Wer in Wien „ace“, „Habibi“ und „wallah“ sagt
Es ist schon ein paar Jahre her, da machten sich ältere Sprachhüter Sorgen um die Zukunft des österreichischen Deutsch. Mit Sorgenfalten monierten sie, dass sich ihre Kinder Kids nannten, sich mit tschüss verabschiedeten und zum Paradeiser allen Ernstes Tomate sagten. Schuld, hieß es damals, wären deutsche Privatsender, die analog auch hierzulande gesehen wurden.
Die Kids von damals sind heute selbst erwachsen. Und ihre damalige Sprache mutet im Vergleich zur Sprache ihrer Kinder verständlich an.
Mehrsprachiger Pädagoge und Wörterbuchautor: Matej Jakic.
Der Autor: Matej Jakic, 1996 in Wien geboren und in Favoriten sozialisiert, unterrichtet seit 2020 an einer Wiener Mittelschule.
Das Buch: Das „Ethnolekt-Wörterbuch“ enthält zahlreiche Dialoge direkt aus dem Alltag Jugendlicher in Wien sowie ein buntes Sammelsurium an durchaus knackigen Erklärungen. Diese sind naheliegend von A bis Z gegliedert. Matej Jakic: Bin Straßenbahn, wallah. Ueberreuter Verlag. 128 Seiten, 17 Euro.
„Ich sage die Wahrheit“
Da kommt das „Ethnolekt-Wörterbuch“ des Favoritner Lehrers Matej Jakic genau zur richtigen Zeit, wallah. Dieses Wort kommt übrigens aus dem Arabischen. Und man könnte es laut Jakic gut mit „ich schwöre“ oder „ich sage die Wahrheit“ übersetzen.
Der Pädagoge, Jahrgang 1996, ist selbst mehrsprachig aufgewachsen, mit Deutsch und einem Favoritnerisch, das sich auch mit der Sprache seiner Vorfahren aus Kroatien mischte. Wohl würde Matej Jakic in der Wortwahl seiner Jugend eher Bin Straßenbahn, Brate sagen. Bin Straßenbahn, wallah (Titel seines Buchs) versteht er allerdings auch.
Das Teuflische für alle Sprachpuristen sind auch die Anglizismen, wie man in dem Wörterbuch bei Wörtern, die mit A beginnen, erfährt. Dort ist bald nach abi (türkisch für großer Bruder) das Adjektiv ace aufgelistet.
Noch nie gehört? Jakic löst auf: „Der ist ace beim Fußball“, im Sinne von sehr gut oder eigentlich der Beste.
Früher in seinem Buch erklärt der Experte für Deutsch als Fremd- und Zweitsprache, dass Ethnolekt die Sprache einer ethnischen Gruppe ist.
Sprachliche Fusion in diesem Restaurantnamen.
„Habibi“, „Oida“, „Hawara“
Schön zu sehen ist auch, dass unter dem Buchstaben B gleich mehrere respektvolle Anreden aufgelistet sind: von Bro und Blockstar aus dem Englischen bis hin zu Bratan, Brate und Bratko aus den Sprachen Südosteuropas. Der Habibi darf dann unter H nicht fehlen. Von ihm hat man schon einmal gehört. Er ist indes ein Lehnwort aus dem Arabischen und heißt so viel wie Liebling, Schatz oder freundschaftlicher Bruder.
Im Wienerischen würde man Hawara sagen oder auch Oida. Doch keine Angst! Die beiden gefühlvollen Anreden sind nicht vom Aussterben bedroht, die Vielfalt in einer multikulturellen Stadt lässt sich vielmehr auch in einzelnen Ethnolekten ablesen.
Man sieht, riecht es, wenn sie sagen: „Skrrrt.“
Aus der Welt der Raser, Roadrunner und Auffrisierer ihrer Autos dürfte das lautmalerische Skrrrt kommen. Es soll an ihre quietschenden Reifen erinnern – und meint auch ganz allgemein eine Fluchtbewegung.
Unter M stehen Menty B (scherzhaft für mentalen Zusammenbruch) und darunter Merak (auf dem Balkan gebräuchlich für Genuss).
Zwischendurch flicht Matej Jakic ein, dass er das erste Ethnolekt-Wörterbuch Wiens geschrieben hat. So wie Sprache insgesamt sei auch das neue Sprachgemisch nicht in Stein gemeißelt. Gut möglich, dass die Habibis von heute ihre Sprache schon morgen von den folgenden Generationen bedroht sehen.
„Chill mal!“
„Wörter reisen schneller als je zuvor“, hält der Lehrer an einer Mittelschule in Favoriten an anderer Stelle im Buch fest. Ihr Tempo ist – Social Media erlaubt es – atemberaubend: „Morgens in Berlin, mittags in Wien, abends in Linz.“ Regt das die älteren Semester auf, hören sie von Jüngeren ein Chill mal!
Wer lernen will, hat mehr vom Leben, heißt es. Daher hier noch die eine oder andere Fußnote: Hamdullah mag vielleicht so ähnlich klingen wie Almdudler, kann man aber nicht trinken, denn es bedeutet „Gott sei Dank!“
Ein wahrer Überlebenskünstler ist das Verb fetzen. Es hat auch nichts von seiner Radikalität verloren, bedeutet es weiterhin sich schlagen.
Nicht Austria, nicht Rapid: Fans von „Fener“.
„Der ist voll Fener“ gab es in grauer Vorzeit noch nicht. In grauer Vorzeit war man entweder grün-weiß (Rapid) oder violett (Austria). Den Fußballverein Fenerbahçe aus Istanbul kannte man – wenn überhaupt – nur namentlich.
Wichtig ist dem Lehrer Matej Jakic am Ende seines Buchs der Hinweis, dass die Standardsprache auf keinen Fall verloren gehen darf – in der Schule, in der Ausbildung und auch nicht im Beruf.
Over! So sagen die Jungen, wenn etwas zu Ende ist. Apropos: Dieser Artikel endet jetzt auch.
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