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Chronik Wien
06/26/2020

Michael Niavarani über sein neues "Theater im Park" in Wien

Der Kabarettist und Theatermacher eröffnet am Belvedere ein neues „Theater im Park“ und sagt: „Wir leben in einer Zeit, in der Witze wahr werden“.

von Werner Rosenberger

Mitten im Shutdown, als alle wochenlang zum Daheimbleiben verurteilt waren, witzelte Michael Niavarani: „Wenn das mit Corona vorbei ist, freue ich mich auf ein paar ruhige Tage zu Hause.“ Und wie war sein Urlaub im Juni in Kärnten am Weissensee? „Wieder Quarantäne. Fünf von zehn Tagen waren verregnet.“ Ausgefüllt mit spazieren gehen und schreiben.

Woran? „Es ist die Heilige Dreifaltigkeit der Ideenlosigkeit“, sagt „Nia“ im KURIER-Gespräch. „Ich arbeite an einem neuen Stück und an einem mit Anekdoten gespickten Buch über meine Familiengeschichte. Ich bin nämlich draufgekommen, dass ich in sechster Generation Wiener mit Vorfahren aus Ungarn, Niederösterreich, Böhmen und Schlesien bin.“

Außerdem verleiht der Autor, dessen Großvater mütterlicherseits Erster Geiger der Wiener Philharmoniker war, seinem Solo „Homo Idioticus – eine Kulturgeschichte des Trottels“, das im Sommer im „Theater im Park“ aufgeführt wird, einen Feinschliff.

Das „Theater im Park“ mit einer Freilichtbühne am Belvedere (mit Eingängen an der Prinz-Eugen-Straße 25 oder vis-à-vis 26) ist mehr als nur ein Ausweichquartier für Simpl und Globe Wien und startet am 1. Juli im Privatgarten des Palais Schwarzenberg mit einem breit gefächerten Mix aus Hochkultur und Kleinkunst, mit Theater, Musik und Kabarett. Die Familie Schwarzenberg mit ihrer Stiftung unterstützt dabei Pläne, die sie selber immer schon verwirklichen wollte: Denn an diesem Ort hätte einmal ein Barocktheater stattfinden sollen.

Neuer Park in Wien

Die Idee des Kulturveranstalters Georg Hoanzl wiederum war, den Künstlern und den Wienern ein Theater zu bieten, wo sie im Freien spielen und sitzen können. Wo man genug Abstand hat – 1,5 Meter zwischen den Sitzen in Zweier- und Vierergruppen. In einem neuen Park, einer neuen öffentlich zugänglichen Grünfläche in Wien.

„Das war der Stiftung Schwarzenberg sehr wichtig. Und das hat sich mit unseren Intentionen gut getroffen“, sagt Niavarani und rechnet damit, dass es – auch wenn keine Ansteckungsgefahr mehr besteht – trotzdem noch eine Zeit lang dauern wird, bis die Theaterhäuser wieder voll sind: „Weil in unser Bewusstsein jetzt eingeimpft wurde: Corona ist gefährlich. Es kann aber auch andersrum sein: Dass es noch gefährlicher wird, doch das Bewusstsein dafür fehlt, dass es gefährlich ist. Das ist irrational und hat alles weniger mit den Fakten zu tun als mit dem Gefühl der Menschen.“ Niemand kann wissen, was der Herbst bringen wird.

Fest steht nur, dass die behördlich verordnete Schließung aller kulturellen Institutionen wegen der Corona-Pandemie über Monate in der Geschichte einmalig war.

Niavarani ist, „so schmerzhaft es ist, trotzdem froh darüber, weil wir wissen, warum wir das machen. Nicht weil Krieg herrscht oder weil wir für einen Machthaber zu kritisch sind, sondern wir haben geschlossen, und wir haben unsere Grundrechte beschränkt, um Menschenleben zu retten.“

Das werde vielleicht einmal in den Geschichtsbüchern als Wendepunkt stehen. Denn Kaiser, Könige oder Diktatoren hätten noch nie in der Geschichte die Grundrechte eingeschränkt, um etwas Positives zu machen. „Erstmals haben wir vom Staat den Auftrag erhalten, Leben zu retten. Ein unfassbar großer Fortschritt.“

Und welcher adaptierte Shakespeare-Stoff könnte nach der Ehetragödie von „Romeo und Julia“ und „Richard III.“ als Komödie im Globe Wien als Nächstes auf die Bühne kommen?

