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Chronik Wien
12/05/2011

Heckenschütze ist auf Trophäenjagd

Den Unbekannten treibt die Lust am Quälen, sagt die Psychologin. Die Prämie für Hinweise wurde auf 22.000 € erhöht.

Ganz Wien spricht über den Heckenschützen, der seit Wochen mit einer Luftdruckpistole oder einem Luftdruckgewehr Jagd auf Fußgänger, Radfahrer und Autolenker macht. Für alle Fälle werden Autofenster hinaufgekurbelt, aber man fragt sich, ob die Scheibe so einem Projektil wohl standhalten kann. Für die Ergreifung des Schützen wurden insgesamt 22.000 Euro "Kopfgeld" ausgelobt.

Der KURIER bat Eva Mückstein, die Präsidentin des Bundesverbandes für Psychotherapie, um ein Psychogramm des unbekannten Täters. Es müsse sich um eine an "destruktiven Allmachtsfantasien leidende, gestörte Persönlichkeit" handeln, sagt die Psychologin. Um einen Menschen, der "eine sadistische Lust am Quälen, Schockieren, Zerstören und Zufügen von Schmerzen" verspürt. Und um einen "Trophäenjäger, der möglichst viele erwischen will. Das nährt dann sein eigenes Großartigkeitsgefühl."

Planung

Also kein "Lausbubenstreich", wie man es etwa von Jugendlichen kennt, die Steine von Autobahnbrücken werfen? Das sei eine andere Ebene als "aus Langeweile Steine werfen", sagt Mückstein. Jemandem mit einer (Luftdruck-) Waffe aufzulauern, bedürfe einer Planung. Der Schütze habe "psychopathische Persönlichkeitsstrukturen", wie sie ganz ähnlich von Snipern in den USA beschrieben werden. Es treibe ihn auch ein narzisstisches Bedürfnis nach Beachtung.

Solche Menschen mit Allmachtsgefühlen halten sich für sehr schlau, sagt die Psychotherapeutin: "Sie glauben, so wie sie es anlegen, werden sie nicht erwischt."
Dass seit 16. September wahrscheinlich keine neuen Attacken stattgefunden haben, könnte bedeuten, der Schütze hat "ein Stück Erkenntnis zurückgewonnen. Wenn die Störung noch nicht so massiv ausgeprägt ist, kann er doch noch zur Besinnung kommen." Vielleicht habe aber die Angst vor Entdeckung schließlich doch überwogen.

Die Kriminalpsychologin Karoline Roshdi vom Institut für Bedrohungsmanagement im deutschen Darmstadt sagt, dass Sniper meist sehr isoliert leben, schon längere Zeit arbeitslos sind und ihren Frust wahllos andere spüren lassen. Sie seien nur auf den ersten Blick bisher als unauffällig erschienen. Gräbt man tiefer, so stelle sich oft heraus, dass sie schon am früheren Arbeitsplatz oder bei Auftritten vor Behörden ein aggressives Verhalten gezeigt haben. Nur dass die einzelnen Stellen nichts voneinander wissen. Roshdi und ihre Kollegen arbeiten daran, einen Austausch von Informationen in Gang zu bringen. "Das soll kein Ausspionieren sein", sagt sie, "sondern eine Vernetzung."

Der Wiener Heckenschütze agiert möglicherweise nicht allein. Er dürfte aus einem (von Zeugen als klein und hell beschriebenen) Auto herausschießen, das von einem Komplizen gelenkt wird.

600 Treffer

Parallelen findet die in Wien am 25. August begonnene Serie in den Niederlanden und in Deutschland: Auf Autobahnen rund um Utrecht und Rotterdam schießen Unbekannte seit Wochen mit Schrotflinten auf Autos.

Und auf deutschen Autobahnen nimmt seit drei Jahren offenbar ein Lkw-Lenker die Ladungen von Kollegen unter Beschuss. Rund 600 Einschläge wurden bereits gezählt. Einmal traf der Schütze eine 50-jährige Autofahrerin am Hals, sie verlor die Gewalt über ihren Wagen und prallte gegen die Leitplanke.

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