"Nacht des Missbrauchs" eingeläutet

Künstler und Missbrauchsopfer erhoben Donnerstagabend am Stephansplatz ihre Stimme gegen Kirche und Staat.
"Nacht des Missbrauchs" eingeläutet

Mit der "Langen Nacht des Missbrauchs" wollten Donnerstagabend mehrere Aktivisten - darunter die Schauspieler Hubsi Kramar und Erwin Steinhauer sowie "Pastafari" Niko Alm - für das Volksbegehren gegen Kirchenprivilegien werben. Für Aufsehen sorgte, dass Parolen an den Stephansdom projiziert wurden. Während Opfer über ihre Qualen berichteten, sorgten das stündliche Glockenläuten des Doms und benachbarte Breakdance-Gruppen aber für mehr Lautstärke und größeres Zuschauerinteresse. Am Ende wurden einige Dutzend Unterstützungserklärungen gesammelt.

"Wir handeln in Notwehr", sagt Schauspieler Hubsi Kramar salbungsvoll. "Die Kirche ist am Ende. Und das ist fatal. Denn wir brauchen eine Kirche als moralische Instanz in diesem Land." Der Dom sollte bei der Aktion in ein zweifelhaftes Licht gerückt werden, wenn die Fassade der altehrwürdigen Kirche mit Erfahrungsberichten bespielt wird. "Zu lange sind des Missbrauchs verdächtige Pfarrer von einer Diözese in die andere versetzt worden", klagt Kramar. "Zu lange prallten erhobene Vorwürfe an den dicken Kirchenmauern ab."

Beim Sprecher der Erzdiözese Wien, Michael Prüller, stößt die Aktion auf Unverständnis. "Das ist ein durchsichtiges Manöver, um Unterschriften für das Kirchenvolksbegehren zu sammeln. Das dient aber keiner seriösen Aufarbeitung."

"Nacht des Missbrauchs" eingeläutet

Noch bis 15. Oktober läuft die Eintragungsfrist für das Volksbegehren, das sich gegen Kirchenprivilegien wendet und das von Niko Alm ins Leben gerufen wurde - jenem Werbefachmann und Kirchenkritiker, dessen Führerscheinfoto mit Nudelsieb auf dem Kopf vor wenigen Wochen um die Welt gegangen war. "Selbstverständlich werden wir mit einem Notar vor Ort Unterschriften sammeln", räumt Alm freimütig ein. "Unsere Ziele decken sich ja vielfach mit jenen der Plattform Betroffener Kirchlicher Gewalt."

"Nacht des Missbrauchs" eingeläutet

Und die Opferschutz-Kommission, die von Waltraud Klasnic angeführt wird? Leistet sie in den Augen der Demonstranten etwa zu wenig Hilfe für Missbrauchsopfer? "Die Kommission ist hoffnungslos überfordert", glaubt ein Sprecher der Plattform. "Betroffene werden mit Almosen abgespeist, hochrangige Täter geschützt. Wir fordern eine staatliche, von der Kirche unabhängige Kommission."

1048 Betroffene gezählt

"Nacht des Missbrauchs" eingeläutet

Vorwürfe, die man bei der Kommission selbst nicht gelten lassen möchte. "Wir prüfen alle Fälle gewissenhaft", sagt Herwig Hösele. "Wir brauchen auch eine gewisse Zeit, um seriös vorgehen zu können." Bisher haben sich 1123 Opfer an die Klasnic-Kommission gewandt. 1048 davon betreffen die katholische Kirche. Davon wurden bereits 407 Fälle abgearbeitet. "Alles braucht seine Zeit."

Zeit, die Menschen wie Kramar nicht mehr gewähren möchten: "Bisher haben honorige und honorigste Kirchenvertreter reichlich Gebrauch vom Missbrauch gemacht", sagt Kramar. "Ich denke, dass damit Schluss sein muss. Die guten Hirten hätten so viele Möglichkeiten, die Frohbotschaft Christi richtig zu gebrauchen."

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