Kasachischer Belastungszeuge sagt aus
Der 29-Jährige wurde zu 20 Monaten bedingter Haft verurteilt.
Im Prozess um die Entführung und Ermordung der kasachischen Banker Zholdas Timraliyev und Aybar Khasenov ist am Mittwoch im Wiener Landesgericht mit Askan Bekmuratov ein Zeuge vernommen worden, der an der Verschleppung und Misshandlung der Banker beteiligt gewesen sein soll. Dafür wurde Bekmuratov in Kasachstan im Jänner 2008 zu zehnjährigem strengen Freiheitsentzug verurteilt.
Um in Wien persönlich aussagen zu können, erhielt Bekmuratov von der kasachischen Justiz einen begleiteten Freigang. Zwei unbewaffnete kasachische Polizisten eskortierten ihn nach Wien, wo die heimische Exekutive den Personenschutz übernahm. Vor dem Schwurgericht (Vorsitz: Andreas Böhm) schilderte der 40-Jährige nun, wie er in die anklagegegenständliche Sache hineingeschlittert war.
Freundschaft
Seiner Aussage zufolge ist Bekmuratov mit Vadim Koshlyak, Aliyevs ehemaligem Sicherheitsberater, seit Kindheitstagen befreundet. Dieser hatte ihm einen Job in einer Zuckerfabrik verschafft, die sich im Besitz von Rakhat Aliyev, dem ehemaligen Schwiegersohn des kasachischen Präsidenten Nursultan Nasarbajew, befand. Eines Tages - es war der 31. Jänner 2007 - erhielt er einen Anruf von Koshlyak, der ihn aufforderte, blaue Werksmäntel und Handschellen in einen Bürokomplex zu bringen, in dem sich die Nurbank befand, die wirtschaftlich ebenfalls Aliyev zuzurechnen war.
Diesem Ersuchen kam Bekmuratov ohne Nachfragen nach: "Bei uns ist es nicht üblich, Fragen zu stellen." In den Räumlichkeiten der Bank sah der Zeuge, wie Timraliyev und Khasenov, der stellvertretende Vorstandsvorsitzende der Nurbank und der Verwaltungschef, von Aliyev festgehalten und gezwungen wurden, ein Papier zu unterschreiben. Sie sollten gestehen, mit unrechtmäßigen Kreditvergaben die Bank am Vermögen gestehen zu haben.
Tritte und Schläge
Weil Aliyev mit dem, was Timraliyev zu Papier brachte, nicht zufrieden war, habe Aliyev ihn geschlagen und mit Füßen getreten. Er habe mitgemacht und hingeschlagen, erklärte Bekmuratov. Auf die Frage nach dem Weshalb meinte er: "Damals war das für mich ganz normal. Ich war so gestimmt. Meine Meinung war, das waren Verbrecher."
Timraliyev habe "Nein, bitte nicht! Ich mache alles, was Sie wollen" geschrien, setzte Bekmuratov fort. Aliyev habe den Banker darauf gezwungen, ihm mehrfach die Sohlen seiner Schuhe zu küssen. Sodann sei Timraliyev von Koshlyak regelrecht verprügelt worden. Danach habe man den Bankern die blauen Mäntel angezogen ("Aliyev hat das Spaß gemacht"), sie gefesselt und zur Residenz Aliyevs gebracht.
Bekmuratov gilt als ein Hauptbelastungszeuge der Anklage, der Anfang Februar 2012 in einer Einvernahme mit der Staatsanwaltschaft Wien, die im Weg einer Videokonferenz durchgeführt wurde, gegen Aliyey sowie die mitangeklagten Koshlyak und den ehemaligen kasachischen Gemeindienstchef Alnur Mussayev ausgesagt hatte. Aliyev wurde am 24. Februar 2015 tot in seiner Zelle in der Justizanstalt Wien-Josefstadt aufgefunden, daher findet der Schwurprozess ohne den Hauptangeklagten statt.
Zeuge schilderte Vergewaltigung eines Bankers
Nachdem man die beiden Nurbank-Manager zur Residenz von Rakhat Aliyev transportiert gehabt habe, seien Zholdas Timraliyev und Aybar Khasenov in zwei separate Zimmer gebracht worden, schilderte der Zeuge. Während Khasenov in einen Fitnessraum kam und dort an ein Trainingsgerät gefesselt worden sei, habe er auf Befehl von Aliyev den zweiten Banker an ein Bett "angeschnallt", gab Askan Bekmuratov zu Protokoll.
Aliyev habe Timraliyev dann "weiter ausgefragt" und des Diebstahls von Bankvermögen beschuldigt. Schließlich habe Aliyev von ihm, Bekmuratov, verlangt, den Banker "in Vier-Füße-Stellung zu bringen und ihm die Hose runterzuziehen", setzte der Zeuge fort. In Gegenwart von Vadim Koshlyak, der dazu leise gelacht habe, habe Aliyev einen etwa einen Meter langen Stock ergriffen, damit auf den entblößten Timraliyev eingeschlagen und am Ende den Stock in dessen After eingeführt. Während der Banker vor Schmerzen schrie, habe man "gesehen, dass ihm (Aliyev, Anm.) das Spaß macht. Er hat gelacht, Scherze gemacht", so Bekmuratov.
