Besuch in der Partnerstadt: Warum in Zagreb so viel Wien wohnt

Die Zagreber Oper im festlich stimmenden Abendlicht.
Seit 25 Jahren verbindet die Hauptstädte Kroatiens und Österreichs ein Vertrag. Einige Erkundungen im ehemaligen Agram.
Von Uwe Mauch

Der Hinweis, dass die Oper von Zagreb vom Wiener Architektenbüro Fellner und Helmer geplant und dann von Kaiser Franz Joseph anno 1895 feierlich eröffnet wurde, sorgt noch immer für Staunen bei den Gästen aus Wien.

Wenig bekannt ist auch, dass bei der Errichtung des „Grünen Hufeisens“ im alten Agram die Wiener Ringstraße als urbanes Vorbild diente.

Im U-förmigen Ensemble an Parkanlagen stecken zig Wiener Zitate. Sehen wir uns nur das zentrale Gebäude der Kroatischen Akademie der Wissenschaften an: Geplant von einem gewissen Professor Friedrich von Schmidt, jenem Architekten also, dem Wien sein Rathaus verdankt.

Erster Weltkrieg, Zweiter Weltkrieg, Kalter Krieg nach 1945 und Jugoslawien-Krieg zwischen 1991 und 1995: Dieser giftige Mix verstärkte jedoch in Wien das Gefühl, dass Wien und Zagreb mehr trennt als rein geografisch die nicht einmal 400 Kilometer.

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Auch die alte Seilbahn in Zagreb wurde von einer Wiener Firma gebaut: Waagner-Biro.

„Erweiterter Heimmarkt“

Es war eine vorausblickende Entscheidung, als man in Wien schon bald nach den letzten Granaten auf Zagreb (Mai 1995) die Entscheidung traf, nach Prag und Budapest in Zagreb ein sogenanntes „Verbindungsbüro“ zu eröffnen. Viele gut ausgebildete Arbeitskräfte waren in den Jahren zuvor aus Zagreb nach Wien geflüchtet, fanden hier eine zweite Heimat.

Umgekehrt eröffneten die ersten Wiener Unternehmen in Zagreb wieder Büros, um von hier aus den „erweiterten Heimmarkt“ in den Ländern des ehemaligen Jugoslawiens neu zu bearbeiten.

Den damaligen Bürgermeister Michael Häupl (SPÖ) hat diese Verbindung weniger interessiert als sein Zagreber Gegenüber Milan Bandić, der sich in seinen ersten von etlichen Amtsperioden noch als Sozialdemokrat zu erkennen gab und daher von seinen Wiener Genossen mit offenen Armen empfangen wurde.

Müllabfuhr, Verwaltung der Märkte, Friedhöfe, Parkplätze, Versorgung der Stadt mit Wasser und Strom: Bandić, wird in Kroatien erzählt, ließ Zagrebs Stadtwerke nach Wiener Vorbild in eine große Holding gießen.

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So wie der alte Ban Josip Jelacic haben auch andere Zagreber viel mit Wien zu tun.

SMS-Parken wie in Zagreb

Apropos Parkplätze: In der heute noch stark auf das Auto fokussierten Fast-Millionen-Stadt an der Save hat ein österreichischer Mobiltelefonie-Anbieter das SMS-Parken ein Jahr früher (2001) als in Wien eingeführt. Als man sich sicher sein konnte, dass das Pilotprojekt einwandfrei funktioniert, hat man es auch in Wien ausgerollt.

Zuletzt interessierten sich Beamte aus Wien für die rollenden Zagreber Parksheriffs, die in ihren speziell ausgerüsteten und speziell gekennzeichneten Dienstautos durch die Stadt fahren und Parksünder vom Wagen aus scannen.

Insgesamt läuft aber der Know-how-Transfer in die andere Richtung: Egal ob professionelles Stadtmarketing, Adventzauber, eislaufen auf dem Tomislav-Platz oder zuletzt das Outsourcen an eine private Leihrad-Firma, immer wieder holten die Zagreber wertvolle Tipps in Wien ein.

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Die Zagreber Straßenbahn kann mit dem Tempo der Wiener Linien nicht mithalten.

Wer das Radwege-Netz in Wien oder die Wiener Linien oft und hart kritisiert, sollte nur einen halben Tag lang in Zagreb ohne Auto unterwegs sein: Es ist nicht so, dass man in Zagreb den Klimawandel leugnet, immerhin wird die mit Abstand größte Stadt Kroatiens vom Grünpolitiker Tomislav Tomašević in seiner bereits zweiten Amtsperiode regiert, doch das Angebot an Radwegen ist weiterhin sehr lückenhaft, und auch der Ausbau des Zagreber Bus- und Straßenbahnnetzes vollzieht sich im direkten Vergleich zu Wien sehr langsam.

Jüngst hat man einige von den Wiener Linien ausrangierte Autobusse angeschafft. Angesprochen auf die Unterschiede der beiden Städte, meint ein Zagreber, der beide Stadtverwaltungen von innen kennt: „Uns fehlt in Zagreb ein professionelles Beamtentum. Mit jedem politischen Wechsel werden die leitenden Funktionen neu besetzt.“

Auch kein Ruhmesblatt ist das Stadion Maksimir. Seit den beiden Erdbeben am Beginn der Pandemie blieb eine der beiden Längstribünen für das Publikum gesperrt. Unvorstellbar in Wien!

Mit dem Hinweis darauf, dass hier eines der besten Fußballteams der Welt (2018 standen die Kroaten im WM-Finale, 2022 im Halbfinale) seine Heimspiele vor leeren Rängen austragen muss, meint ein kroatischer Fußballfan mit dem in Wien nicht unbekannten Sarkasmus: „Wir wären schon froh, hätten wir – so wie ihr in Wien – ein uraltes Happel-Stadion.“

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Zagreber Bahnhofsvorplatz: Seit Dezember fährt von hier wieder ein direkter Zug nach Wien.

Wie zu Kaisers Zeiten

Seit der Umstellung auf den Winterfahrplan im Dezember verkehrt wieder ein direkter Zug zwischen den beiden EU-Hauptstädten – mit beinahe sieben Stunden Fahrzeit fast so langsam wie zu Kaiser Franz Josephs Zeiten. Die alten Waggons stimmen traurig wie der Anblick des kaputten Stadions beim Maksimir-Park.

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