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Chronik Wien
08/12/2019

Mysteriöse Beschleunigung: Wiener-Linien-Busfahrer erheben Vorwürfe

Fahrer berichten von Bussen, die sich nicht stoppen lassen. Einer will jetzt klagen.

von Markus Strohmayer

Es war der 22. Dezember 2018, als Busfahrer Johann Weigl sich im Dienst zwei Wirbel brach. Seinen Job bei den Wiener Linien sollte er wenig später verlieren. Seine Schicht an jenem Samstag kurz vor Weihnachten war so gut wie zu Ende.

Nach Mitternacht ließ er in der Endstation der Linie 26A kurz vor Groß-Enzersdorf (Bezirk Gänserndorf) seine letzten Fahrgäste aussteigen. Dort rauchte der 57-Jährige noch eine Zigarette, um den Bus im Anschluss nach Kagran zu bringen.

Was dann geschah, kann er sich bis heute nicht erklären: „Ich startete den Motor – ohne Fuß am Gaspedal – und der Bus beschleunigte unkontrolliert. Ich habe gebremst, aber der Bus wurde immer schneller.“

Weigl durchfuhr in Folge einen Kreisverkehr gegen die Fahrtrichtung, rammte dabei einen 200 Kilo schweren Begrenzungsfelsen, lenkte den Bus auf das Areal einer Tankstelle, wo er eine Zapfsäule umriss, und krachte schließlich in ein Kaffeehaus.

Sachverständiger kontert

Wie durch ein Wunder wurde – außer Weigl selbst – niemand verletzt. Nach einem Spitalsaufenthalt schilderte er den Wiener Linien die Situation aus seiner Sicht: Der Bus habe ohne sein Zutun beschleunigt.

Ein Sachverständiger sah das aber anders. Der Bus sei in einem einwandfreien Zustand gewesen, Weigl müsse die Pedale verwechselt haben. Aufgrund grob fahrlässigen Verhaltens wurde er gekündigt und aufgefordert mehr als 3.000 Euro Schadenersatz zu leisten. Das will er nun vor Gericht bekämpfen.

Kein Einzellfall

Weigls Fall rief Personalvertreter Herbert Weidenauer auf den Plan. Seit 32 Jahren Busfahrer, ist ihm das Phänomen der selbstbeschleunigenden Busse bekannt. „Mir ist 2012 dasselbe in der Autobusgarage passiert.“

Weidenauer zufolge helfe in einer solchen Situation nur, zu bremsen, gleichzeitig den Leerlauf einzulegen und die Stromzufuhr zu kappen. Diese Handgriffe für derartige Extremfälle habe er damals in der Busgarage schriftlich ausgehängt.

Seine Vorgesetzten hätten diese aber entfernt und ihn verwarnt. Bei den Wiener Linien hieß es auf KURIER-Anfrage, dass Aushänge nur in eigens ausgewiesenen Bereichen erlaubt seien und man die Fahrer nicht verunsichern wolle.

Der Personalvertreter sieht darin eine Vertuschungsaktion. In seiner Funktion als Obmann des Vereins „Öffi Drivers – Wir sind Schwerarbeiter“ hätten ihm viele Kollegen von den selbstbeschleunigenden Bussen erzählt.

Vom Fahrdienst abgezogen

Einer davon ist der mittlerweile pensionierte Karl K. Sein Bus beschleunigte 2005 nach Starten des Motors und ohne Gaszugabe derart schnell, dass er in den davor geparkten Bus krachte – dazwischen war allerdings eine ganze Buslänge Abstand. „Ich stieg damals mit voller Kraft auf die Bremse und zog die Handbremse“, sagt er.

Kollegen hätten danach bezeugt, dass der Bus unnatürlich stark beschleunigte. Der heute 70-jährige K. wurde trotzdem vom Fahrdienst abgezogen. „Mir wurde aus einem Gutachten vorgelesen, dass ich die Pedale verwechselt hätte. Nach 28 Dienstjahren.“ Das Gutachten habe er persönlich nie gesehen.

Aufklärung gefordert

Die Wiener Linien beteuern, dass externe Sachverständige jeden Unfall untersuchen. Diesen sei bisher nicht aufgefallen, dass Busse unkontrolliert schneller werden. Alle Busse wären für den Fahrgastbetrieb freigegeben und sicher.

Weidenauer bezweifelt nicht, dass sich die Wiener Linien an rechtliche Vorgaben halten. Dennoch ortet er Gefahr für Fahrgäste sowie Passanten und fordert Aufklärung: „Sonst kommt irgendwann jemand zu Schaden.“