Chronik | Wien
16.10.2017

Schmerz lass nach

Krankenversicherung muss auch für sportwissenschaftliches Coaching und Muskeltraining zahlen.

Die Wienerin Monika Strangfeld-Stadler leidet, wie jeder dritte Österreicher, seit vielen Jahren unter Rückenschmerzen. Beim vorerst letzten akuten Bandscheibenvorfall riet ihr Hausarzt zu einer Operation. Die Patientin lehnte ab: "Ich komme aus einem Arzthaushalt", sagt sie im Gespräch mit dem KURIER; wissend, was da alles schief gehen kann. Auch der Empfehlung des Arztes, ihr ein Metallkorsett zu verpassen, folgte die Innenarchitektin und Künstlerin nicht.

Sie begab sich stattdessen in das von Dr. Bernhard Stengg geführte Kompetenzzentrum für Schmerztherapie Paincare. Dort wurde sie von dem Facharzt für Physikalische Medizin und Rehabilitation zunächst vermessen, anschließend erstellte er für die nächsten drei Monate einen ständig überprüften und neu angepassten Therapieplan. Nach zwölf Trainingseinheiten zu je 60 Minuten ging es Monika Strangfeld-Stadler so gut wie nie zuvor. Das war im Februar 2016, und dieser Zustand hält dank der nun daheim weiter durchgeführten Übungen bis heute an.

Gummiband

Was kann Stengg besser als seine Kollegen, was unterscheidet Paincare von anderen (herkömmlichen) Therapiezentren? "Die klassische Physiotherapie ist seit 20 Jahren überholt", sagt der Arzt: "Da wird immer noch mit dem Gummiband und der Sprossenwand gearbeitet." Stengg muss es wissen, hat er doch früher Physiotherapeuten im Krankenhaus ausgebildet. Die Funktionsgymnastik vertreibe zwar kurzfristig Schmerzen, "stärker wird man aber dadurch nicht", sagt Stengg (siehe unten).

Rund 6000 Patienten hat der Arzt in den vergangenen 15 Jahren zu 90 Prozent schmerzfrei gemacht, wie er sagt. Der Haken an der Geschichte: Die private Krankenversicherung, die im Gegensatz zur Kasse solche Zusatzleistungen üblicherweise übernimmt, verweigerte die Kostenübernahme.

Monika Strangfeld-Stadler und ihr Mann zahlen 1000 Euro im Monat für die bei Uniqa abgeschlossene Zusatzversicherung: "Wir sind seit 40 Jahren dort versichert, und dann wollten sie die 1300 Euro für zehn Behandlungen – abzüglich zehn Prozent Selbstbehalt – nicht übernehmen", ärgerte sich die Wienerin.

Sie klagte die Versicherung – und bekam Recht. Schmerz lass nach, wird nun nicht nur die Uniqa ausrufen. Denn das von Anwalt Gerold Beneder erkämpfte Urteil des Handelsgerichts Wien geht weit über den Anlassfall hinaus. Allein bei Paincare könnten etwa 600 Schmerzgeplagte daraus Nutzen ziehen, schätzt Bernhard Stengg.

Die Versicherung nahm den Standpunkt ein, dass laut Versicherungsbedingungen nur physiotherapeutische Heilbehandlungen vergütet werden (nicht nur die Uniqa, auch andere Versicherungen sehen das so). Muskelaufbautraining falle nicht unter den Begriff der medizinisch notwendigen Heilbehandlung. Außerdem sei für die Kostenübernahme Bedingung, dass die Behandlung durch einen Arzt oder Physiotherapeuten durchgeführt wird.

Bei Paincare arbeiten keine Physiotherapeuten, sondern Sportwissenschaftler, die zu medizinischen Trainingstherapeuten ausgebildet wurden. Werden sie vom ärztlichen Leiter eingeschult, angeleitet und kontrolliert? Das ist der Punkt.

Stengg sagt, man habe auf ihn sogar einen verdeckten Detektiv angesetzt, der sich vorgeblich über die Behandlung erkundigte. In Wahrheit spionierte er aus, ob der Arzt während der Therapien anwesend ist und wie weit weg er von den Geräten sitzt.

Ärztliche Hilfe

Das Gericht kam zum Schluss, dass die Leistungen unter Aufsicht und im Verantwortungsbereich des Arztes erbracht werden, das genügt. Auch die Behandlung durch Sportwissenschaftler, Sportmediziner oder Masseure lässt das Gericht als ersatzfähige ärztliche Hilfe gelten, Hauptsache sie erfüllen den Zweck: Schmerz lass nach.