CAR-T-Therapie: Revolution in der Krebsbehandlung
Im Rahmen des „Expertise.Dialog.Gesundheit“ sprachen vier ausgewiesene Expert:innen in Wien über modernste Krebstherapien (CAR-T) sowie ihre Chancen, Grenzen und Perspektiven. Krebspatient:innen eröffnen sich damit quer durch Österreich immer neue Möglichkeiten, länger und bei besserer Gesundheit zu leben – auch wenn die Forschung zeit- und kostenintensiv ist.
CAR-T-Therapien zählen zu den modernsten Krebsbehandlungen. Dabei werden körpereigene Abwehrzellen der Patient:innen mittels ausgefeilter Gentechnik so verändert, dass sie Krebszellen gezielt erkennen und angreifen können. Dazu werden den Patient:innen zunächst Abwehrzellen aus dem Blut entnommen und dann im Labor mit einem künstlichen Rezeptor ausgestattet, dem sogenannten „Chimeric Antigen Receptor“ (kurz: CAR). Dieser Rezeptor erkennt typische Merkmale auf der Oberfläche von Tumorzellen. Die so veränderten Zellen werden anschließend vermehrt und den Patient:innen wieder verabreicht, wo sie aktiv nach Krebszellen suchen und diese zerstören.
Die CAR-T-Therapie wird aktuell vor allem bei bestimmten Formen von Blutkrebs eingesetzt, die auf herkömmliche Behandlungen nicht ausreichend ansprechen. In Österreich betrifft dies derzeit insbesondere rezidivierte Multiple Myelome und bestimmte Lymphomtypen. In diesen Bereichen hat die CAR-T-Therapie bereits beeindruckende Erfolge gezeigt, auch bei stark vortherapierten Patient:innen.
Weltweit wird intensiv geforscht, um die Methode weiterzuentwickeln und sie so künftig auch gegen andere Krebsarten, etwa solide Tumore, einzusetzen. Allerdings ist die Behandlung komplex, teuer, erfordert hohes Fachwissen und ist mit möglichen Nebenwirkungen verbunden. Darum wird sie bisher nur in spezialisierten Zentren durchgeführt.
CAR-T-Therapien gehören in spezialisierte klinische Zentren!“
Prim. Univ. Prof. Dr. Felix Keil, Abteilungsvorstand der 3. Medizinischen Abteilung am ÖGK-Hanusch-Krankenhaus in Wien
„Und das ist auch gut so: Denn CAR-T-Therapien gehören in spezialisierte Kliniken“, betont Prim. Univ. Prof. Dr. Felix Keil, Abteilungsvorstand der 3. Medizinischen Abteilung am ÖGK-Hanusch-Krankenhaus in Wien. „Nur hier sind die entsprechenden Strukturen vorhanden, die man für diese hochkomplexe Behandlung braucht. Denn CAR-T funktioniert nur interdisziplinär, das heißt, wir binden hier das unentbehrliche Fachwissen aus zahlreichen Disziplinen ein, um die Patient:innen auf dem gesamten Weg zu begleiten. Im Hanusch-Krankenhaus beginnen wir in Abstimmung mit der Universitätsklinik am AKH Wien und den zuständigen Stakeholdern damit, einen zweiten Standort zu etablieren.
Wir führen im Jahr ca. 60 Eigenstammzellentransplantationen durch, haben eine eigene transfusionsmedizinische Abteilung und Überwachungsfacilities mit nicht invasiver Atemunterstützung auf der Station und sind dafür gut aufgestellt. Dennoch ist der Implementierungsaufwand beträchtlich. Nach erfolgreicher Zertifizierung beginnen wir mit Studien zum Multiplen Myelom und zu Autoimmunerkrankungen, bevor wir anschließend in den Regelbetrieb gehen. Natürlich ist auch eine ausreichende Anzahl geschulter Ärzt:innen sowie genügend ausgebildetes Pflegepersonal nötig.
