Nach dem Krebs ist vor der Vorsorge
Dickdarmkrebs gehört zu jenen Tumorarten, die schon sehr früh erkannt und damit auch früh behandelt werden können. Eine Runde aus hochrangigen Mediziner:innen von den Universitätskliniken St. Pölten und Wr. Neustadt-Hochegg traf sich im Dezember in Wien und sprach über Themen rund um über die Vorsorge und vor allem auch die Nachsorge nach einer solchen Operation.
Beides hängt durchaus eng zusammen, denn: „Wir bräuchten gar keine Nachsorge, wenn die Menschen die Vorsorge wirklich wahrnehmen würden,“ so Prim.a Univ.-Prof.in Dr.in Birgit Grünberger, Leiterin der Klinischen Abteilung für Innere Medizin III, Universitätsklinikum Wr. Neustadt-Hochegg. „Aber Österreich steht im internationalen Vergleich hier leider wirklich schlecht da – nicht weil die Angebote fehlen, sondern weil sie bei Weitem nicht ausreichend angenommen werden.“
Prim. Univ.-Prof. Dr. Peter Götzinger, Leiter der Abteilung für Allgemein-, Viszeral- und Gefäßchirurgie, Universitätsklinikum St. Pölten
Aus seiner Erfahrung ergänzt Prim. Univ.-Prof. Dr. Peter Götzinger, Leiter der Abteilung für Allgemein-, Viszeral- und Gefäßchirurgie, Universitätsklinikum St. Pölten: „Viele Menschen sind im Umgang mit ihrer eigenen Gesundheit wirklich gefordert. Nicht immer ist es leicht, körperliche Veränderungen richtig einzuordnen oder frühzeitig ärztlichen Rat in Anspruch zu nehmen. Faktoren wie Unsicherheit oder Ängste können dazu führen, dass Erkrankungen erst in einem fortgeschrittenen Stadium erkannt werden. Umso wichtiger ist es, Menschen dabei zu unterstützen, Vertrauen in ihre Wahrnehmung zu entwickeln und vorhandene, sehr gut aufbereitete Informations- und Vorsorgeangebote aktiv zu nutzen. Die Entwicklung von Gesundheitskompetenz ist ein gemeinsamer Prozess – sie braucht verständliche Angebote ebenso wie Ermutigung, diese auch wahrzunehmen.“
Manchmal steht dem allerdings die Logistik im Wege: „Es gibt Regionen in Österreich, wo man durchaus zwei bis drei Monate auf einen Termin für eine Koloskopie warten muss, etwa in manchen Bereichen des Weinviertels“, so OA Priv.-Doz. Dr. Hossein Taghizadeh, PhD, MSc, Oberarzt der Klinischen Abteilung für Innere Medizin I, Universitätsklinikum St. Pölten. „Wir brauchen mehr Awareness, aber auch mehr Angebote, damit wir steigendes Interesse auch tatsächlich abdecken können.“
Prof. Dr. Ojan Assadian, MSc, DTMH , Ärztlicher Direktor, Universitätsklinikum Wr. Neustadt-Hochegg
Spezialisierte Zentren wären auch für die Krebs-Nachsorge die richtige Lösung. Dazu bräuchte es aber einen klaren Auftrag. Das größte Risiko nach Krebs ist nicht das Rezidiv – sondern ein System, das niemanden verantwortlich macht.“
Erstaunlich dabei ist: „75 % aller Darmkrebserkrankungen könnten mit perfekter Vorsorge verhindert werden“, so Prim. Priv.-Doz. Dr. Andreas Maieron, Leiter der Klinischen Abteilung für Innere Medizin II, Universitätsklinikum St. Pölten. „So viele Leben zu retten, das schafft keine Operation und keine Systemtherapie. Wir haben darum vor einigen Jahren in Niederösterreich ein großes Darmkrebs-Vorsorgeprojekt anhand der damaligen Leitlinien initiiert und es der Zielgruppe wirklich einfach gemacht, daran teilzunehmen. Die Teilnahmequote hat jedoch bei Frauen gerade einmal 28 % erreicht, bei Männern gar nur 18 %, obwohl diese in der damaligen Alterszielgruppe sogar ein höheres Erkrankungsrisiko haben. Dieser Eindruck war schon ein wenig niederschmetternd.“
Prim. Priv.-Doz. Dr. Andreas Maieron, Leiter der Klinischen Abteilung für Innere Medizin II, Universitätsklinikum St. Pölten
Die eigene Gesundheit braucht eigene Aufmerksamkeit
Das bewusste Interesse an der eigenen Gesundheit ist nicht nur vor einer Behandlung entscheidend, sondern auch in der Zeit danach. „Gerade in der Nachsorge spielt Aufmerksamkeit eine zentrale Rolle“, betont Prof. Götzinger. „Vor einer Krebsoperation und in den ersten Tagen danach sind Patient:innen meist sehr motiviert. Verläuft der Eingriff erfolgreich, entsteht verständlicherweise der Wunsch, rasch in den gewohnten Alltag zurückzukehren. Umso wichtiger ist es, die Wahrnehmung bezüglich der notwendigen Nachkontrollen zu schärfen, damit medizinische Empfehlungen nachhaltig umgesetzt werden können.“
Genau an diesem Punkt setzt die Nachsorge an, wobei unter diesem Überbegriff eine Fülle von Themen und Maßnahmen zusammengefasst wird: Regelmäßige ärztliche Kontrollen und Befunde wie Bluttests und bildgebende Verfahren (etwa CT, MRT), Beratung zu Lebensstil, Rehabilitation und Wiedereingliederung in das Berufsleben, Behandlung von Nebenwirkungen von Krebstherapien, psychologische Unterstützung oder auch Ernährungsberatung (gerade etwa bei Darmkrebs ein wichtiges Thema).
