Chronik | Wien
05.06.2017

"Wer den wilden Mann spielt, zieht den Kürzeren"

Gerichtsvollzieher: Vom Alltag mit Delogierten, Staatsfeinden und einer Pfändung, bei der eine Tote gefunden wird.

Delogierung in der Wilhelminenstraße in Wien-Ottakring. Der Mieter hat monatelang den Zins nicht gezahlt. Hauseigentümerin, Hausverwalter, ein Schlosser und Gerichtsvollzieher Wolfgang Noisternig wollen sich Zutritt verschaffen. Letzterer klopft energisch, ohne zu wissen, was ihn erwartet: Die Wohnung kann leer oder zugemüllt, der Mieter kann abwesend oder daheim sein...

Oder tot. Im Nebenhaus musste Noisternig bei einer alten Frau eine Exekution führen. Als er kam, bellten ihre Hunde. Die Frau öffnete nicht. "Die Hunde bellen schon seit zwei Tagen", sagte die Nachbarin. Der Schlosser öffnete die Tür, Noisternig trat ein, drinnen lag die tote Frau.

Bei der Delogierung will der Schlosser gerade das Schloss herausdrehen, weil nicht aufgemacht wird, und stößt auf Widerstand. Er biegt das kleine Gangfenster in der Eingangstür etwas auf: "Da sieht man eine Hand", sagt er. Der Mieter hält von innen dagegen. Mit einem Tritt wäre die Tür wahrscheinlich offen. Noisternig holt lieber die Polizei. Wer weiß, was passiert, wenn mit brachialer Gewalt geöffnet wird ...

Am 26. Jänner dieses Jahres endete eine Delogierung in der Hernalser Hauptstraße für einen Hausverwalter tödlich. Der Mieter steht im Verdacht, absichtlich eine Gasexplosion herbeigeführt zu haben. Ist die Angst seither immer mit dabei?

"Nur in der ersten Woche nach der Explosion war es ein bissl mulmig, wenn sich beim Öffnen einer Wohnungstür alle zurückgezogen haben, und nur ich allein stand noch davor", sagt Noisternig. Riskant ist der Job jedenfalls. Es gibt mehrere Übergriffe pro Jahr während einer Amtshandlung.

Verdreschen

Wirklich unangenehme Begegnungen könne er "an einer Hand abzählen", sagt der Exekutor: "Ein Mal sollte ich bei einem Pseudo-Antiquitätenhändler pfänden. Der sagte plötzlich zu jemandem im Nebenzimmer, den ich vorher gar nicht gesehen hatte: ’Karli, hast Lust, dass ma wen verdreschen?’ Ich bekam eine Watschen, konnte den aber in einer Reaktion zwischen den Beinen erwischen, so dass er gleich eingangen ist."

Inzwischen hat der Mieter in Ottakring die Tür doch geöffnet, die Polizei kann wieder abziehen. "Nehmen Sie, was Sie brauchen", sagt Noisternig zum Delogierten: "Papiere, Hose, Jacke, der Rest wird abtransportiert." Die Hausbesitzerin sagt: "Ist eh nur lauter Klumpert drin." Aber ein Herz hat sie ja doch: "Gebt ihm einen Karton, damit er seine Sachen einpacken kann." Dann versperrt der Gerichtsvollzieher die Wohnung, alle entfernen sich, der ehemalige Bewohner bleibt heraußen allein und ohne Bleibe zurück.

Nicht unweit von dem Zinshaus musste Noisternig einem Vater sein Kind abnehmen; das Familiengericht hatte der Mutter die Obsorge übertragen. Der Gerichtsvollzieher wurde von der Polizei begleitet, weil gegen den Vater ein Waffenverbot besteht. Ein Alarmzeichen. Zwei Wega-Züge standen bereit, Noisternig musste einen Helm aufsetzen und bekam eine kugelsichere Weste umgeschnallt. "Der Einsatzleiter sagte: ’Bleiben’s hinter mir’, ich bin mir wie im Krimi vorgekommen", erinnert sich der Exekutor. Oben hat dann die Oma aufgemacht und das Kind übergeben.

Respektsperson

"Ich hätte das ohne Polizei auch geschafft", glaubt der 58-Jährige. Er ist im Grätzel eine Respektsperson: "Wer den wilden Mann spielt, zieht den Kürzeren, das spricht sich herum." Seit 38 Jahren ist er fast täglich ab sechs Uhr früh im Einsatz. Er lebt auch in Ottakring. "Wenn ich ein Lokal betrete, wissen fünf Leut’, wer ich bin."

Nur die so genannten Staatenbündler – bei denen er meist Polizeistrafen eintreiben muss – wollen es darauf ankommen lassen. "Wenn ich höre: ’Ich möchte ihre Bestallungsurkunde sehen’, weiß ich schon alles. Der will mit mir diskutieren, dass er ’mit meiner Firma keinen Vertrag’ hat." Seit der Verhaftungswelle unter Staatsfeinden vor ein paar Wochen sind diese Personen aber etwas kleinlauter, hat Noisternig beobachtet. "Wenn ich dann sage: ’Gut, ich komme mit der Polizei wieder’, geht es dann plötzlich doch."