Wie misshandelte Heimkinder ihre Schicksale meistern
Es sind viele tragische Schicksale, die an die Zeit in Kinderheimen geknüpft sind. Viele Betroffene mussten physische, psychische und sexuelle Gewalt erleben. Jahrzehnte danach ist die Rede vom Scheitern, aber auch vom Durchkämpfen. Und jetzt auch davon, das Erlebte endlich einmal zu verarbeiten.
Herr T. aus
Wien etwa. Er hatte, so wie viele, die das Heim am Wilhelminenberg verließen, keinen Hauptschulabschluss vorzuweisen. Er musste die Sonderschule besuchen. Trotzdem schaffte er später die HTL-Matura. "Aber jetzt steh' ich hier, mit 1000 Euro Pension. Die Stadt Wien hat für uns nie etwas getan."
Der Frust vieler ehemaligen Heimkinder ist groß. Etliche landeten nach dem Kinderheim auf der Straße. Dass Mädchen nach ihrer Heimzeit in der Prostitution landeten, war durchaus keine Seltenheit. Frau G., einst selbst Zögling am Wilhelminenberg, jetzt in Deutschland zu Hause, erinnert sich: "Die Mädchen, die weggelaufen sind, wo sollten die denn hin? Die sind ohne Geld auf der Straße gestanden. Was hätten die tun sollen? Ja, es hat welche gegeben, die sich verkauft haben." Um zu überleben, wie Frau G. betont.
Eine Frau aus Wien, die anonym bleiben will, meldet sich auf Anraten ihrer Freundin beim KURIER: "Ich hab' mit noch niemandem drüber reden können", sagt sie und erinnert sich an ihre Heimzeit. "Ich war von 1961 bis 1969 im Heim und bin sehr viel geprügelt worden." Ihre größte Angst sei es gewesen, "dass ich wie die Erzieherinnen werd'". Ein Mal, ein einziges Mal, sagt sie, sei ihr später bei ihrer Tochter die "Hand ausgerutscht". Darunter leidet die 59-Jährige noch
heute. "Das kann ich mir nie verzeihen", sagt sie unter Tränen.
Fehlgeburten
Auch
Eva L. und Julia K., die beiden Schwestern, die durch ihr KURIER-Interview die Aufarbeitung der Schreckensjahre in Kinderheimen ausgelöst haben, sprechen von Spätfolgen. Beide hätten mehrere Kinder verloren. "Ich vier, meine Schwester zwei", sagt Eva L. Beide haben auch ältere Schwestern, denen die Zeit im Kinderheim erspart geblieben ist. "Die hatten keine Fehlgeburten."
Eva L. beklagt auch, dass viele Kinder einfach in die heiminterne Sonderschule gesteckt wurden. "Was hat man da für Berufschancen? Uns wurde unsere Zukunft genommen." Abschlusszeugnisse mit dem Vermerk "Heim für Schwererziehbare" seien keine Empfehlung für Arbeitgeber gewesen.
Maria F. aus Wien erzählt, sie sei "nach dem Heim auf der Straße gestanden". Essensreste habe sie aus dem Mistkübel geklaubt, Leute um Geld angebettelt. Sie hat sich durchgerauft. Nach fünf gescheiterten Ehen (der KURIER durfte die Scheidungsdokumente einsehen) lebt sie jetzt glücklich mit ihrem Lebensgefährten zusammen. "Nur Sex und so", sagt die 46-Jährige, "ist heute noch immer nix für mich." Ihr ganzer Stolz ist ihre Tochter: "Sie maturiert im kommenden Jahr."
Oder Herr V. aus Wien, der am Wilhelminenberg und in anderen Kinderheimen der Stadt Wien seine Kindheit und Jugend verbrachte. "Ich habe erst vor Kurzem mit meiner Frau über all die Erlebnisse sprechen können." Mit den KURIER-Berichten sei die ganze Sache wieder hochgekommen. "Jetzt konnte ich wirklich alles rauslassen, ich habe es endlich auch meinen Kindern sagen können. Das war nicht leicht. Aber endlich kann ich darüber sprechen." Ehe er das Telefongespräch mit dem KURIER beendet, sagt er: "Danke."
INFO
Opfer können sich bei der Kinder- und Jugendanwaltschaft Wien (01/7077000) melden. Auch der "Weisse Ring" (01/4000-85918) kümmert sich um die Anliegen ehemaliger Heimkinder. Kostenlose Beratung bietet auch der Psychologen-Verband (01/5048000).
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