Das schließt neben den verschiedensten medizinischen Fachrichtungen wie Intensivstation, Neurologie und gegebenenfalls auch Physiotherapie, Psychologie oder Ernährungsexpert:innen und – ganz wichtig – Spezialisierte Pflegekräfte ein, wie Univ.-Prof.in Dr.in Annkristin Heine, Abteilungsleiterin der Klinischen Abteilung für Hämatologie, Uniklinikum Graz und Universitätsprofessorin für Innere Medizin und Hämatologie an der Med Uni Graz, erläutert: „Man kann das unter dem Motto ‚Viele Hände – ein Ziel‘ zusammenfassen. Nicht nur bei uns in Graz besteht der klinische Alltag auch bei CAR-T-Therapien aus viel mehr als ‚Infusion und Bett‘. Wir arbeiten hier in einem hochspezialisierten und sehr großen interdisziplinären Netzwerk.“
Auch die koordinierte Nachsorge an Zentren oder in enger Abstimmung mit den Zentren ist dringend nötig, so Prof. Keil: „Die non relapse Mortality (also jene Todesfälle, die mit den Nebenwirkungen, Infektionen oder anderen Komplikationen der Therapie zusammenhängen) liegt zwischen 5 und 10 Prozent. Immunosurveillance und Impfprogramme sind in der Nachsorge essenziell. Auch auf die nötige antivirale und antibakterielle Prophylaxe muss geachtet werden.
Speziell Patient:innen mit B- und T-Zell-Aplasie und IgG-Mangel sind gefährdet und benötigen eine intensive Nachbetreuung. Ebenso müssen wir eventuell neu auftretende Neoplasien dokumentieren. Und auch die Pflege muss von Anbeginn in alle Bereiche interdisziplinär interprofessionell intensiv eingeschult werden. Wir machen die meisten Fortbildungen an unserer Abteilung mit der Pflege gemeinsam. Insgesamt sind CAR-T-Zelltherapien ideale Modelle für eine überregionale Versorgung.“
Dr. Kevin Bielec, Arzt in Ausbildung an der 3. Medizinischen Abteilung, ÖGK-Hanusch-Krankenhaus in Wien
Hohe Investitionen zahlen sich aus
Noch ist die Anzahl an tatsächlich in Österreich durchgeführten CAR-T-Therapien überschaubar, aber sie wächst deutlich: So waren es 2023 laut dem Transplant-Jahresbericht des Österreichischen Bundesinstituts für Gesundheitswesen (ÖBIG) 84, im Jahr darauf dann bereits 150 Therapien – was nicht zuletzt damit zusammenhängt, dass zu den Indikationen für CAR-T-Therapien Lymphome und Myelome hinzugekommen sind. Für die Zukunft zeichnen sich mittelfristig weitere neue Anwendungsbereiche und damit auch neue Patient:innengruppen dazukommen werden. Darum war sich die Runde an Mediziner:innen einig, dass der Aus- und Weiterbildung aller Beteiligten hoher Stellenwert zukommt.
Dazu gehören auch junge Mediziner:innen wie Dr. Kevin Bielec, Arzt in Ausbildung an der 3. Medizinischen Abteilung, ÖGK-Hanusch-Krankenhaus in Wien. Sein Fazit aus der intensiven Beschäftigung mit CAR-T lautet: „Ein wesentlicher Vorteil – insbesondere für die Patient:innen – ist, dass es sich um eine Eimalgabe handelt, im Gegensatz zu mehreren Zyklen einer Chemotherapie. Die Therapien selbst werden durch die Erfahrungen und die intensive Forschung immer besser. Und durch diesen Fortschritt wird auch unser Gesundheitssystem besser. Die hohen Investitionen, die in der Entwicklungsphase nötig sind, zahlen sich vielfach aus, da dadurch umfassendes Wissen über alle Aspekte wie etwa Nebenwirkungen gewonnen wurde.“
OA Dr. Jakob Rudzki, Primar-Stellvertreter d. Abteilung für Onkologie, Hämatologie und Palliativmedizin und Leiter der Hämatologie, Klinikum Oberwart
Österreich steht beim Einsatz solch aufwändiger und innovativer Therapien im europäischen Vergleich sehr gut da.“
