Chronik | Wien
19.08.2018

Vegetarisch, Verlorener, Vatermord

Matthias Franz Stein über seine neue Rolle an der Josefstadt und sein Kabarett mit Erwin Steinhauer.

Ein Schiff mit Passagieren, die aus ihrer Heimat flüchten müssen. Das am geplanten Zielhafen nicht anlegen darf. Das weiterfährt, aber auch im nächsten Hafen nicht aufgenommen wird.

Das Stück, das Schauspieler Matthias Franz Stein derzeit im Theater an der Josefstadt probt und das am 6. September Premiere feiert, hat erschreckende Aktualität. Es ist Daniel Kehlmanns neuestes Drama „Die Reise der Verlorenen“, das auf dem Buch „Voyage of the Damned“ und einer wahren Geschichte basiert. Im Mai 1939 bestiegen in Deutschland 937 Juden ein Schiff Richtung Kuba und glaubten, in die Freiheit zu fahren...

„Es ist schlimm“, sagt Matthias Franz Stein, der einen der jüdischen Passagiere spielt. „Bis jetzt hat man bei der Geschichte nur an den Nationalsozialismus gedacht. Und auf einmal gibt es ganz andere Assoziationen. Es müsste in uns allen ganz laut schreien. Weil sich da etwas wiederholt. Weil wir schon wissen, dass die Haltung, andere Menschen nicht aufnehmen zu wollen, dass die Angst, zu kurz zu kommen, nur in den Abgrund führt.“

Aber dann glaubt Matthias Franz Stein auch, dass der Mensch letztendlich konstruktiv wie auch destruktiv ist, dass er baut und dann wieder zerstört. „Wie eine Zelle. Wie eine Krebszelle.“

Politik zu Mittag

Was für ein Thema für ein leichtes Mittagessen. Er lacht. Aber in Zeiten wie diesen müsse man nun einmal politisch sein. Er sticht in seine gefüllten Teigtaschen.

Matthias Franz Stein sitzt in der Mondscheingasse im sonnigen Gastgarten der Naturkost St. Josef. Das Geschäft inklusive Selbstbedienungsrestaurant hat er vor vielen Jahren schätzen gelernt. Weil er als Ausgleich zu Kalbsstelze oder Ripperl gerne auch mal vegetarisch isst. Und weil das Mittagsmenü erfrischend und nicht zu schwer ist.

Vor 30 Jahren hat Othmar Holzinger das Geschäft eröffnet. Er wollte einen vegetarischen Bio-Laden, in dem die Produkte, die verkauft, auch verkocht werden. Seine Freunde hatten ihr Zweifel. Aber Holzinger glaubte an sich – und heute ist er froh darüber, weil das Konzept sogar äußerst gut angenommen wird.

Das An-sich-Glauben, das Bei-sich-Bleiben hat Matthias Franz Stein mit Holzinger gemein. Oft werde ihm sogar nachgesagt, dass er arrogant oder grantig wirke, dass er angriffslustig sei, sagt der Schauspieler. Er zuckt mit den Schultern. „Weil ich ausspreche, was ich denke. Und in der heutigen Zeit so viel darauf ausgelegt ist, es anderen recht zu machen, politisch korrekt und freundlich zu sein. Ich halte Freundlichkeit ja oft für verlogen. Aber ich bin auch in einem sehr streitfesten Haushalt aufgewachsen.“

Zurück nach Hause

Ein Haushalt, den er unlängst wieder näher kennen lernte. Nach 25 Jahren ist Matthias Franz Stein für kurze Zeit bei seinem Vater, Erwin Steinhauer, eingezogen. Um das Kabarett „Vatermord“ zu schreiben, das am 15. November Premiere im Rabenhoftheater feiert.

„Als ich den Vorschlag (mit dem Vater zu spielen, Anm.) zum ersten Mal gehört hab, hab ich mir gedacht: ,Na, des pock i net.‘ Aber dann hab ich mir gedacht: ,Wo gibt es das sonst? Dass Vater und Sohn gemeinsam auf der Bühne stehen.‘ Und es hat ja eine ganz eigene Kraft, weil die private Beziehung immer mitschwingt.“

Aber geht das gut, mit seinem Vater ein Programm zu schreiben? „Es war ... genauso, wie man es sich vorstellt.“ Matthias Franz Stein lacht. „Anstrengend, weil du halt deinen eigenen Vater immer dabei hast. Aber auch lustig. Weil wir uns super verstehen. Und natürlich gab es Auseinandersetzungen. Weil er manchmal noch den Sechsjährigen in mir sieht. Wie das bei Eltern nun einmal so ist.“

Um diese Spannung geht es dann auch im Stück. Dass die Älteren glauben, es besser zu wissen. Und dass die Jungen sich abgrenzen möchten. So wie Matthias Franz Stein das mit seinem Namen auch gemacht hat.