Prim. Univ.-Prof. Dr. Thomas-Matthias Scherzer, MBA, Leiter der Klinischen Abteilung für Innere Medizin I, Universitätsklinikum Wr. Neustadt-Hochegg
Und speziell bei Darmkrebs ist die Nachsorge „für uns Mediziner:innen keine schwierige Aufgabe, da hier das operierte Gebiet eng begrenzt ist“, erläutert Prim. Univ.-Prof. Dr. Thomas-Matthias Scherzer, MBA, Leiter der Klinischen Abteilung für Innere Medizin I, Universitätsklinikum Wr. Neustadt-Hochegg. „Aber für Patient:innen ist die Zeit danach umso schwieriger: Denn uns fehlen einfach die Schnittstellen, vor allem zwischen den Spitälern und dem niedergelassenen Bereich, um Befunde zu einer Krankengeschichte zusammenzuführen. Und so laufen die Patient:innen mit ihren Befunden auf CD-ROMs und auf Papier von Termin zu Termin und müssen weitgehend allein mit einem System zurechtkommen, das über viel medizinische Kompetenz verfügt, aber diese oft nur schwer zugänglich macht.“
Patient:innen laufen mit Befunden auf CD-ROM oder Papier von Termin zu Termin.“
Was könnte eine Lösung sein? Zunächst braucht es eine ganz grundsätzliche Entscheidung: „Krebs darf in Österreich nirgendwo als in entsprechend ausgestatteten Schwerpunktzentren behandelt werden“, so Prof. Dr. Ojan Assadian, MSc, DTMH , Ärztlicher Direktor, Universitätsklinikum Wr. Neustadt-Hochegg. „Das mag provokant klingen, aber das gilt aus meiner Sicht auch für Nachsorge, wenn die entsprechenden Mittel dafür bereitgestellt werden. Onkologische Ergebnisse korrelieren international klar mit Fallzahlen, multidisziplinären Teams und strukturierter Behandlung. Für die Akuttherapie akzeptiert – für die Nachsorge bislang verdrängt.“ Es ist auch nicht immer der Arzt oder die Ärztin, welche die Behandlung alleine durchführen müssen.
Cancer Nurses als „Case Manager” für die Betroffenen
Denn es gibt bereits ein Berufsbild, das auf der Ebene von Pflegefachkräften speziell für onkologische Patient:innen entwickelt wurde: Oft als „Cancer Nurse“ bezeichnet, ist damit eine fachlich ausgebildete Pflegeperson durch alle Phasen der Therapie und Nachsorge gemeint, die Betroffene ganzheitlich unterstützt und sich aktiv um die Nachsorge kümmert.
Wo sie bereits im Einsatz sind, bedeuten solche Cancer Nurses in der Nachsorge eine große Verbesserung für die Betroffenen und eine spürbare Entlastung für Ärzt:innen, so Prof. Grünberger: „In anderen Ländern übernehmen diese Cancer Nurses in Abstimmung mit Mediziner:innen Aufgaben wie Dosiskontrollen und -reduktionen bei Chemotherapien, was bei uns leider noch nicht möglich ist – wir müssen jeden einzelnen Schritt ärztlich begleiten und werden nicht zuletzt durch die damit verbundenen Abläufe überbelastet. Darüber hinaus könnte man Cancer Nurses durchaus auch mit den Möglichkeiten der Telemedizin verbinden und ihre Zeitressourcen ebenso wie den Komfort für die Patient:innen steigern.“
Prof. Scherzer stimmt dem zu: „Nach der Patient:innen-Einwilligung könnte man mithilfe von speziell entwickelten Apps sehr Vieles für die Betroffenen in der Nachsorge erleichtern. Das kostet in Summe wesentlich weniger als etwa eine neuerliche Chemotherapie oder eine Operation, wenn der Krebs zurückkommen sollte.“
Zum Thema Cancer Nurses ergänzt Prof. Götzinger noch, dass diese „eine ganz andere Kommunikationsebene mit den Betroffenen aufbauen können und ganz wesentliche Aspekte abseits unserer medizinischen Versorgung abdecken.“ In der Praxis scheitert die Umsetzung wie so oft nicht zuletzt daran, dass dafür entsprechende Stellen geschaffen und finanziert werden müssen.
