Chronik | Wien
05.12.2011

Afghanistan-Konferenz ohne Pakistan

In Bonn bittet das kriegsgebeutelte Land um Hilfen in Milliardenhilfen, Nachbar Pakistan bleibt dem Treffen jedoch fern.

Delegierte aus 85 Ländern und von 15 internationalen Organisationen sind am Montag in Bonn zu einer Konferenz zusammengekommen, um Afghanistan langfristige Unterstützung nach dem für Ende 2014 geplanten Abzug der NATO-Kampftruppen zuzusagen. Der afghanische Präsident Hamid Karzai hatte schon vor Beginn der Konferenz, deren Vorsitz er führt, neue Hilfen in Milliardenhöhe für sein Land erbeten. Zu den Teilnehmern des Treffens gehören auch UNO-Generalsekretär Ban Ki-moon und US-Außenministerin Hillary Clinton. Gastgeber ist der deutsche Außenminister Guido Westerwelle. "Wir sagen den Menschen in Afghanistan: Wir lassen Euch nicht allein, Ihr werdet nicht im Stich gelassen", betonte Westerwelle in seiner Begrüßungsrede.

Das wichtige Nachbarland Pakistan nimmt an dem Treffen nicht teil, auch Vertreter der islamistischen Taliban sind nicht beteiligt. Pakistan ist ein Schlüsselland für alle Fragen, die in Bonn besprochen werden sollen. Dazu zählt der innerafghanische Aussöhnungsprozess ebenso wie die wirtschaftliche Entwicklung und die regionale Stabilität. Auf einer Konferenz von 26 Staaten über Sicherheitszusammenarbeit in Zentral-und Südasien hatte Präsident Karzai vor einem Monat in Istanbul erklärt, Afghanistan sei Opfer "zerstörerischer terroristischer Netzwerke mit Zentren außerhalb seiner Grenzen". Er vermied es dabei, Pakistan beim Namen zu nennen, dessen mächtiger Geheimdienst nach US-Erkenntnissen von Islamisten unterwandert sein soll.

Gewalt gestiegen

Deutsche Medien berichteten unter Berufung auf Militär- und Geheimdienstdokumente von massiven internen Spannungen vor der Konferenz. Demnach sehe Karzai das Treffen nicht als Chance, sondern als Bedrohung. "In seinen besonders misstrauischen Momenten glaubt Karzai, man wolle ihn in Bonn isolieren und von der Macht beseitigen", zitierte das Massenblatt Bild aus einem US-Dokument des Combined Joint Intelligence Operations Center - Afghanistan, einer Art Militärgeheimdienst. Weitere Dokumente würden belegen, wie pessimistisch die deutsche Bundeswehr die Zukunft Afghanistans sehe. Nach Abzug der internationalen Schutztruppe 2014 würden die Anführer der Aufständischen, die sich nach Pakistan geflüchtet hätten, nach Afghanistan zurückkehren, heiße es in einem als geheim eingestuften Bundeswehrdokument. "Wenn die ISAF-Truppen das Land verlassen, wird es Bürgerkrieg geben", wird aus einem Bericht des US-Militärs zitiert. Die Gewalt in Afghanistan ist nach Angaben der Vereinten Nationen im vergangenen Jahr um 40 Prozent gestiegen. Laut UNO-Bericht wurden infolge der Gewalt zwischen Jänner und Juli landesweit über 130.000 Afghanen zum Verlassen ihrer Häuser und Wohnorte gezwungen.