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09/20/2021

Ein Rohr als Wackelkandidat

Der russische Architekt Sergej Kusnezow hat mit seinem wohnlichen Rohr ein Experiment gewagt, das nun unter dem Titel „Russian Quintessential“ für Aufsehen sorgt. Und ihn selbst überrascht.

Sie ist ohne Frage kreativ, die Welt der Architektur. Manche Projekte sind spektakulär. Andere nutzerorientiert, manchmal pragmatisch. Jedenfalls aber eint sie in der Regel ein hohes Maß an Berechnung. Gerade moderne Baumethoden, wie die des Holzbaus verlangen exakte Berechnungen. Kurz gesagt: Niemand baut einfach drauf los und hofft dann, dass die Sache nicht in sich zusammenkracht.

Wer nicht wagt, der nicht ...

Der Moskauer Architekt Sergej Kusnezow aber sieht das offenbar teilweise anders. Er hat bei seinem gerade fertiggestellten Projekt Russian Quintessential auf eben diesen nicht ganz unwesentlichen Aspekt gepfiffen. Ob sein ungewöhnliches Miniheim am Ende auch wirklich stabil ist, blieb bis zur letzten Schraube offen! Niemand in seinem Team konnte voraussagen, ob die Struktur in ihrer freitragenden Position standhalten würde.

Russian Quintessential: klein aber komplex

Denn auch wenn der Bau nicht groß ist, sei die Konstruktion so komplex und die Lage so extravagant, dass keine Berechnung wirklich aussagekräftig gewesen sei. „Die Konstrukteure berechneten mögliche Verformungen, aber mangels einschlägiger Erfahrung konnte niemand mit Sicherheit sagen, wie sich die Struktur und vor allem ihre Verkleidung nach der Installation verhalten würden“, so Kuznetsov.

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Spoiler: Über dem russischen Nikola-Lenivets-Kunstpark nahe der Stadt Kaluga thront das außergewöhnliche Minihaus nun stabil und unverrückbar.

Und zieht die Blicke auf sich. Denn als unscheinbar lässt sich dieses Objekt keinesfalls bezeichnen. „Ich wollte ein Objekt erschaffen, das von Magie erfüllt ist“, sagt der Architekt. Rausgekommen ist ein zwölf Meter langes und dreieinhalb Meter breites Wohn-Rohr, das auf einer Anhöhe zu schweben scheint. Als Ferienhaus konzipiert, soll es Besuchern des hier regelmäßig stattfindenden Archstoyanie-Festivals (sozusagen das russische Burning Man-Festival) eine Erlebnis-Oase bieten.

Ein Magier bei der Arbeit

Die Magie des Russian Quintessential besteht jedoch nicht nur darin, dass bis zuletzt niemand wusste, ob es auch stehenbleiben würde. Vielmehr versuchte Kusnezow in jedem Detail den Magier zu spielen. So behauptet er etwa, dass die gesamte Konstruktion von nicht mehr als genau sechs Schrauben zusammengehalten würde. Das sei möglich, weil er die zylindrische Struktur in Anlehnung an eine Schiffbautechnik, die als Querverstrebung bekannt ist, angewendet habe.

Die Konstrukteure berechneten mögliche Verformungen, aber mangels einschlägiger Erfahrungen konnte niemand mit Sicherheit voraussagen, wie sich die Struktur nach der Installation verhalten würde.

Sergej Kusnezow, Architekt

Das bedeutet: Anstelle der traditionellen Wandständer werden dabei eng beieinander liegende, kreisförmige Rippen installiert. Sie erstrecken sich über die gesamte Länge des Gebäudes und wurden in diesem Fall aus Edelstahlblechen geschnitten und durch horizontale Führungen verbunden. Miteinander bilden sie einen stabilen, aber dennoch leichten Rahmen, der sich trotz seiner Länge selbst tragen kann.

Viel Vorarbeit

„Die gesamte Struktur besteht aus sechs zylindrischen Modulen, die gleichzeitig hergestellt und dann miteinander verbunden werden“, erklärt Kuznetsov. Jedes offenbar mit nur einer Schraube. „Das Gleiche passiert im Schiffbau. Die einzelnen Abschnitte des Schiffsrumpfes werden in der Werkstatt hergestellt. Erst dann setzt man sie im Trockendock zu einer einzigen Struktur zusammen.“

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Der Innenraum wurde ebenfalls schon vor der Installation weitgehend gefertigt und integriert. Dafür ließ man man sich ebenso einiges einfallen: Dank Polyurethanschaum-Isolierung soll im Röhrenhaus das ganze Jahr über eine angenehme Temperatur herrschen. Unter der vier Millimeter dicken Außenhülle wurde ein schallisolierendes System zur Ableitung des Trommelgeräuschs von Regen integriert.

Viel Luxus. Wenig Raum.

Kurznetsov meint: „Russian Quintessential ist ein vollwertiges Wohngebäude mit allen modernen Annehmlichkeiten. Sie können darin wohnen, übernachten, kochen und duschen. Das Innere ist in einem modernen Stil aus Holz und Metall gestaltet, und das Zimmer ist mit allem ausgestattet, was für einen komfortablen Aufenthalt notwendig ist.“

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Damit die Röhrenkonstruktion aber schwebend stehen kann, musste besonders tief in die Trickkiste gegriffen werden. Schließlich galt es, auf einem kleinen Hügel ein Betonplatten-Fundament zu versenken, das als Gegengewicht ausreicht. Um das zu ermöglichen, musste beinahe der gesamte Hügel abgetragen werden. Danach baute man ihn über dem Betonfuß wieder auf und verstärkte die Sache mit Sandsäcken.

Wo der Hund begraben ist

Genau an diesem Punkt lag dann auch der Hund begraben. Erleichtert führt der Architekt jedoch weiter aus: „Nach dem Entfernen der Stützkonstruktionen senkte sich der Boden der Konsole um 22 Millimeter innerhalb einer berechneten Maximaltoleranz von 30 Millimetern, was bei allen Beteiligten ein unvergleichliches Gefühl der Freude und Erleichterung auslöste.“

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Wie unsicher die Angelegenheit war, verrät wohl der Moment, an dem sich ein Sprecher des Festivals und Bauherrn erstmals zu Wort meldete. Zitat: „Dies ist ein anschauliches Beispiel dafür, wie kühne und originelle Ideen mit den Möglichkeiten eines modernen Industrie- und Technologiekomplexes umgesetzt werden.“

Und wir fragen uns natürlich, was wäre im Pressestatement gestanden, wenn die Sache zum Rohrkrepierer geworden wäre …

Text: Johannes Stühlinger Bilder: Ilya Ivanov

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