Bürgerprotest: In Ottakring geht die Post ab

Stammkunden auf den Beinen: Auch wenn ein Postpartner als Ersatz kommt, für Bankgeschäfte müssen Anrainer künftig von der Herbststraße bis zur Thaliastraße hinuntergehen
Foto: Deutsch-Gerhard

Die geplante Schließung und Übersiedlung eines Postamtes sorgt für Ärger in der Herbststraße. Doch nicht nur dort.

Das Ende der Herbststraße in Ottakring ist unspektakulär. Schmucklose Wohnbauten, Bäckerei, Trafik, Postamt. Die Straßen sind ruhig, 70 Prozent der Bewohner Pensionisten. In den 60er-Jahren hat die Post hier für ihre Mitarbeiter Wohnungen errichtet, inklusive Postamt im Erdgeschoß eines Baus, bis heute ein Treffpunkt der Menschen - und bald geschlossen.

Im Zuge der Fusion von Bawag und Post will die Post 55 Filialen in Wien schließen, eine davon in der Herbststraße, Ecke Thalhaimergasse , in Ottakring. "Dabei ist das hier ein Notstandsgebiet", sagt Martin Bundschuh, "es gibt sonst nichts hier, nicht einmal einen Bankomaten." Er hat die Versammlung organisiert. Die Stimmung ist hitzig, die treuen Postkunden reden durcheinander.

Lebenspartner

"Seit ich da leb', gibt's für mich nur die Post", sagt Josef Perzl, ein rüstiger Herr mit Sonnenbrille. Viele hier sind mit der Post aufgewachsen, können sich mit dem Verlust nicht abfinden. "Wir sind im 59er Jahr gleichzeitig mit der Post in die Wohnung hier eingezogen", erzählt Frau Martha, die weitere Maßnahmen fürchtet. "Zum Schluss montieren sie uns auch das Postkasterl ab."

"Wir schließen keine Postämter, wir übersiedeln sie", sagt Post-Sprecher Michael Homola. 52 der 111 Postämter in Wien werden in Bawag-Filialen integriert. Zusätzlich werden 28 Post-Partner gesucht, auch für das Postamt Thalhaimergasse. "Wir werden einen Partner
finden, wir haben bis jetzt immer einen gefunden", verspricht Homola.

Einfach wird das nicht. Der Geschäftsführer der nahen Bäckerei hat bereits abgewunken, der Trafikant gegenüber könnte sich zwar vorstellen, Partner der Post zu werden, doch sei es vor allem ein Platzproblem, erklärt er. Denn immerhin müsse man einen eigenen Post-Schalter einrichten, und er brauche ein Lager für die Pakete und Briefe. Unwahrscheinlich für eine 10 Quadratmeter große Trafik.

Nicht nur in den Vororten, auch innerhalb des Gürtels wächst der Widerstand gegen die Postschließungen. Mehr als 100 Jahre war das Post- und Telegrafenamt in der Mondscheingasse Zentrum des Bezirks Neubau, ab 31. Dezember 2011 wird auch diese Geschichte zu Ende gehen. Kaufleute haben eine Unterschriftenliste gestartet, doch die Proteste werden kaum fruchten. "Das Gebäude ist bereits verkauft" , sagt Homola. Postkunden müssen dann in die Bawag-Filiale in der Mariahilfer Straße 22-24 oder das Postamt in der Zieglergasse, das bestehen bleibt, ausweichen. Zurück in Ottakring, wo die Menschenmenge größer geworden ist. Ein ehemaliger Postler, der zufällig vorbeigekommen ist und nicht genannt werden möchte, will nur einen Satz loswerden: "Es ist, als würde man das Herz herausreißen."

(kurier / Elias Natmessnig, Katja Fenkart) Erstellt am
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