OA Priv.-Doz. Dr. Hossein Taghizadeh, PhD, MSc, Oberarzt der Klinischen Abteilung für Innere Medizin I, Universitätsklinikum St. Pölten
Gute Ideen für bessere Nachsorge
Dr. Taghizadeh regt außerdem an, einen Nachsorgepass für Krebspatient:innen anzubieten: „Dabei handelt es sich um einen strukturierten Begleitpass zur langfristigen, koordinierten Nachsorge nach abgeschlossener Tumortherapie. Er bietet eine Übersicht über Diagnose, Therapie, Nachsorgeplan und Warnzeichen – sowohl für Patient:innen als auch für alle betreuenden Ärzt:innen. Konkrete Elemente sind vor allem die Tumordiagnose, das jeweils aktuelle Stadium, durchgeführte Therapien, empfohlene Kontrollintervalle (klinisch, Labor, Bildgebung) sowie relevante Spätfolgen und Kontaktstellen, etwa die Österreichische Krebshilfe und je nach Tumorart passende Selbsthilfegruppen.“
Ein Krebs-Nachsorgepass bietet Betroffenen eine entscheidende Hilfe nach der Therapie.“
In eine durchaus ähnliche Richtung geht ein Vorschlag von Dr. Maieron: „Ein gemeinsames Dokument für jede:n Patient:in, in das alle Beteiligten hineinarbeiten, wäre eine echte Unterstützung, gerade auch in der Nachsorge. Dieses Dokument müsste natürlich fachübergreifend sein, und genau dieser Zugang fehlt uns derzeit. Es gibt keine gemeinsame Klammer, keine gemeinsame Plattform für all die Befunde, die die Patient:innen bekommen und die wir benötigen. Im Grunde geht es einfach um eine digitale, kollaborativ weitergeschriebene Krankengeschichte.“
Prof. Assadian stimmt dem zu: „Die organisierte Medizin hat ihre Stärken, aber sie denkt sozusagen vertikal, in Fachgebieten wie Gynäkologie, Dermatologie und so weiter. Je nach Erstdiagnose landet ein:e Patient:in im passenden Primariat und bleibt dann dort. In Wahrheit aber sind Krebserkrankungen eine Matrixthematik, die noch dazu viele weitere Aspekte wie Psychologie, Ernährung und soziale Teilhabe betrifft. Spezialisierte Einrichtungen wie Brustkrebszentren oder Darmkrebszentren sind hier richtige Ansätze, und diesen zentrumsorientierten Zugang müssen wir dann auch in die Nachsorge weiterziehen – und auch die heiklen Fragen beantworten: Da geht es um Zuständigkeiten, Leitungsfunktionen und natürlich auch Finanzierung bis hin zu den Erlösen aus der Sonderklasse.“
Prim.a Univ.-Prof.in Dr.in Birgit Grünberger, Leiterin der Klinischen Abteilung für Innere Medizin III, Universitätsklinikum Wr. Neustadt-Hochegg
Wir bräuchten keine Nachsorge, wenn die Menschen die Vorsorge wahrnehmen würden!“
Zum Abschluss ein Eindruck von Prof. Maieron von einem Besuch bei einer Kollegin in Liverpool vor bereits 10 Jahren: „Sie war praktische Ärztin und hat abends noch einige Krankengeschichten durchgesehen. Bei einer entdeckte sie die Notwendigkeit einer Gastroskopie. Sie hat sich gleich in ein entsprechendes Online-System eingeloggt, das anhand einiger Angaben die Dringlichkeit der Untersuchung berechnet hat. Anhand dieser Dringlichkeit wurden gleich verfügbare Termine bei passenden Einrichtung geprüft und auch gleich ein Termin eingebucht. Der Patient musste dann nur mehr den fixierten Termin auch wahrnehmen. Das ist next level – und daran sollte sich Österreich orientieren.“
Prim. Univ.-Prof. Dr. Peter Götzinger, Prof. Dr. Ojan Assadian, Prim.a Univ.-Prof.in Dr.in Birgit Grünberger, Prim. Priv.-Doz. Dr. Andreas Maieron, Prim. Univ.-Prof. Dr. Thomas-Matthias Scherzer und OA Priv.-Doz. Dr. Hossein Taghizadeh
Das Gespräch fand im Rahmen des „Expertise.Dialog.Gesundheit“ im Dezember 2025 statt. Der „Expertise.Dialog.Gesundheit“ ist eine Initiative von Bristol Myers Squibb. Dieses Format bringt in den Bundesländern Mediziner:innen sowie weitere Player am Gesundheitssektor zusammen, die ohne eine Vergütung und rein aus fachlichem Interesse aktuelle Entwicklungen und Vorzeigeprojekte beleuchten und vor den Vorhang holen.