K.o.-Tropfen: Junge Wiener bieten eigenen Schnelltest an
Es ist nicht lustig, wenn die ältere Schwester nach dem Besuch eines stadtbekannten Wiener Clubs nicht nach Hause kommt, sondern eine Nachricht sendet, dass sie im Krankenhaus genauer untersucht werden muss.
Michael Stermann kann sich gut erinnern: „Sie war damals noch nicht 18. Und auch meiner anderen Schwester wurden im selben Jahr K.o.-Tropfen in ein Getränk gemischt.“
Sechs Jahre später sei das „Unwohlgefühl“ bei den jungen Frauen nicht gewichen, ärgert sich der Bruder über die Attacken auf seine Schwestern. Sie waren jedoch auch sein Antrieb, „um dagegen etwas zu unternehmen“.
Sagen K.o.-Tropfen den Kampf an: Johannes Franner und Michael Stermann im KURIER-TV-Studio.
Gemeinsam mit seinem Schulfreund Johannes Franner erstellt er noch vor der Matura an einer Handelsakademie im 13. Bezirk einen Business-Plan.
Dabei wird den Beiden schnell klar, dass der Plan mehr wert ist als das Papier, auf das sie ihn geschrieben hatten. Sie haben dann Pharmafirmen, die WKO, Universitätsinstitute kontaktiert, „weil wir ja keine Chemiker sind“.
KURIER Talk mit Michael Stermann und Johannes Franner
„Euch zeigen wir’s“
Und es wär’ nicht Österreich, hätten die beiden Jungen nicht überall Abfuhren erhalten: „Man hat uns erklären wollen, dass das auf keinen Fall geht. Und man hat uns auch ausgelacht.“
Doch da hatten die hiesigen Bremser die Rechnung ohne die Studenten (Franner an der WU, Stermann an der FH Technikum) gemacht: „Die Absagen haben uns zusätzlich motiviert. Wir haben uns gedacht, Euch zeigen wir’s.“
Und sie konnten es zeigen: Im jungen Tiroler Chemiker Gregor Bachler, der in München arbeitet, fanden sie endlich einen, der sich über die Aufgabe traute. Gut ein dreiviertel Jahr benötigte er, um einen geeigneten Farbstoff für den Schnelltest zu entwickeln. Ein weiteres dreiviertel Jahr später konnte Gregor Bachler GHB und GBL nachweisen.
Prompte Gewissheit: Verfärbt sich ein gelbes Herz grün oder blau, droht Gefahr.
So geht's: Zuerst muss man/frau sein Getränk umrühren und dann (z. B. mit dem Finger) einen Tropfen auf eines der gelben Herzen streichen. Verfärbt sich das Herz eindeutig, nicht mehr trinken! Mehr Infos hier.
150 Straftaten mit K.o.-Tropfen wurden laut Auskunft des Innenministeriums im Jahr 2024 bei der Polizei angezeigt. Dabei ging es um Vergewaltigung und Raub. In 109 Fällen waren Frauen das Opfer. Die Zahlen sind zuletzt gestiegen.
Die jeweils drei Buchstaben stehen für zwei chemische Verbindungen, besser bekannt als Partydroge Liquid Ecstasy.
„Beide Substanzen sind vor allem in Europa dominant“, sagt Michael Stermann, der mit dem Chemiker und dem Schulfreund das Unternehmen „Night Saver“ gegründet hat. Wichtig ist dem Jung-Unternehmer daher dieser Hinweis: „Unser Test erkennt zwar nicht alle K.o.-Tropfen, aber zuverlässig die meist verwendeten Varianten GHB und GBL.“ Daneben gäbe auch eine Reihe anderer gefährlicher Substanzen.
Für den neuen Schnelltest spricht in jedem Fall, dass er nicht die Welt kostet (1 Euro pro Test), dass man ihn praktisch und sogar chic in jede Tasche stecken kann, und dass man mit einem Tropfen aus dem Getränk nach Sekunden ein Ergebnis erhält.
In ihrem Online-Shop haben Stermann und Franner auch viele Anfragen aus dem Nachbarland Deutschland registriert. Weniger bzw. gar kein Interesse am „Night saver“-Testkit zeigten hingegen Clubs und Festival-Veranstalter in Österreich. Dafür versehen Unternehmen aus dem Dienstleistungs- und Industriebereich die Karten mit ihren Logos und nutzen sie als Werbeträger und auch zur Imagepolitur.
Gute Gäste beim Testen sind auch die Stermann–Schwestern. Bruder Michael lächelt: „Das ist keine Kunst, denn die Tests sind bei uns zu Hause unlimited verfügbar.“ Ernst fügt er dann hinzu: „Wir haben bisher auch deshalb tausende Tests verkauft, weil alle, die einmal betroffen waren und die schon einmal von uns gehört haben, nicht mehr ohne Testkit aus dem Haus gehen.“
Bei ihren Promotionstouren durchs Land werben die „Night Saver“ bei Jugendlichen nicht nur für ihr Produkt, sondern auch für mehr Aufmerksamkeit in den Lokalen, die sie besuchen.
Einladung auf ein Getränk von einem Fremden? Danke, nein.
Vorsicht ist immer geboten
Wer sein Glas auch nur für einen Moment unbeaufsichtigt lässt, begibt sich klar in Gefahr. Das Problem: Kostet ein Drink 12 Euro und mehr, bringen es junge Leute mit geringem Einkommen selten übers Herz, den teuren Inhalt ihres Glases wegzuschütten.
Ein weiterer Tipp: „Schiebt man sich im Dunkel mit seinem Glas durch die Menge, hält man besser die Hand oben aufs Glas.“
Geht nicht – geht gar nicht. Schon einmal ließen sich Franner und Stermann von den Bremsern nicht bremsen. Daher vertrauen sie jetzt auf die Geschicke ihres Kollegen, des Chemikers im Labor. Der ist schon länger dran, auch Tests für andere gefährliche Substanzen zu entwickeln.
Dass ihre Angebote künftig noch mehr gefragt sein werden, davon sind die beiden Wiener überzeugt. Der Wirtschaftsjurist und der Wirtschaftsinformatiker in spe zitieren dazu aus einem Gespräch mit einem Wiener Clubbesitzer: „Es gibt kaum eine Nacht, in der es nicht zumindest einen Verdachtsmoment gibt.“
Kommentare