Chronik | Wien
05.12.2011

AKH-Ärzte: Sparkurs gefährdet Patienten

Sparpläne: Der Bund will bei den Unis sparen und spart somit auch beim größten Spital des Landes. Auf Visite im Wiener AKH.

Wir stehen mit dem Rücken zur Wand", sagt Michael Gnant. Der Mediziner sitzt in seinem kleinen, bis zur Decke voll geräumten Büro und sagt Sätze wie diesen: "Wir sind ein Spital der supramaximalen Versorgungsstufe." Ein Spital, in dem Patienten aus ganz Österreich versorgt werden. "Die geplanten Sparvorhaben würden uns schwer treffen." Und wohl auch die Patienten.

Vor wenigen Tagen trat Gnants Chef, Rektor Wolfgang Schütz, vor die Presse und verkündete, was viele bereits seit Langem ahnten: Den Ärzten im Wiener AKH geht die Luft und der Medizinischen Universität, die für die Gage der 1500 Kittelträger verantwortlich zeichnet, geht das Geld aus. Und wenn die rot-schwarze Bundesregierung wie beabsichtigt bei den Universitäten spart, dann spart Finanzministerin Maria Fekter (ÖVP) auch beim größten Krankenhaus Österreichs - beim Universitätsspital AKH.

Sparflamme

"Um ab Jänner 2013 weiter Gehälter überweisen zu können", sagte Schütz, "muss der Personalstand, der etwa 3000 aus dem Uni-Budget finanzierten Mitarbeiter um 150 bis 180 vermindert werden." Schon seit Jahresbeginn werden Ärzteposten nicht nachbesetzt und auch die Gemeinde verhängte in dem Haus mit den beiden Bettentürmen einen Aufnahmestop beim Pflegepersonal.

"Auch bei uns sind derzeit 15 von 130 Dienstposten unbesetzt", sagt Gnant, während er durch seine Station im grünen Bettentum führt. Jährlich werden hier 130.000 Menschen von seinem Team versorgt. Einer von ihnen ist Franz Wurm: "Ich muss seit Jahren immer wieder kommen. Ich kann sagen: Bei der medizinischen Versorgung darf nicht gespart werden. Das Personal leistet viel, hat aber jetzt schon weniger Zeit für Patienten." Gnant nickt. "Wenn künftig etwa nur mehr einer statt zwei Ärzten für die Notfallversorgung in der Nacht zuständig sein soll, leiden Patienten und Ärzte." Wartezeiten könnten länger und einzelne Patienten zur Behandlung an andere Häuser verwiesen werden. Erst vor Kurzem erschien eine Studie, wonach bereits jetzt jeder zweite Spitalsarzt akut burn-out-gefährdet ist.

"Es ist eine gefährliche Gratwanderung, auf der wir uns bewegen", sagt Gnant. "Einerseits möchten wir die Patienten nicht verunsichern. Andererseits muss den Politikern klar sein, wohin ihre Sparpläne führen."

Im AKH stellt man sich die Frage, ob man bei einem Universitätsspital ebenso sparen kann wie an einer Wirtschafts- oder einer Technischen Uni. Aus dem Büro von Wissenschaftsminister Karl-Heinz Töchterle heißt es hierzu: Auch der Minister wolle mehr Mittel für die Unis herausschlagen. Darüber hinaus diene das Geld des Ministeriums aber Wissenschaft und Forschung, für die medizinische Versorgung sei die Stadt zuständig. Gnant kann darob nur den Kopf schütteln.

Für Forschung und Lehre bleibe jetzt schon viel zu wenig Zeit. "Jeder vernünftige Arzt wird sich zuerst um seinen Patienten kümmern und erst dann um seine Studien." Mit der Konsequenz, dass es schwieriger wird, junge Ärzte zu echten Spezialisten auszubilden. "Ein Werkl, das lange funktioniert hat, kommt so zum Erliegen."

Letzte Chance

Eine letzte Chance bleibt bestehen: Im Herbst feilschen Finanzministerin Fekter und Wissenschaftsminister Töchterle um jene Bedingungen, unter denen die Unis und somit auch das AKH mehr Geld bekommen könnten. Der Rektor der Meduni ist indes überzeugt: Für die Zeit von 2013 bis 2015 würden jährlich 30 Mio. Euro zusätzlich benötigt, allein um den Betrieb aufrechterhalten zu können.

"Die da oben sollen doch lieber bei sich selber sparen", sagt der Patient am Ende der Visite. "Na, Herr Wurm", antwortet der Arzt und schmunzelt, "jetzt werd'n S' aber polemisch."

Kosten: Ausgleich für Fremdpatienten

Die zusätzlichen Kosten, die durch Fremdpatienten entstehen, werden der Stadt Wien derzeit pauschal abgegolten. Etwa 20 Prozent der Österreicher wohnen in Wien. Bei der Aufteilung der Mittel bekommt Wien allerdings mehr als ein Fünftel. Fremdpatienten benötigen oft teurere Behandlungen.

Das System wird über die Sozialversicherungen und über Steuern finanziert. Wien bekommt für die öffentlichen Spitäler 25 % jener Summe, die von den Sozialversicherungen bereitgestellt werden und 31 % aus dem Steuertopf. Diese Regelung gilt bis 2013. Dann wird neu verhandelt.