Traumrolle Falstaff

Ein interessantes Thema sei Hamlet, der auf den Falstaff trifft. „Das Problem des jungen Prinzen von Dänemark ist, dass er keine guten Freunde hat“, sagt Niavarani.

„Er braucht einen Freund, und der einzige, der Hamlet erklären könnte, dass man das Leben auch genießen und Hoffnung für die Menschheit hegen soll, ist Falstaff. Ein kleiner Gauner, Betrüger, Trinker, aber eigentlich ein guter Mensch.“ Als Alternative für Herbst 2021 käme auch ein Stück infrage, das im 18. Jahrhundert spielt. Der Stoff für eine „Bombenkomödie“.

Happy Endings

Kaiser Joseph II. befahl einst per Dekret, Theaterstücke müssten ein Happy End – einen sogenannten „Wiener Schluss“ – bekommen. Keine Tragödie in allen Habsburgerländern dürfe schlecht ausgehen. Man sollte den Menschen vielmehr zeigen, dass das Leben gut ausgeht.

„Es gibt ‚Hamlet‘ und ‚King Lear‘ mit Happy End“, sagt „Nia“, der die Geschichte der Menschen erzählen möchte, „die sich den Kopf zerbrochen haben: Wie um Gottes Willen kann man das Leben so sehen, dass es gut ausgeht? Das wäre aber ein komplett neues Stück, bei dem vielleicht Shakespeare oder Goethe eingebaut sind.“

Nachdenklich

Das Happy End sei ja ein schöner Gedanke. Und die Entwicklung der Menschheit gehe in diese Richtung. Wie Steven Pinker im Buch „Aufklärung jetzt: Für Vernunft, Wissenschaft, Humanismus und Fortschritt. Eine Verteidigung“ schrieb.

„Wäre in einem Stück jeder Staat eine Figur, dann sind manche schon näher am Schluss und andere noch im zweiten Akt“, so Niavarani.

„Aber wenn wir uns anstrengen, so wie wir uns in den letzten 6.000 Jahren angestrengt haben, dann gehen wir in Richtung Happy End. Es gibt immer weniger Tote durch Krieg, insgesamt immer weniger Armut und Hunger. Momentan sterben global gesehen mehr Menschen an Überfettung als am Hunger.“

Auch die nächste Simpl-Revue hat Niavarani schon im Kopf: „Ich weiß nur nicht, ob sie heuer im Oktober, im April 2021 oder erst in eineinhalb Jahren kommt.“ Nicht „Träume werden wahr“, sondern „Witze werden wahr“ wird sie „ziemlich sicher“ heißen. Die Ex-Kanzlerin Brigitte Bierlein wurde erwischt, weil sie alkoholisiert mit dem Auto gefahren ist. Und Philippa Strache hatte mit acht Jahren einen kleinen Auftritt im Video zum Falco-Song „Mutter, der Mann mit dem Koks ist da.“ Und „Nia“ hat jetzt „Angst, dass wir in ein neues Zeitalter eintreten, wo nicht unsere Träume, sondern unsere Witze wahr werden. Und da steht uns Schreckliches bevor. Denn Pointen können sehr schmerzhaft sein. “

Etwa ein total verregnetes Theater im Park. „Wenn uns das Wasser bis zum Hals steht, dann machen wir Schwimmkurse“, scherzt der 52-Jährige. „Ich wette, dass wir nicht wegen Corona, sondern wegen Dauerregens in Konkurs gehen. Im letzten Sommer, wo es durchgehend regnet, vor der großen Klimakatastrophe mit 40 Grad schon im Februar. Aber im Notfall spielen wir ‚Schwanensee‘. Oder ‚Die kleine Meerjungfrau‘.“