Chronik | Wien
01.10.2018

Wien: Landesgericht hob NS-Urteil gegen Bergbäuerin auf

Maria Etzer half im Zweiten Weltkrieg Kriegsgefangenen und Zwangsarbeitern. Die denunzierte Frau wurde rehabilitiert.

Das Wiener Landesgericht hat ein Urteil aus der Zeit des Nationalsozialismus gegen die verstorbene Salzburger Bergbäuerin Maria Etzer (1890-1960) aufgehoben und damit die Frau rehabilitiert. Laut Kathpress vom Montag haben die Katholische Aktion und das Mauthausenkomitee das Urteil veröffentlicht. Etzer hatte im Zweiten Weltkrieg Kriegsgefangenen und Zwangsarbeitern geholfen.

Die Hitler-Gegnerin geriet 1943 nach Denunziation aus ihrem engsten Umfeld in die Fänge des NS-Regimes. Wegen "verbotenen Umgangs" mit französischen Kriegsgefangenen wurde die in Goldegg (Pongau) lebende Etzer vom Sondergericht Salzburg zu einer dreijährigen Haftstrafe verurteilt und ins Zuchthaus Aichach (Bayern) eingewiesen. Kurz vor Kriegsende wurde die Bäuerin entlassen. Gegenüber der Republik Österreich stellte sie mehrfach Anträge auf Opferfürsorge, die mit der Begründung abgelehnt wurden, sie habe nicht aktiv an der Errichtung eines freien Österreich mitgewirkt. Jahrelang konnte Etzer wegen Verleumdungen nicht in ihr Heimatdorf zurückkehren.

In der Begründung des Urteils vom 18. September 2018 hielt das Landesgericht Wien fest: "Letztlich lag der primäre Grund für die Verfolgung und Verurteilung von M.E. darin begründet, dass sie auch während der NS-Diktatur ihren christlichen Wertvorstellungen treu blieb und sich auch gegenüber den als Zwangsarbeitern eingesetzten Kriegsgefangenen menschlich verhielt. Ein solcher Dissens mit der NS-Ideologie war den Machthabern ein Dorn im Auge und wurde schon als Form des Widerstands angesehen."

Gerechtigkeit

Mit der Rehabilitierung sei "spät, aber doch einer glaubensstarken und christlich handelnden Frau" Gerechtigkeit widerfahren, erklärte die Präsidentin der Katholischen Aktion Salzburg, Elisabeth Mayer. Die Mutter von ursprünglich acht Kindern habe unter dramatischen Bedingungen vorgelebt, was christliches Handeln bedeutet. Etzer habe gegenüber "Fremdarbeitern", die laut Gesetz nicht einmal am gemeinsamen Tisch essen durften, ihre Menschlichkeit bewahrt.

Eine Enkelin von Etzer, Brigitte Menne, hatte die vollständige Rehabilitierung ihrer Großmutter nach dem Aufhebungs- und Rehabilitationsgesetz von 2009 beantragt. Sie hoffe auf ähnliche Verfahren, um "endlich die kleinen, 'ganz selbstverständlich' Widerständigen aus dem Schatten zu holen", wurde in der Aussendung erklärt. In Etzers Heimat Goldegg, das auch Schauplatz eines SS-Massakers an Deserteuren war, wird zur Zeit auf Betreiben des dortigen Kulturvereins und dessen Obmannes Cyriak Schwaighofer an einer Neufassung der Orts-Chronik gearbeitet, in der auch das Schicksal von Etzer beschrieben wird. Die Sozialforscherin Maria Prieler-Woldan veröffentlichte vor wenigen Monaten eine Biografie unter dem Titel "Das Selbstverständliche tun" über die Salzburger Bäuerin (Studienverlag).