Chronik | Wien
21.05.2018

Treffpunkt Wien: Von Tradition zu Tradition

Einst kümmerte sich Elisabeth Gürtler um Sacher und Opernball, heute um Hofreitschule und Fête Impériale

Leicht ist es Elisabeth Gürtler vor zwei Jahren nicht gefallen. Natürlich nicht, sagt sie, nachdem sie auf der rot gepolsterten Bank Platz genommen hat. Es sei sogar „sehr sehr schwer“ gewesen, das Hotel Sacher nach 25 Jahren Tochter und Schwiegersohn zu übergeben. „Immerhin habe ich mich ein Vierteljahrhundert damit identifiziert.“ Aber sie wusste auch, dass es Zeit war, Platz zu machen. Für die nächste Generation.

Wie zur Bestätigung lässt Gürtler ihren Blick durch das neue Sacher-Eck schweifen, das zweistöckige Kaffeehaus inklusive Shop zwischen Hotel Sacher und Kärntner Straße: Rote Samtbezüge, rote Tapete, rote Decke. Es ist erst zu Jahresbeginn neu eröffnet worden. Ihre Tochter und deren Ehemann, Alexandra und Matthias Winkler, haben es um rund zehn Millionen Euro rundumerneuert. Die meisten Tische sind an diesem Tag besetzt. Der heiße Frühlingstag lässt sich in dem klimatisierten Café gut aushalten. Die Besucher, viele Touristen, stärken sich mit Kaffee und Süßspeisen, wie der klassischen Sachertorte oder dem Sacher Punschdessert.

Vier Schreibtische

Die Zügel hat Elisabeth Gürtler in den Sacher-Betrieben zwar nicht mehr in der Hand. Anzutreffen ist die 68-Jährige hier dennoch mehrmals die Woche – weil sie hier noch ein Büro hat.

 

„Eines von vier“, ergänzt sie. Die anderen befinden sich: in dem Tiroler Astoria-Resort-Hotel, das sie weiterhin führt, in der Spanischen Hofreitschule, die sie seit 2007 leitet, und bei ihr Zuhause. „Deshalb find ich auch nie etwas.“ Sie lacht, während ihr eine Kellnerin, ein Mineralwasser serviert. Mehr braucht sie nicht.

An Ruhestand denkt die Unternehmerin nicht. Jeden Tag steht sie kurz vor sieben Uhr auf, geht schwimmen und danach an die Arbeit. „Als Kind war 68 Jahre zu sein für mich ,alt‘.“ Aber ich fühle mich nicht so. Außerdem“, ergänzt sie. „Leute, die in Ruhestand gehen und den als etwas betrachten, in dem sie nichts mehr tun, sind nach kurzer Zeit alt. Weil sie nicht mehr gefordert werden. Die Flexibilität geht verloren.“ Und das wollte sie nie.

Derzeit steckt Gürtler in den Vorbereitungen für die Fête Impériale, dem Sommerball der Spanischen Hofreitschule, der am 29. Juni zum neunten Mal stattfindet. Ein Ball, das sei ja etwas, das nur in Wien verstanden werde. „Es ist lustig, ich hab das schon an so vielen Orten probiert, in Dubai, auch in New York. Aber ein richtiger Ball, bei dem man vorher gegessen hat, zu dem man geht, um zu tratschen, zu tanzen, Sekt zu trinken, später ein Bier, dann vielleicht noch Würstl isst – das funktioniert nur in Wien.“

Sternstunden

Das diesjährige Motto: Sternstunden. „Die Mädchen werden mit blauen Schärpen und EU-Sternen einmarschieren. Die Fête findet ja zwei Tage vor dem Beginn der EU-Ratspräsidentschaft statt. Sterne, da denkt man aber auch an Sisi. Wir haben passenderweise ein Sisi-Kostüm zur Verfügung gestellt bekommen, sie war ja Reiterin.“

Reiterin war auch Elisabeth Gürtler. 1979 wurde sie Vizestaatsmeisterin im Dressurreiten. Seit ihrem Wechsel in die Hotellerie im Jahr 1990 ist sie nie wieder im Sattel gesessen. Warum? „Ich habe Angst, nach so vielen Jahren schlecht zu reiten. Nicht mehr das Gefühl von damals zu bekommen“, sagt sie.

Sie habe aber ohnehin genug zu tun. „Ich muss schauen, dass wir finanziell über die Runden kommen.“ Was nicht einfach sei, wenn man auch eine vom Aussterben bedrohte Pferderasse (die Lipizzaner, Anm.) erhalten müsse. Deshalb ist es ihr Ziel, die Hofreitschule für Einheimische interessanter zu machen. „Jeder kennt sie zwar. Aber wissen Sie, wie viele Wiener tatsächlich kommen? Sehr wenige!“

Die Fête soll das ändern.