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07/16/2020

„Beim Holzbau gilt: Wer A sagt, muss auch B sagen!“

Der Wiener Architekt Martin Aichholzer war einer der ersten, der sich mit seinem Büro in Ostösterreich mit modernem Holzbau beschäftigt hat. Heute ist er auf seinem Fachgebiet gefragter Experte. Also haben wir ihn eben ein paar Dinge gefragt.

Manche Menschen suchen Jahre lang und oft vergeblich nach dem, was man landläufig als „Lebensinhalt“ bezeichnet. Nach dem Thema, in dem man aufgeht, das einen im schönsten Wortsinn beflügelt und am Ende glücklich macht. Andere Menschen werden einfach von diesem Thema selbst gefunden. Zu eben diesen gehört Martin Aichholzer. Der in Wien lebende Architekt wurde bereits in seiner Studienzeit irgendwann Ende der 1980er-Jahre sozusagen von seinem Lebenswerkstoff für eben diesen begeistert. Und so kommt es, dass er heute zu den wenigen echten Holzbau-Experten des Landes zählt. Dementsprechend viel hat er über den Baustoff, der gerade wieder neu entdeckt wird, zu erzählen. Aber fangen wir trotzdem bei Ihm selbst an.

Wie kommt es, dass Sie vom Thema Holz so beseelt wurden?

Wenn Sie meine Visitenkarte lesen, dann steckt das schon im Namen: Aichholzer. Der Name ist Programm! (lacht) Nein, das ist natürlich bloßer Zufall. Aber es ist in der Tat ganz banal: In meiner Studienzeit hat mir mein Onkel, er ist Holzindustrieberater, das erste Holzbau-Projekt zukommen lassen. Und dabei ist sofort der Funke übergesprungen, es war sozusagen Liebe auf den ersten Blick.

Liebe hin oder her: Gerade in den 80ern und 90ern war Holzbau noch kein echtes Thema. Wie kam es, dass Sie sich mit ihrem Architektur-Studio trotzdem so früh darauf spezialisiert haben?

Das ist so wie bei vielen Dingen im Leben: Wenn man eine gewisse Qualität für sich entdeckt, die auch mit dem Gewissen vereinbar ist, dann will man einfach dabeibleiben. Das ist so. Wenn man draufkommt, dass man etwas macht, das einem gut tut und noch dazu anderen auch guttut, dann wird dieser Effekt noch einmal verstärkt. Kombiniert man diesen Effekt damit, dass wir alle soziale Wesen sind, die Anerkennung suchen und man diese dann auch noch bekommt, dann bekommt das eine Dynamik, die nicht aufzuhalten ist. Und dann kann man im Idealfall auch andere mit seiner Vision anstecken. Ich denke, genau das ist bei mir passiert. Inzwischen haben wir über 300 Projekte gebaut von denen wirklich der Großteil nachhaltig gebaut oder zumindest mit nachhaltigen Elementen gespickt war.

Wenn ich weiß, wie ich diesen Herausforderungen begegne, kann ich sie alle lösen. Aber ich muss eben wissen, wie.

Martin Aichholzer, Architekt

Was macht diese Art zu bauen offenbar so komplex, dass sich so wenige drüber trauen?

Um mit Holz bauen zu können, muss man sich zusätzlich zu seinem Kerngebiet in vielen Randbereichen auskennen. Schließlich sind manche Bedenken, was diesen Baustoff betrifft, durchaus nicht von der Hand zu weisen: Holz brennt. Stimmt. Holz hat beim Schall ziemliche Challenges. Stimmt. Holz hat bei der Feuchtigkeit Probleme. Stimmt auch. Großes ABER: Wenn ich weiß, wie ich diesen Herausforderungen begegne, kann ich sie alle lösen. Aber ich muss eben wissen, wie. Und dann ist es gar keine so große Challenge mehr.

Bleiben wir kurz bei diesen Reizwörtern: Brennen Holzhäuser wirklich wie Zunder?

Holz brennt grundsätzlich, das wissen wir. Aber es brennt kontrolliert und zündet sich in der Regel nicht selbst an. Das heißt, wenn irgendwo etwas brennt, hat es einen Kabelbrand oder irgendeine andere Zündquelle gegeben, die nicht die Konstruktion selbst ist. Aber selbst, wenn die Oberfläche brennt, verkohlt sie und diese Kohleschicht verhindert, dass das Holz weiterbrennt. Außerdem hat Holz selbst im Brandfall einen isolierenden Charakter. Eine massive Holzplatte dämmt besser, als Beton und hält Feuer auch sehr lange stand. Prinzipiell ist das Risiko, dass ein Holzhaus zur Feuerfalle für Menschen wird, nicht größer als bei einem konventionell gebauten Haus.

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Gut, nächstes Reizthema: Holz wird morsch und fault weg.

Das ist tatsächlich Thema! Holz muss richtig verbaut werden. Und zwar so, dass es konstruktiv geschützt ist, die Konstruktion sich also selbst vor Nässe und Feuchte schützt. Das bedeutet, dass verbautes Holz nicht mit Feuchte führenden Materialien wie etwa Beton in direktem Kontakt sein darf. Und dann sollte natürlich darauf achtgegeben werden, dass ich liegendes (horizontal verbautes) Holz besonders schütze, weil sich darauf Pfützen bilden könnten, die nicht abrinnen und das Material schädigen. Wenn ich Holz aber richtig verbaue, dann ist es extrem langlebig! Man muss aber eben einige Dinge mehr bedenken, als bei der Massivbauweise.

