Manch "Kampfradler" soll sich über Verkehrsregeln hinwegsetzen. Ob das "Sinn hat"? Warum letzteres ein Un-Wort sein soll, ist schwer einzusehen. "Sinn machen" ist eher als fragwürdige Formulierung zu bezeichnen.

© Radfahrer

Chronik Wien
09/24/2012

Sinkende Verkehrsmoral am Fahrrad

Die Zahl tödlich verunglückter Autofahrer geht zurück – anders der Trend bei Radfahrern. Ein Beweis für deren Rowdytum?

Eine Radfahrerin fährt bei roter Ampel gegen die Einbahn – am Kindersitz hat sie ein Kleinkind, ihr zweites Kind radelt daneben. Die Szene ist auf dem Film einer Rotlichtkamera in der Stadt Salzburg abgebildet (siehe Schwarz-Weiß-Bild unten). Wer glaubt, es handelt sich hierbei um einen Einzelfall, der irrt: "Die Akzeptanz von Verkehrsregeln ist bei Radfahren auf dem Tiefststand angelangt. Es werden sogar Regeln ignoriert, die das Überleben im Straßenverkehr sichern", sagt Polizeisprecher Michael Rausch.

Im ersten Halbjahr 2012 starben allein auf Salzburgs Straßen sechs Radfahrer, drei davon in der Stadt selbst. Zum Vergleich: Im ganzen Jahr 2011 waren es "nur" sieben Tote. Ein Trend, der sich auch in der Bundesstatistik wiederfindet. 2011 verunglückten österreichweit 42 Radler tödlich. Im Jahr davor waren es um zehn weniger (siehe Grafik).

Die Ursachen für den Negativtrend liegen für die Polizei auf der Hand: "Viele passen die Fahrgeschwindigkeit nicht der Situation an, sind rücksichtslos und glauben, dass sie alleine auf der Straße sind", sagt Rausch. "Werden sie angehalten, herrscht kaum Einsicht." Um Radrowdys Einhalt zu gebieten, schlug Wiens Bürgermeister Michael Häupl (SPÖ) zuletzt vor, über die Einführung von Nummerntafeln für Radler zu diskutieren. Seitdem tobt eine hitzige Debatte im ganzen Land. Selbst Verkehrsministerin Doris Bures (SPÖ) versprach, ihre Gremien mit dem Thema zu befassen.

Das Argument, dass es den Radfahrern einfach an Problembewusstsein mangelt, lässt Martin Hoffer vom ÖAMTC nicht gelten. "Das wird oft als Schutzbehauptung vorgeschoben. Ich bezweifle, dass die Radfahrer nicht wissen, dass die Verkehrsregeln auch für sie gelten." Zu offensichtlich seien die Verstöße.

Alle gegen alle?

Hoffer nimmt auch die Polizei in die Pflicht, die häufig nach der Devise "Aufklären statt Strafen" handelt. "Bei Autofahrern, die ein Delikt begehen, wird auch nicht lange nachgedacht und eine Strafe ausgestellt. Das ist ja auch die Aufgabe der Exekutive." Würden die Beamten ihrer Aufgabe nachkommen, bräuchte es auch keine Nummerntafeln für Radfahrer, glaubt Hoffer.

Gegen die Taferln ist auch der Verkehrsclub Österreich (VCÖ). "Die ganze Diskussion ist ziemlich überspitzt. Natürlich gibt es rücksichtslose Radfahrer", sagt Sprecherin Heike Hochhauser. Schwarze Schafe gebe es aber auch unter den anderen Verkehrsteilnehmern.

Von restriktivem Vorgehen gegen Pedalritter, die Regeln übertreten, hält man beim VCÖ wenig: "Man muss immer auch die Auswirkungen eines Vergehens berücksichtigen: Ein Radler, der bei Rot über die Kreuzung fährt, gefährdet in erster Linie sich selbst, ein Autofahrer hingegen auch die anderen."

Doch wie lässt sich dann der Konflikt zwischen Radlern, Fußgängern und Autofahrern entschärfen? "Es braucht mehr Platz für die Radler", fordert der VCÖ. Denn die Zahl der tödlichen Radunfälle würde im Verhältnis zu den gefahrenen Kilometern stetig sinken. Je mehr Radler unterwegs sind, desto sicherer werde das Radfahren auch. "Das zeigt sich am Beispiel von Fahrrad-Metropolen wie Kopenhagen deutlich. Radfahrer werden einfach im Verkehr viel besser wahrgenommen."

NÖ: Radeln in der Fuzo nur für Nachtschwärmer

Konfliktpotenzial birgt auch das Miteinander von Radfahrern und Fußgängern. Während in Wien das Radfahren in Fußgängerzonen grundsätzlich nicht gestattet wird, gelten in Niederösterreichs Städten die verschiedensten Regelungen.

Eine der ungewöhnlichsten ist seit Kurzem in Baden in Kraft getreten. Die Fußgängerzone darf mit dem Rad zwar durchfahren werden –, aber nur nächtens in der Zeit zwischen 19 und 7 Uhr. "Untertags sind viele Eltern mit Kinderwagen und ältere Mitmenschen unterwegs. Die Beschränkung ist aus Sicherheitsgründen notwendig", sagt Bürgermeister Kurt Staska (ÖVP). Bei der nunmehrigen Lösung handelt es sich um einen politischen Kompromiss: Die Öffnung der Fußgängerzone für Radler war eine langjährige Forderung der Grünen, seit zwei Jahren Koalitionspartner der ÖVP. "Es gab sehr unterschiedliche Meinungen zu dem Thema, aber es wird in der Bevölkerung positiv angenommen, dass Bewegung in die Sache gekommen ist", ist Vizebürgermeisterin Helga Krismer (Grüne) zufrieden. Auf Unbelehrbare wartet die Stadtpolizei: "Meistens werden Radfahrer nur abgemahnt, aber in manchen Fällen wird auch gestraft", sagt Oberst Walter Santin. 20 Euro kann die Durchquerung der Fußgängerzone bei Tageslicht kosten.

Anderswo ist man weniger restriktiv. In Mödling etwa ist Radfahren in der Fußgängerzone erlaubt, aber "nur in Schrittgeschwindigkeit und mit Ausnahme einer Gasse", erklärt Vizebürgermeister Gerhard Wannenmacher (Grüne). In dem von der Regelung ausgenommenen, weil stark frequentierten und engen Fuzo-Stück kann er sich eine nächtliche Lösung wie in Baden vorstellen.

Bei rücksichtsvollem Verhalten sind die Fußgängerzonen in St. Pölten und Wiener Neustadt geöffnet.

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