Seltene Einblicke: Wie die "Gastarbeiter" in Wien früher gelebt haben

Drei Männer sitzen um einen Tisch in einer Arbeiterunterkunft.
Zeitgeschichte: Eine Historikerin erinnert an Jovan Ritopečki. Er dokumentierte das zutiefst Menschliche an der Migration.
Von Uwe Mauch

Sie wurden dringend benötigt, so wie die Hilfskräfte, die bis 1918 aus allen Ländern der Donaumonarchie nach Wien strömten, um hier zu dienen. Und sie bekamen auch sofort Jobs – viele in jenen Bereichen der Arbeitswelt, in denen sich die Hiesigen nicht ihre Hände schmutzig machen wollten.

Jovan Ritopečki bei seiner Arbeit im Gespräch mit Zuschauern auf einem Sportplatz.

Chronist mit Kamera und Zigarette: Jovan Ritopečki.

Die zum Bier „pivo“ sagten

Unter den Menschen, die in Wien ankamen, war auch der aus der Vojvodina stammende Fotograf Jovan Ritopečki. Er kam nicht wegen der Arbeit, mehr wegen der Liebe. Er hat die Fotografie im Weltkrieg auf Seiten von Titos Partisanen erlernt. Im Tito-Jugoslawien arbeitete der 1923 Geborene als anerkannter, dekorierter Fotoreporter für die Nachrichtenagentur Tanjug und große Verlage seines Landes.

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Hat Tausende Fotos sondiert: die Historikerin Vida Bakondy.

„Seine Fotos sind von einer Haltung getragen, die die Menschen vor der Kamera als Individuen ernst nimmt“, lobt die Historikerin Vida Bakondy. Sie hat mit der Erlaubnis der Familie Ritopečki in einem vom FWF geförderten Projekt an der Österreichischen Akademie der Wissenschaften den opulenten Nachlass des Bildberichterstatters sondiert, digitalisiert, wissenschaftlich ausgewertet, dokumentiert und zum Teil auch öffentlich zugänglich gemacht.

Jovan Ritopečki hat seine Landsleute bei der Arbeit und in ihrer Freizeit abgelichtet. Im damals alternativlosen und heute der Zeit angepassten Schwarz-Weiß. Er profitierte bei seiner Arbeit, dass ihm die Porträtierten viel Vertrauen schenkten, weil er ja einer von ihnen war. Doch hat er dieses Vertrauen nicht ausgenützt.

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Andere Baustelle: Pflasterer auf dem Wiener Praterstern.

Das Motiv vom Bautrupp am Praterstern, der sich mit den Pflastersteinen abrackert, passt wohl noch am ehesten in unser kollektives Klischee von den nicht „g’scheit deutsch“ sprechenden Hilfsarbeitern, die gerne ihre Ćevapčići grillen, zum Bier pivo sagen und ein Z wie ein S aussprechen.

Die junge Frau, die selbstbewusst vor dem Eingang des Schwesternheims neben dem Krankenhaus Lainz posiert, passt  da schon viel weniger in unser Bild.

Viele kamen bereits gut ausgebildet nach Wien und waren auch deshalb vom Start weg sehr wertvoll. Andere wollten in ihrer neuen Heimat möglichst viel lernen, unter anderem, sich zu integrieren. Und natürlich gab es auch die, die sich nicht anpassen wollten und daher gut als Steilvorlage für Ressentiments dienten.

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Improvisierter Ticketschalter: Busse nach Serbien und Bosnien.

„Unten“ und „Oben“

Vida Bakondy beschäftigt sich schon seit dem Diplomstudium am Institut für Zeitgeschichte mit dem Thema Migration, speziell aus Sicht jener, die sich mit Augenzwinkern selbst "gastarbajteri" nennen. Im Zuge ihrer Recherchen stieß sie ab 2015 immer wieder auf den Chronisten Jovan Ritopečki.

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Dreisprachiges Verbot für die Menschen, die man als Gäste ins Land holte.

Ein Schatz sind seine Fotos, die er in den Quartieren und in den Wohnungen der von den Hiesigen als Jugos Titulierten aufgenommen hat. Sie zeigen Menschen beim Zeitunglesen, Feiern, Plaudern, Diskutieren, Rauchen, Essen, Trinken.

Es ist jene Generation, die für sich bald festlegen musste, wo sie zu Hause sein will. „Unten“, wie sie ihre Heimat verorteten? Oder doch „Oben“, wo sie mehr Geld verdienen konnten, aber weniger Herzlichkeit zu spüren bekamen.

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Vöslauer Kammgarnfabrik: Junge Frau mit helfenden Händen.

Für Historikerin Bakondy sind auch Ritopečkis Fotos von den Frauen aufschlussreich, da die weibliche Arbeitsmigration in der öffentlichen Wahrnehmung der 1970er- und 1980er- Jahre kaum Beachtung fand.

Die Sammlung zeigt die Protagonistinnen auch in ihrer Freizeit: zu Hause, lachend, rauchend, tanzend, fern von den Stereotypen der Fremdheit oder in einer Opferrolle.

Aus ihren Interviews weiß Vida Bakondy: „Einige kamen allein, andere schlossen sich bereits in Österreich lebenden Familienmitgliedern an, und wieder andere waren bereits verheiratet und gründeten hier eine Familie.“

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Ablehnung als Konstante

So wie in der Monarchie oder auch heute hatten es jene, die fremd waren, zunächst nicht einfach. Umfragen aus den 1970er-Jahren belegen eine manifeste Skepsis der Mehrheitsgesellschaft, wobei diese dort am größten war, „wo es zu keinen Interaktionen kam“, wie die Forscherin herausfand. „Die Ablehnung entstand in erster Linie aus Nicht-Wissen oder aus Projektionen.“ Einem roten Faden folgend, der sich durch die Jahrzehnte zieht.

Wer sich sein eigenes Bild machen möchte, kann das nun in der neuen auch öffentlich zugänglichen Bilddatenbank (Link siehe oben). Sie wurde in Zusammenarbeit mit Martina Scholger und Suzana Sagadin vom Institut für digitale Geisteswissenschaften der Universität Graz erstellt.

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Saubere Arbeit: Diese vier Kolleginnen helfen in der Küche.

Ritopečkis Erbe

Jovan Ritopečki starb 1989 – kurz bevor im Vielvölkerstaat Jugoslawien ein Krieg begann und Nachbarn, die zuvor friedlich miteinander gelebt hatten, aufeinander schossen.

Etliche Serben, Kroaten und Bosniaken wandten sich auch abseits der Frontlinie in Österreich voneinander ab – in ihren Kaffee- und Gasthäusern ebenso wie in ihren Kultur- und Sportvereinen.

Man kann das nun fragen, man wird aber darauf keine Antwort erhalten: Wie hätte jener Fotograf, der mit seinen Bildern auch die Würde des Menschen in den Mittelpunkt rücken wollte, reagiert?

Indes dreht sich das Rad der Migration weiter. Und eine andere Frage drängt sich auf: Haben jene, die den Migranten aus Jugoslawien nachfolgten, auch Chronisten? Und wird man sich an diese in fünfzig Jahren ebenso erinnern?

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