Ich kann also nicht einfach Beton und Ziegel durch Holz ersetzen und gut ist’s?

So ist es. Ich sage da immer: Wer A sagt, muss auch B sagen. Das heißt: Beim Holzbau muss man mit gewissen Themen eben wesentlich kritischer umgehen. Man muss also einfach anders, detailreicher und auch präziser planen. Und eines trau ich mich auch zu behaupten: Wenn ich die Chance bekomme, ein Gebäude in Holz zu planen und dabei alle Freiheiten habe, alle Register zu ziehen, die der Holzbau kann, dann errichte ich den Holzbau mit ungefähr den gleichen Kosten wie den vergleichbaren mineralisch errichteten Bau. Das bedeutet dann aber auch, dass ich den Nachhaltigkeitsgedanken zu Ende gedacht habe. Dass ich auf Holz kein Styropor picke. Denn: Wenn ich Holz als Baustoff gewählt habe, dann habe ich aus meiner Sicht die Pflicht, auch andere Strategien einzusetzen, um effizient, um resistent, um nachhaltig zu sein.

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Wenn dem so ist, stellt sich aber natürlich die Frage: Warum baut die Welt dann trotzdem noch auf Beton?

Vereinfach ausgedrückt: Weil es einfach sehr geil ist, mit Beton zu arbeiten. Weil er einfach alles macht und weil es ziemlich banal ist, damit zu planen. Ich habe einmal mit Hermann Kaufmann geredet, dem Vorarlberger Pionier in Sachen Holzbau, der auch als Professor an der TU München tätig ist. Sinngemäß hat er folgendes Spannendes gesagt: Wir Holzbauaffine dürfen uns nicht wundern, wenn wir momentan noch nicht so viel weiterbringen, wie wir gerne wollten. Schließlich hat Beton jetzt 120 Jahre Vorherrschaft hinter sich. Und der Holzbau ein ebenso langes Schattendasein. In Beton ist so viel Forschung, Energie und Geld hineingeflossen, da ist es ganz natürlich, dass dieses Material immer noch gut lobbyiert wird. Also ist es besonders wichtig, dass wir Architekten wissen, dass wir nicht die Anwälte derer sind, die uns Geld geben. Sondern die Anwälte unserer Kinder!

In Beton ist so viel Forschung, Energie und Geld hineingeflossen, da ist es ganz natürlich, dass dieses Material immer noch gut lobbyiert wird.

Martin Aichholzer, Holzbau-Experte

Dann lassen Sie bitte kurz diesen Anwalt Ihrer Kinder raus: Was genau macht Holz im Vergleich zu Beton so nachhaltig?

Gut. Aber fangen wir beim Beton an. Dieser Baustoff ist in jeder Hinsicht ziemlich genügsam. Ich kann damit statisch relativ viel machen, er verzeiht viel und ist schnell zu beschaffen. Er hat allerdings einen großen Nachteil: Beton ist nicht kreislauffähig! Aber genau das ist Holz. Und wir als Menschen müssen irgendwann so denken lernen, dass alles regenerierbar sein muss. Wir müssen einfach lernen, weiterzudenken als nur bis zu diesem einen Produkt, das wir gerade brauchen. Warum nicht bei der Wahl unseres Baustoffs damit anfangen?

Anfangen ist gut: Holzbau ist eigentlich steinalt. Warum müssen wir ihn eigentlich gerade neu erfinden?

Wir erfinden ihn nicht neu. Aber wir entdecken ihn neu! Das ist auch notwendig und logisch, Schließlich gibt es in unseren Breiten keinen besseren Baustoff aus Holz – er wächst in gigantischen Mengen direkt vor unserer Tür, wir sollten also verdammt nochmal auch mit Holz bauen! Um aber zu verstehen, wie enorm nachhaltig Holz ist, beziehe ich mich jetzt gleich auf die Diplomarbeit einer meiner Studenten: Dabei haben wir uns das Holzbauprojekt in der Baranygasse 7 in Wien genau angesehen. Hier wird eines von mehreren Häuser eben nicht massiv, sondern aus Holz errichtet. Mein Student wollte wissen, was dieser eine Holzbau für Auswirkungen hat. Das faszinierende Ergebnis: Obwohl hierbei „böse Materialen“ mit einem hohen CO2-Fußabdruck verbaut werden, drückt der Holzbau die CO² Bilanz des betrachteten Objektes in Summe fast schon auf Null!

Das klingt eigentlich alles sehr vielversprechend! Was also ist Ihrer Meinung nach das größte Problem, das der Holzbau noch hat?

Dass man Prozesse verändern muss! Dass man noch nicht erkannt hat, dass man nicht nur den Baustoff wechseln muss, sondern das gesamte Mindset ändern muss, den grundlegenden Zugang. Die Auftraggeber müssen sich bewusst sein, dass man mit der Entscheidung, mit Holz zu bauen, eine Kette von Reaktionen auslöst, die oft nichts mehr mit dem konventionellen Bauen zu tun hat. Wer mit Holz baut, muss erst einen Schritt zur Seite machen, bevor er den großen Schritt nach vorne machen kann!

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Zur Person Martin Aichholzer

Der heutige Holzbau-Experte studierte an der TU Wien Architektur. Heute ist er geschäftsführender Gesellschafter der MAGK aichholzer | klein ZTOG und zudem Studiengangsleiter auf der FH Campus Wien für "Architektur Green Building".

Interview: Johannes StühlingerBilder: Getty Images; UBM Development AG, beigestellt;

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