Chronik | Wien
20.06.2018

Auffangnetz: Neue WG für psychisch schwer kranke Flüchtlinge

Diakonie eröffnete Einrichtung für Traumatisierte und Erkrankte, die sonst auf der Straße landen könnten

Yuusuf (Namen geändert) leidet unter sogenannten Flashbacks. Immer wieder schreckt er in der Nacht hoch, springt aus dem Bett, schlüpft in seine Hosen und glaubt, in den Krieg ziehen zu müssen. Der 19-jährige Asylwerber aus Somalia war in seiner Jugend als Kindersoldat zwangsrekrutiert worden. Vor eigenen Landsleuten hat er noch immer Angst.

Schwer traumatisierte Flüchtlinge wie Yuusuf brauchen eine besonders intensive Betreuung. Eine Unterkunft in einem Heim, das für körperlich oder psychisch Kranke ausgelegt ist, reicht für sie nicht aus.

Sie können nun seit einem Monat in einer neuen WG für Asylwerber mit individuellem Betreuungsbedarf (IBB) der Diakonie in Wien versorgt werden. Sechs der elf Plätze in der Wohngruppe sind schon belegt. Vier Psychologen, ein Sozialarbeiter, und ein Hausmanager kümmern sich um die psychisch schwer kranken Menschen. Auch in der Nacht sind ein bis zwei Personen im Dienst. Gefördert werden die Plätze vom Fonds Soziales Wien (FSW).

Das Projekt für psychiatrische und psychologische Intensivbetreuung ist bisher einzigartig in Österreich. „Der Bedarf ist da“, erklärt Psychologe Huy-Hao Phan von der Diakonie, der das Konzept entwickelt hat. „Wir sehen, dass es Menschen gibt, die wir bisher noch nicht optimal versorgen konnten“, sagt auch FSW-Geschäftsführerin Anita Bauer. Die Plätze seien für schwer Kranke, die etwa wegen Konflikten aus Einrichtungen abgemeldet würden. „Wir haben zum Beispiel einen Klienten aus Afghanistan, der Albträume hat. Jede Nacht wacht er panisch schreiend auf. Niemand wollte mehr mit ihm wohnen“, sagt Phan. Ein ähnliches Projekt wollte die Caritas im nö. St. Gabriel realisieren. Das Land NÖ lehnte es aber als zu teuer ab. Diskussionen darüber waren entbrannt, nachdem im Mai der psychisch Kranke Terry A. einen Mitbewohner getötet hat.

Schnellere Therapien

„Therapien sind in so einer WG einfach viel schneller möglich als in anderen Einrichtungen“, zählt Phan die Vorteile auf. „Auch eine intensivere Tagesstruktur ist möglich.“ Fixpunkte wie Ausflüge, Kochen in der Gemeinschaftsküche oder Arbeiten im Garten der WG seien neben psychologischen Behandlungen und Medikation wichtig, um die Asylwerber zu stabilisieren. Ziel sei, dass sie auch wieder in normale Einrichtungen siedeln können und generell so selbstständig wie möglich werden. Der Vorteil in der WG: Die Bewohner leben in Einzelzimmern und haben – analog zu bestehenden Behinderteneinrichtungen – einen Bezugsbetreuer.

Die Wohngruppe kooperiert eng mit dem Diakonie-Heim in Neu Albern, in dem auch Flüchtlinge mit „normalem“ erhöhten Betreuungsbedarf untergebracht sind. Somit kann sich sogar wöchentlich ein Psychiater um die Kranken kümmern. Auch wenn sich bei einem Neu Alberner Bewohner der psychische Zustand verschlimmert, kann er in die WG umziehen.

Dass eine solche Wohnform kostenintensiver ist, liegt auf der Hand. Es zahle sich aber aus, sagen Diakonie und FSW. „Ohne so eine WG ist es eine Frage der Zeit, dass solche Menschen auf der Straße landen“, glaubt Phan. „Es ist die beste Lösung. Wenn ein Betroffener nicht die Behandlung bekommt, die er braucht, hat das auch Auswirkungen  auf Mitbewohner und Betreuer“, betont Bauer.

Laut der FSW-Chefin würden durch unzureichende psychiatrische Versorgung auch Folgekosten für die Gesellschaft entstehen, etwa wenn sich Menschen nicht selbst erhalten können. Nichts zu tun, sei die schlechteste Variante.

Experten kritisieren seit Jahren die mangelnde psychotherapeutische Behandlung von Kriegs- und Folterüberlebenden. So stehen beim Verein Hemayat 400 traumatisierte Flüchtlinge auf der Warteliste. Werden Traumata nicht behandelt, können, können sie zu ernsthaften Erkrankungen wie psychotischen Zuständen oder Depressionen und Angststörungen führen.

Hintergrund: Intensive Betreuung

In Wien gibt es 250 Plätze  in zwölf Quartieren für behinderte oder (chronisch) körperlich und psychisch kranke Asylwerber. Die elf Plätze in der WG der Diakonie ergänzen das Angebot. Bereits 2015 war das Projekt angedacht worden. Auch in NÖ hatte die Caritas eine Intensivbetreuung mit zehn Plätzen ein Konzept vorgelegt, das abgelehnt wurde.

Die Plätze in der WG werden seitens des FSW gefördert, da jene 44 Euro pro Tag, die im Rahmen der Grundversorgung für die Versorgung eines Asylwerbers mit besonderem Betreuungsbedarf  zur Verfügung stehen, nicht ausreichen. Bereits in der Vergangenheit hat sich der FSW für generell höhere Tarife in der Grundversorgung eingesetzt.