Später habe man Timraliyev in einen Käfig gesperrt. Er habe erst am nächsten Tag, als im Fernsehen eine Pressekonferenz übertragen wurde, erfahren, um wen es sich bei den gefangen gehaltenen Männern handelte, erklärte der kasachische Zeuge: "Ich war erschüttert und schockiert über den Umstand. Ich habe das Gefühl gekriegt, ich wurde benutzt." Ihm sei bewusst geworden, "wie tief ich drinnen stecke". Dass er sich dagegen nicht zur Wehr gesetzt hatte, erklärte Bekmuratov mit "Kleinherzigkeit, Feigheit und Angst um meine Familie". Aliyev sei ein mächtiger Mann gewesen.
Vorsitzender Richter neuerlich abgelehnt
Zu Beginn der heutigen Verhandlung lehnte Privatbeteiligten-Vertreter Wolfgang Moringer, der für die Interessen von Khasenovs Vater einschreitet, den vorsitzenden Richter Andreas Böhm wegen angeblicher Befangenheit ab. In einem wortreichen, streckenweise blumigen Vortrag beantragte er Böhms Ausschluss von der Verhandlung.
Die Staatsanwaltschaft schloss sich diesem Antrag an. Moringer begründete dies mit der "fehlenden Unvoreingenommenheit und Unparteilichkeit" des Richters. Dessen Mimik und Gestik lasse darauf schließen, "dass der Vorsitzende nicht bereit ist, von seiner voreingenommenen Meinung abzugehen". Moringer kritisierte Böhms angeblich "wiederholt apodiktische Darstellung", sämtliche kasachischen Zeugen könnten bzw. würden mit den kasachischen Behörden zusammenarbeiten oder unter deren Druck stehen. In Bezug auf einen in der Vorwoche vernommenen Zeugen habe Böhms Mimik und Gestik keinen anderen Schluss zugelassen, "dass er das, was der Belastungszeuge sagt, für unwesentlich oder gelogen hält", so Moringer.
Um zu beweisen, dass seine Einwände zutreffen, beantragte der Privatbeteiligten-Vertreter die Aufzeichnung der Hauptverhandlung, um im Fall eines Rechtsmittelverfahrens dem Berufungsgericht Anschauungsmaterial mit den behaupteten mimischen Entgleisungen des Vorsitzenden veranschaulichen zu können. Angesichts des Umstands, dass dieser Antrag am 29. Verhandlungstag und vier Tage vor dem geplanten Abschluss des erstinstanzlichen Verfahrens gestellt wurde, mutete Moringers Vorbringen ein wenig eigen an.
Ex-KNB-Chef Mussayev belastet
Nach der Mittagspause hat Askan Bekmuratov den ehemaligen KNB-Chef Alnur Mussayev belastet. Dieser sei dabei gestanden, als die entführten Banker am 9. Februar 2007 in einem Landcruiser vom Gelände Rakhat Aliyevs gebracht wurden. Da sei er sich "sicher, zu 100 Prozent", sagte der Zeuge.
Laut Anklage sollen die Nurbank-Manager wenig später von Aliyev, Mussayev und Vadim Koshlyak erdrosselt und in der Remisovka-Schlucht etwas außerhalb der kasachischen Hauptstadt Astana vergraben worden sein. Ihre sterblichen Überreste wurden erst im Mai 2011 entdeckt.
Mittel injiziert
Bekmuratov schilderte auch, Aliyev bzw. er in dessen Auftrag hätten den Bankern während der Gefangenschaft das Beruhigungsmittel Persen verabreicht. Aliyev habe ihnen auch "Spritzen mit einer durchsichtigen Flüssigkeit" injiziert, die er aus seiner Aktentasche entnommen habe. Die Spritzen habe er, Bekmuratov, später verbrannt: "Das, was übrig geblieben ist, habe ich eingegraben."
Timraliyev, der wie Khasenov am 5. Februar in ein Gemüselager innerhalb der Residenz Aliyevs verlegt worden sei und dessen Bewachung ihm überantwortet worden sei, habe - offenbar infolge der ihm verabreichten Substanzen - kaum mehr stehen können, als er vom Gelände geschafft wurde, erzählte Bekmuratov: "Wir mussten sie halten, damit sie nicht umfallen." Aliyev habe ihm nach dem Verschwinden der Banker aufgetragen, die Räumlichkeiten aufzuwaschen, in denen sie festgehalten worden sei. Er habe außerdem ihre Kleidung und Timraliyevs zwei Mobiltelefone verbrannt.
Koshlyak habe ihm in den folgenden Tagen geraten, er möge "untertauchen, bis alles geklärt ist". Er habe sich deswegen in die Berge begeben und sich versteckt: "Ich habe Angst gehabt, dass mich Aliyev und Koshlyak als unnötigen Zeugen liquidieren könnten." Am 10. Juni 2007 habe er sich dann aber freiwillig der Polizei gestellt, betonte Bekmuratov.
Die Verhandlung wird am 1. Juli fortgesetzt.
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