele immer wieder. Eines davon steht an der spanischen Mittelmeerküste.

Viele Steine im Weg

Das sogenannte House on the Cliff. Ein schon auf den ersten Blick spektakulärer Bau. Doch wenn man hinter die Fassade blickt, wird die Sache erst wirklich spektakulär. So standen hinter dem Bauvorhaben eines jungen Paares von Anfang an zwei große Fragezeichen, die einer Realisierung im Weg standen. Einerseits sollte das Haus auf einem Grundstück errichtet werden, das eine Hangneigung von 42 Grad aufweist. Andererseits sollte es in einer Zeit errichtet werden, in der Spaniens Wirtschaft alles andere als florierte. Ressourcen waren knapp und die Preise der Bauindustrie kaum zu kalkulieren.

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Ein Unterfangen, das schlussendlich die Architekten von GilBartolome trotz aller Widrigkeiten reizte. Das Team erinnert sich: „Die Aufgabe bestand darin, das Haus in die herrliche Landschaft, die es umgibt, zu integrieren. Dabei sollten die Wohnräume auf das Meer ausgerichtet werden.“ Und sie erwähnen in ihrer Rückschau einen weiteren Aspekt, der die Angelegenheit zusätzlich erschweren sollte: „Es ging zudem darum, mit einem äußerst knappen Budget und sowohl ehrgeizigen Ideen des Bauherrn zu arbeiten.“

Sonderpreis für Effizienz

Für das, was infolge gelang, dürfen sich die Architekten jedenfalls einen Sonderpreis für effiziente Problemlösung auf die Fahnen heften: Sie nutzten die wirtschaftliche Situation des Landes, um einerseits die Region zu unterstützen und gleichzeitig Kosten zu sparen. Außerdem verstanden sie den steilen Hügel so einzusetzen, dass er das Haus, solange es steht, von jeglichen Heiz- oder Kühlkosten befreit. Aber alles der Reihe nach.

Die Form des Hauses und das einzigartige Metalldach erzeugen eine kalkulierte ästhetische Doppeldeutigkeit zwischen dem Natürlichen und dem Künstlichen.

Die Architekten von House on the Cliff

Als erstes musste naturgemäß die Sache mit der Schräglage des Baugrunds gelöst werden. Dazu nahmen die Architekten nicht nur genaue Vermessungen der Oberfläche vor. Sie analysierten zusätzlich die Substanz des Baulandes, die Erd- und Steinschichten. Das Ergebnis: Der Boden würde ab einer gewissen Tiefe das ganze Jahr über konstant seine Temperatur halten. Diese Erkenntnis führte direkt zur Lösung dieses ersten Problems: Die Fundamente des Hauses wurden so tief in den Hang gegraben, dass das Objekt schlussendlich vollständig in diesem versinken sollte. So war es möglich, die zwei Etagen des Hauses terrassenförmig anzulegen.

House on the Cliff als Energiewunder

Zusätzlich aber konnte so der Energieverbrauch von House on the Cliff maximal minimiert werden! Die konstante Temperatur des Bodens von 19,5 ºC wurde direkt zum Vorteil genutzt. Und zwar so: Zwischen dem Innenraum und den Stützmauern befindet sich ein 40 cm breiter Luftraum, der dazu dient, die Menge an Luft mit einer Temperatur von 19,5 ºC zu regulieren, die in das Haus gelangt.

In dieser, das Haus ummantelnden Kammer, wird also stets Luft in genau dieser Temperatur gebunkert. Je nach Außentemperatur sorgt dann ein vollautomatisiertes System dafür, genau jene Menge dieser kühlen Luft in den Innenraum zu lassen, der benötigt wird, um die gewünschte Raumtemperatur zu halten.

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Infolge ging es dann darum, die von den Bauherrn gewünschte spektakuläre Form des Hauses so zu realisieren, dass die Kosten nicht explodierten. Schließlich wünschte sich das Auftraggeber-Paar eine Optik, die einerseits mit den Konturen des Berges harmoniert und andererseits das Meer, über dem das Haus thront, spiegelt. Kurz gesagt: Kubische Elemente konnten keine sonderlich große Rolle spielen. Alles sollte optisch fließend ineinander übergehen.

Haus der Doppeldeutigkeit

Die Architekten beschreiben das Ergebnis des House on the Cliff im Nachhinein so: „Die Form des Hauses und das einzigartige Metalldach erzeugen eine kalkulierte ästhetische Doppeldeutigkeit zwischen dem Natürlichen und dem Künstlichen.“ Wenn man das Haus von unten betrachtet, würde es laut den Planern wie ein in den Boden eingelassener Drache aussehen. „Wenn man es aber von oben ansieht, wie die Wellen des Meeres.“

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Klingt jetzt alles nicht so nach Billigbauweise. Aber: Irrtum! Aufgrund der wirtschaftlich angespannten Situation waren zur Zeit des Baus zwar industriell gefertigte Bauelemente teuer. Handwerkliche Arbeiten hingegen wurden eher günstig angeboten, weil es an Nachfrage fehlte.

Zwei Fliegen mit einer Klappe

Und so entschied man sich, auch hier zwei Fliegen mit einer Klappe zu schlagen: Es wurden für sämtliche Arbeiten, die es an und in dem Haus zu verrichten gab, ausschließlich lokale Handwerker beauftragt. So wurde die regionale Wirtschaft gestärkt und gleichzeitig konnten die Baukosten im Rahmen gehalten werden!

Überraschende Patent-Lösung

Eine Entscheidung, die sich während der Bauarbeiten noch zusätzlich als Glücksgriff erweisen sollte: Das Dach wurde durch ein handwerkliches Schalungssystem hergestellt, das ein Patent eines örtlichen Ingenieurs nutzt. Vereinfacht ausgedrückt, beruht dieses auf einem hocheffizienten und verformbaren Metallnetz, das die ungewöhnliche Wellenform möglich macht. Und sich schlussendlich noch als günstiger erwies als üblicherweise im Bauwesen verwendete Optionen wie Holz- oder Stahlschalungen.

Die außergewöhnliche Optik des Daches wird übrigens durch Zinkschuppen generiert. Jede Einzelne wurde in Handarbeit hergestellt. Auch dies hat die Kosten im Vergleich zu den von der Industrie angebotenen vorgefertigten Systemen gesenkt. Selbst die Herstellung der Möbel im Innenraum erfolgte vollständig von Hand – allerdings nach digitalen Modellen. „Diese Techniken, die zwischen dem Manuellen und dem Digitalen wechseln, haben eine einzigartige Mischung von Qualitäten hervorgebracht“, sind sich die Architekten sicher.

Lebensqualität, neu definiert

Und die Kreativität aller Beteiligten hat beim House on the Cliff jedenfalls dazu geführt, dass nicht nur jene glücklich sind, die darin nun wohnen. Sondern auch viele Betriebe in der näheren Umgebung. Man kann fast sagen, das junge Paar und das Team von GilBartolome Architects hat Lebensqualität auf ein besonderes Level gehoben.

Text: Johannes Stühlinger Bilder: Jesús Granada

Lesen Sie weiter im UBM Magazin, der Plattform für Immobilienwirtschaft, Stadtplanung und Design.

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