Dieses Wissen war auch der entscheidende Faktor am Karriereweg von OA Dr. Jakob Rudzki, Primar-Stellvertreter d. Abteilung für Onkologie, Hämatologie und Palliativmedizin und Leiter der Hämatologie, Klinikum Oberwart. „Ich bin 2018 in Innsbruck in den Anfängen von CAR-T in Österreich in dieses Feld der Immuntherapien eingestiegen und habe dort das Zentrum mit aufgebaut. Es ging dabei nicht nur um organisatorische Strukturen, sondern vor allem um Wissensweitergabe im Team. Mit der so gewonnenen Erfahrung und dem Wissen wurde ich dann in Oberwart eingeladen, die Hämatologie speziell für dieses Einzugsgebiet aufzubauen und eine klare Zukunftsperspektive zu entwickeln. Und diese Perspektive heißt ganz klar fit für zellulär basierte Therapien, unter anderem auch zukünftig CAR-T.“
Dabei liegt ihm am Herzen, eine starke Basis für hochwertige Vor-Ort-Krebsversorgung auch abseits der wenigen großen Zentren in Österreich wie Wien, Graz, Linz, Salzburg und Innsbruck zu bieten. „Dazu müssen wir alle Ärzt:innen schulen, bis hin etwa zur Notaufnahme in den Spitälern: Denn CAR-T-Therapien gehen oft mit bestimmten Nebenwirkungen einher, die bei einer Diagnose bei Akutpatient:innen mit berücksichtigt werden müssen, weil man sonst zu falschen Schlussfolgerungen kommt. Dazu muss noch nicht einmal die CAR-T-Therapie im Burgenland erfolgen, denn auch jetzt schon werden Patient:innen aus dem Burgenland in Wien oder Graz mit CAR-T versorgt und zur Nachsorge im Burgenland übernommen und weiterbetreut. Schulen müssen wir Ärzte gleichermaßen wie das Pflegepersonal, ohne das zellulär basierte Therapien und in letzter Konsequenz auch CAR-T-Therapien nicht denkbar sind – eben weil die Nachsorge bei solchen Therapiekonzepten so entscheidend ist.“
Medizinischer Nutzen und Kosten: Kein Spannungsfeld
Kein Geheimnis ist, dass CAR-T-Therapien finanziell aufwändig sind. In unserem solidarischen Gesundheitssystem sollte dies angesichts der großen Therapieerfolge eigentlich kein Thema sein, und tatsächlich ist sich die Expert:innenrunde einig: „An den Kosten ist noch keine medizinisch nötige CAR-T-Therapie gescheitert.“ Dr. Rudzki verweist auf seine Erfahrungen im Burgenland: „Wir haben hier bei der Gesundheit Burgenland das Medizinische Innovationsboard. Mit fundierter Argumentation finden wir hier immer Gehör. Und es ist ja auch prinzipiell im Interesse des gesamten Systems, wenn es ein Regulativ gibt, das Therapien auch näher ansieht und bewertet.
Ja, das bedeutet Mehraufwand, der aber erklärbar ist. Und man muss sagen: Österreich steht beim Einsatz solch aufwändiger Therapien im europäischen Vergleich trotz alledem sehr gut da.“ Prof. Heine aus Granz bestätigt dies: „Was wir medizinisch gut begründen können, das können wir auch umsetzen – bei aller Pflicht, wirtschaftlich zu handeln, die ich auch bejahe. Aber ich habe es bisher nicht erlebt, dass die Erstattung einer Behandlung abgelehnt wurde, die medizinisch klar indiziert und leitlinienkonform war.“
Bürokratie gefährdet medizinischen Fortschritt
Was behindert die Weiterentwicklung von CAR-T-Therapien, die so vielen Betroffenen neue Perspektiven eröffnen könnten? „Wir hemmen uns in Europa selbst durch die Überregulierung“, sagt Prof. Keil. Bestes Beispiel sind klinische Studien für neue Therapien und Medikamente. „Diese Studien sind ein Grundpfeiler des medizinischen Fortschritts, allerdings sind aufgrund der administrativen Hürden akademische Fragestellungen schwer zu erforschen.
