(Symbolbild)

© Gerhard Deutsch

Chronik Wien
04/09/2019

Elf Schüsse auf Autofahrer: Zehn Jahre Haft

Der 21-Jährige gab an, aus Angst vor seinem aggressiv wirkenden Kontrahenten zur Pistole gegriffen zu haben.

Ein 21-jähriger Mann, der am 15. August 2018 in Wien-Favoriten einen gegnerischen Autofahrer niedergeschossen und lebensgefährlich verletzt hatte, ist am Dienstagabend am Landesgericht für Strafsachen wegen versuchten Mordes schuldig erkannt worden. Ein Schwurgericht (Vorsitz: Sonja Weis) verhängte über den bisher Unbescholtenen eine zehnjährige Freiheitsstrafe.

Wie Gerichtssprecherin Christina Salzborn mitteilte, ist das Urteil nicht rechtskräftig. Der gebürtige Serbe erbat Bedenkzeit, der Staatsanwalt gab vorerst keine Erklärung ab.

Auto der Großmutter

Der groß gewachsene, durchtrainiert wirkende Mann, der in seiner Freizeit Kampfsport betreibt, war mit dem Auto seiner Großmutter unterwegs, nachdem er in deren Wohnung die Blumen gegossen hatte. Danach hatte er sich mit einem Bekannten auf ein Eis getroffen. Als er diesen heimbringen wollte, bemerkte er, dass er dem ihm folgenden Fahrzeug offenbar zu langsam unterwegs war. Dessen Lenker hupte ihn mehrfach an, fuhr wiederholt knapp auf, ließ auch die Lichthupe aufleuchten.

An der Kreuzung Leibnizgasse-Davidgasse eskalierte die Situation, als die beiden Fahrzeuge bei Rotlicht Spur an Spur nebeneinander zu stehen kamen. Beide Lenker stiegen - jeweils auf das Gegenüber verärgert - aus, wobei der 21-Jährige plötzlich eine Pistole zog und feuerte.

Elf Schüsse

Wie später ermittelt wurde, gab der gebürtige Serbe insgesamt elf Schüsse ab, mit denen er seinen Kontrahenten lebensgefährlich verletzte. Der Angeschossene, der dank eines Augenzeugen, der noch während der Schießerei die Rettung verständigte, rasch in ein Spital kam, wurde intensivmedizinisch behandelt. Insgesamt wurde der Schwerverletzte drei Wochen stationär betreut, davon eine Woche auf der Intensivstation.

Der Angeklagte hatte die Waffe auch auf den Beifahrer des 27-Jährigen gerichtet, der ebenfalls ausgestiegen war. Dieser konnte sich rechtzeitig hinter dem Pkw in Deckung bringen.

Plädiert auf Notwehr

Der Angeklagte behauptete vor einem Schwurgericht (Vorsitz: Sonja Weis), in einer Notwehrsituation gehandelt zu haben. Schon im Rückspiegel habe er wahrgenommen, wie der andere Autofahrer ihm mit Halsabschneid-Bewegungen drohte. Er habe "damit gerechnet, dass sie mir hinten reinfahren. Ich habe Angst gehabt", schilderte der 21-Jährige.

An der Kreuzung sei der Tschetschene dann aus seinem Pkw gestiegen und habe ihn wutschnaubend angesteuert. Da sei er "in Panik geraten" und habe ebenfalls das Fahrzeug verlassen, wobei er sich mit einer im Auto befindlichen Pistole bewaffnete, gab der serbisch stämmige Angeklagte zu Protokoll.

Waffe einem Partygast abgenommen

Die Waffe habe er einige Wochen zuvor in dem Nachtclub, in dem er als Security-Mitarbeiter beschäftigt war, einem Gast abgenommen. Statt sie wie vorgesehen in einen eigens dafür angebrachten Tresor zu geben, "habe ich sie dummerweise behalten", stellte der Angeklagte fest. Obwohl er deutlich größer und kräftiger als der andere Autofahrer war, fühlte sich der passionierte Boxer seinen Angaben zufolge nicht sicher. Sein Gegenüber habe "tschetschenisch ausgeschaut", er selbst habe damals unter Knieproblemen und einem vom Training gebrochenen Mittelhandknochen gelitten. Daher habe er die Pistole zu seiner Sicherheit mit aus dem Auto genommen.

Der Tschetschene sei mit den Worten "Ich bring dich um, ich bring dich um" auf ihn losgegangen: "Er hat auch etwas in der Hand gehalten, was wie eine Waffe ausgeschaut hat." Er habe darauf seine Waffe gehoben und "Stehenbleiben oder ich schieße" gerufen, was den Kontrahenten nicht beeindruckt hätte. Da habe er "auf den Boden gezielt" und abgedrückt: "Direkt auf seinen Körper habe ich nie gezielt."

Hätte Treffer nicht bemerkt

Der 21-Jährige behauptete, er habe gar nicht bemerkt, dass der 27-Jährige mehrfach getroffen wurde und stark blutete. Auf die Frage der Richterin, wie er sich die Treffer erkläre, wenn er ausschließlich Richtung Boden gefeuert hätte, erwiderte der Mann: "Kann sein, dass ich die Waffe verzogen habe. Mein Mittelhandknochen war gebrochen. Ich habe die Waffe nicht richtig halten können."

Ins Ausland geflüchtet

Unmittelbar nach der Tat hatte sich der bisher unbescholtene Mann in seine ursprüngliche Heimat abgesetzt. "Weil niemand da war, mit dem ich reden konnte. Alle waren auf Urlaub", wie er dem Gericht darlegte. Ende August wurde er festgenommen, als er unter einem falschen Namen nach Österreich zurückkehrte.

Opfer dachte es sei "Spaß"

Der 27 Jahre alte Tschetschene räumte ein, er habe sich über den langsam vor ihm fahrenden Pkw-Lenker geärgert und diesen angehupt. Bedroht habe er diesen aber zu keinem Zeitpunkt, schon gar nicht sei er bewaffnet gewesen.

Vielmehr habe ihm der 21-Jährige an der Kreuzung Leibnizgasse - Davidgasse bei geöffnetem Seitenfenster "Komm raus" zugerufen, berichtete der gebürtige Tschetschene. Dieser Aufforderung sei er gefolgt. Da habe der andere schon die Schusswaffe auf ihn gerichtet: "Ich hab' gedacht, er macht Spaß. Dann hat er angefangen zu schießen."

Ein Ehepaar, das zufällig Zeuge der Schießerei wurde, bestätigte, beim Angeschossenen keine Waffe gesehen zu haben. Dieser habe dem Angeklagten zwar lautstark etwas zugerufen, dabei aber nicht sonderlich bedrohlich gewirkt. Nach den Schüssen sei Panik ausgebrochen, im Tatortbereich aufhältige Kinder hätten zu weinen begonnen, Passanten wären Hals über Kopf davongelaufen bzw. in Deckung gegangen.

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