Chronik | Wien
26.06.2018

Mord in Wien-Ottakring: 20 Jahre Haft für Ex-Boxer

Nach Messerstecherei in U6-Station im Herbst 2017. Das Urteil ist nicht rechtskräftig.

Ein ehemaliger Boxer, der im vergangenen Herbst in einer U-Bahn-Station in Wien-Ottakring einen 22-Jährigen mit einem Klappmesser erstochen und einen 25 Jahre alten Mann lebensgefährlich verletzt hat, ist am Landesgericht im Sinn der Anklage schuldig erkannt worden. Der gebürtige Tschetschene wurde wegen Mordes und versuchten Mordes zu 20 Jahren Haft verurteilt.

Der Schuldspruch der Geschworenen fiel mit 6:2 Stimmen im Sinn der Anklage aus. Der 22-Jährige hatte sich mit Notwehr verantwortet. Das Urteil ist nicht rechtskräftig. Wie Gerichtssprecherin Christina Salzborn unmittelbar nach der Urteilsverkündung um 23.20 Uhr mitteilte, erbat Verteidiger Rudolf Mayer Bedenkzeit. Staatsanwältin Viktoria Berente gab vorerst keine Erklärung ab.

Drei Jahre unbedingt für Begleiter

Neben dem früheren Boxer wurde auch einer seiner damaligen Begleiter - ein 27-jähriger Bauingenieur aus Afghanistan, der 2016 aufgrund von Schwierigkeiten mit den Taliban nach Österreich geflüchtet war - anklagekonform abgeurteilt. Der Mann fasste - nicht rechtskräftig - wegen versuchter absichtlicher schwerer Körperverletzung drei Jahre unbedingt aus. Er wollte laut Anklage dem bereits tödlich Verletzten noch einen wuchtigen Fußtritt gegen den Kopf verpassen. Der von acht Messerstichen verwundete 22-Jährige war aus der U-Bahn-Station Thaliastraße geflüchtet, ehe ihn die Kräfte verließen und er sich auf den Gehsteig setzte, wobei er sich mit dem Rücken gegen einen Stromkasten lehnte. Der Afghane soll in der Situation zu dem blutüberströmten Mann gelaufen sein, um ihn mit einem Kick zu verletzen, verfehlte dabei aber sein Ziel.

Der Ex-Boxer, der seit seinem zehnten Lebensjahr in Österreich lebt, war in der Nacht auf den 1. Oktober 2017 mit seinem Cousin und zwei afghanischen Freunden unterwegs gewesen. Auf einem Bahnsteig an der U6-Station Thaliastraße traf die Gruppe auf drei junge Serben, mit denen es aus nichtigem Anlass zu einem zunächst verbalen Disput kam. Die Serben hatten eine junge Frau unwirsch weggewiesen, die sie um eine Zigarette gebeten hatte. Die anderen Männer kannten die Frau vom Sehen, sie hatten sie unmittelbar zuvor vor einer Diskothek kennengelernt. Sie dürften für sie Partei ergriffen und damit die Serben gegen sich aufgebracht haben.

Überwachungskamera

Das Bildmaterial aus den Überwachungskameras der Wiener Linien belegt, dass die Aggression von den Serben ausging. Nach einem kurzen Wortgefecht gingen zwei von ihnen auf den Cousin des Angeklagten los, der einen Faustschlag kassierte und zu Boden ging. Als sich der Schläger dem 22-jährigen Tschetschenen zuwandte und diesen in offensichtlich gewalttätiger Absicht gegen die Wand drückte, zückte dieser ein Klappmesser und versetzte dem 22-Jährigen acht Stiche. Einer ging in die Lunge, einer verletzte eine Arterie. Der Bewaffnete brachte dem Gleichaltrigen außerdem noch eine klaffende Schnittwunde am Hals bei. Dem zweiten Angreifer rammte er danach das Messer drei Mal in die Brust und zwei Mal in die rechte Achselhöhle.

Er habe "wie wild auf die Männer eingestochen", betonte die Staatsanwältin in ihrem Eingangsplädoyer. Sie bescheinigte dem Angeklagten eine "unermessliche Gewaltbereitschaft", dieser habe "aus unkontrollierter Wut und Aggression gehandelt". Damit brachte sie den Verteidiger gegen sich auf: "Es war keine aggressive Messerattacke. Es war eine Verteidigung." Sein Mandant habe zunächst tatenlos zugesehen, als sein Cousin niedergeschlagen wurde. Erst als einer der ihm körperlich deutlich überlegenen Angreifer auf ihn losging, habe er sein Verhalten geändert.

Aus Angst "so oft gestochen"

"Ich habe mich nur verteidigt, weil ich nicht wusste, was passieren wird", gab der 22-jährige Tschetschene zu Protokoll. Auf die Frage der vorsitzenden Richterin Claudia Zöllner, weshalb er als Boxer nicht von seinen Fäusten Gebrauch gemacht hätte, meinte der 22-Jährige: "Ich habe Angst gehabt. Die waren so riesig und stark. Ich dachte, wenn ich schlage und die nicht richtig treffe, dass die nicht umfallen, bringen die mich um." Er habe "nicht gezielt gestochen. Es war so schnell." Aus Angst und weil weiter auf ihn eingeschlagen wurde, habe er "so oft gestochen". Dieser Version schenkten die Geschworenen nach stundenlanger Beratung mehrheitlich keinen Glauben.

Der Tschetschene hatte seit seinem 15. Lebensjahr in einem Wiener Boxverein trainiert. Der Website Boxrec zufolge, die sämtliche Profi-Boxer weltweit auflistet, bestritt er unter dem Kampfnamen "The Hunter" drei Fights, zuletzt im April 2017 im Hamburg, wo er eine Niederlage bezog. Danach beendete er offiziell seine Karriere. Von der Richterin auf seine sportlichen Ambitionen angesprochen, meinte der 22-Jährige: "Ich habe das nur als Hobby gemacht." Beruflich sei er drei Jahre in einem Supermarkt an der Kassa gesessen, ehe er im Vorjahr kündigte: "Ich hatte Kreuzschmerzen vom Sitzen." Er habe sich daher eine Stelle als Lagerarbeiter suchen wollen.