Wir haben Daten, die nahelegen, dass eine mikrobiomfreundliche Ernährung die Effizienz moderner zellulärer Therapien verbessern könnte. Die Ernährung als Intervention ist kostengünstig, aber die Studien sind teuer. Randomisierte Studien in diesem Bereich sind aufgrund der Kosten und Auflagen fast nicht mehr durchzuführen. In der Medizin freilich ist diese Verkomplizierung eine ganz reale Gefahr für akademisch orientierte Innovation.“
Univ.-Prof.in Dr.in Annkristin Heine, Abteilungsleiterin der Klinischen Abteilung für Hämatologie, Uniklinikum Graz und Universitätsprofessorin für Innere Medizin und Hämatologie an der Med Uni Graz
Das Potenzial von CAR-T ist enorm, aber wir brauchen Geduld für die weitere Entwicklung.“
Positiv gefragt: Was könnte den künftigen Erfolg von CAR-T-Therapie fördern? Prof. Heine setzt auf „Fachpersonal und intensive Forschung: Denn wir wissen, dass es so klingt, als wären die Therapien, die wir heute etwa bei Formen von Blut- und Lymphknotenkrebs einsetzen, einfach auf andere Krebsarten übertragbar – und das ist leider nicht so. Ein solider Tumor (also eine feste, abgegrenzte Zellwucherung) stellt ganz andere Herausforderungen. Dazu kommt, dass jeder Mensch und jede Krebserkrankung anders ist und wir sehr individuell vorgehen müssen. Und wir brauchen Geduld: Es wird an vielen spannenden Entwicklungen geforscht, aber wir müssen die Ergebnisse abwarten.“
Dr. Rudzki ergänzt als Fokus, dass „möglichst früh therapiert werden muss, weil wir in dieser Situation auf Basis der aktuell verfügbaren Daten insgesamt die besten Behandlungschancen sehen. Wenn wir mit dieser Therapie jenen Betroffenen, bei denen die Erkrankungen erneut auftreten, beinahe so gut helfen können wie jenen, die erstmals an eben diesem Lymphom beispielsweise erkranken, dann erkennt man unschwer das Potenzial dieser CAR-T-Zelltherapie.“ Dabei gilt, und da sind sich alle Gesprächsteilnehmer:innen einig: „Wir müssen vorsichtig sein, Erwartungen zu wecken, die wir einfach nicht oder noch nicht erfüllen können“, so Dr. Bielec.
Aus seiner Erfahrung schildert er: „Bei uns im Haus haben wir mit vielen unterschiedlichen Abteilungen zusammengearbeitet, um ein adäquates Konzept zu entwickeln, damit diese Therapie bei uns sicher und gemäß den behördlichen Anforderungen durchgeführt werden kann. Damit alle wissen, welche Aufgaben sie haben, sind standardisierte Verfahrensabläufe festgehalten, an die sich Kolleg:innen halten können, wenn sie an solchen Therapien mitarbeiten. Das beginnt bei Vorstellung der Patient:innen in der Ambulanz, geht über die Annahme und Lagerung der CAR-T-Zellprodukte in Lagertanks und reicht bis hin zur Verabreichung und Nachsorge. Die Therapie endet nicht mit der Applikation der Zellen, sondern ist ein langfristiger Prozess, den wir standardisiert und qualitativ hochwertig mit den Patient:innen zusammen beschreiten wollen. Beeindruckend war für mich zu sehen, mit welchem Engagement und welcher Offenheit jede einzelne der involvierten Berufsgruppen und Funktionen an das Thema herangegangen ist.“
Transparenz gibt Patient:innen Sicherheit
Und wie stehen die Patient:innen zu CAR-T? „Sie brauchen klare Informationen: Wie verläuft die Therapie, was kann passieren, welche anderen Optionen gibt es?“, fasst Prof. Heine zusammen. „Wenn es diese Transparenz gibt, sehen wir fast immer Zustimmung zur CAR-T-Therapie. Die Angehörigen sollen unbedingt mithören, und Fragen sind immer zulässig, auch wenn dieselbe Frage mehrmals kommt. Mit Ehrlichkeit und großer Vorsicht, wenn es um das Wecken von Erwartungen geht, können wir Patient:innen am besten begleiten. Viele sind inzwischen durch digitale Quellen auch gut informiert und fragen sehr gezielt nach.“
In einem sind sich die vier Mediziner:innen einig: CAR-T gibt Hoffnung. Die Menschen, für die diese Therapien entwickelt werden, leiden an schweren Erkrankungen. Und auch wenn noch viel Forschung nötig ist und wir alle Geduld brauchen: Eine Hoffnung ist immer besser als keine Hoffnung. Genau dafür steht CAR-T.
OA Dr. Jakob Rudzki, Dr. Kevin Bielec, Univ.-Prof.in Dr.in Annkristin Heine und Prim. Univ. Prof. Dr. Felix Keil im Gespräch im Rahmen des „Expertise.Dialog.Gesundheit“.
Das Gespräch fand im Rahmen des „Expertise.Dialog.Gesundheit“ im November 2025 statt. Der „Expertise.Dialog.Gesundheit“ ist eine Initiative von Bristol Myers Squibb. Dieses Format bringt in den Bundesländern Mediziner:innen sowie weitere Player am Gesundheitssektor zusammen, die ohne eine Vergütung und rein aus fachlichem Interesse aktuelle Entwicklungen und Vorzeigeprojekte beleuchten und vor den Vorhang holen.