Chronik | Wien 06.12.2011

12.000 Wiener pro Jahr delogiert

© Bild: KURIER/Deutsch

Immer mehr Menschen verlieren ihre Wohnung, weil sie die Miete nicht zahlen können. Die Richter schlagen Alarm

Eine 35-jährige verwirrte Mutter, der man wegen ihrer psychischen Probleme die Kinder abgenommen hat, schreit Nacht für Nacht aus dem Fenster. Sie ruft ihre Kinder vom Spielplatz zum Essen herauf in die Wohnung.

Eine alte, an Demenz leidende Frau klopft zwischen Mitternacht und 4 Uhr Früh den Verputz von den Wänden, weil sie glaubt, darunter verbergen sich Mikrofone. Sie bildet sich ein, damit abgehört zu werden.

Wie relativ angenehm (und vermeidbar?) dagegen der Streit in einem Wohnhaus in Hietzing, bei dem es darum geht, ob die Musik studierende Tochter vom Herrn Professor aus dem dritten Stock bis 19 oder 20 Uhr Klavier spielen darf.

Miet- und Wohnrechtsprozesse nehmen zu, und sie werden immer härter. 2011 gab es 7640 Anträge auf Delogierung (2010 waren es 7400), weil die Mieter den Zins nicht zahlen konnten oder ihre Nachbarn die Störungen, Drohungen bis hin zu körperlichen Attacken nicht länger ertragen wollten. In mehr als 4000 Fällen gehen diese Anträge durch, stehen also hochgerechnet 12.000 Menschen (wenn man von einer dreiköpfigen Familie pro Haushalt ausgeht) in Wien dann tatsächlich auf der Straße.

Toleranz

Die Zivilrichter schlagen Alarm. "Die Vermieter schauen nicht mehr so lange zu", sagt Senatsvorsitzender Peter Kovanyi: "Zahlt der Mieter zwei Monate keine oder zu wenig Miete, wird Räumungsklage eingebracht." Bei den psychisch auffälligen Mietern komme zwar viel Toleranz von den Nachbarn, "aber wenn jemand um 6 Uhr Früh aufstehen und zur Arbeit gehen muss, hat die Toleranz auch ein Ende".

Die Richterin Doris Obereder vom Bezirksgericht Leopoldstadt beobachtet, dass immer häufiger junge Menschen als psychisch kranke Mitbewohner auffallen. Oft als Auswirkung von Drogenkonsum. Oft sind es aber auch Kinder mit Migrationshintergrund, deren Eltern nicht wahrhaben wollen, dass ihre Kinder ein Problem haben: "Sie sind überfordert, und dann sitzt der 16-Jährige brüllend am Fenster und spuckt auf die Nachbarn hinunter. Da spielen sich Dramen ab."

Bei der Hälfte aller Räumungsklagen wegen "unleidlichen Verhaltens" regt die Bezirksrichterin Sachwalterschaft an. Und Delogierungen wegen ausständiger Mieten versucht sie mittels Ratenvereinbarungen aufzuschieben.

Aber die Gerichte - "Spiegelbild der wirtschaftlichen und sozialen Situation" - seien nicht die geeignete Ebene zur Lösung dieser gesellschaftspolitischen Probleme, sagen die Zivilrichter.

Eigentum

Finanzielle Nöte und daraus folgende Prozesse bleiben übrigens nicht auf Mieter beschränkt. Heute sind auch "kleine Leute" Wohnungseigentümer, die sich eine notwendige Sanierung des vielleicht in einem schlechten Bauzustand befindlichen Hauses nicht leisten können, weshalb die Miteigentümer dann vor Gericht ziehen. Vor allem im 2. und 20. Bezirk, wo nach dem Krieg viele Häuser aus Schutt gebaut wurden, häufen sich diese Fälle.

Auch Menschen mit Geld scheuen den Gang zur Justiz nicht zwangsläufig, illustriert Kovanyi am Beispiel der Klavier übenden Professorentochter aus Hietzing. Die Nachbarn betreiben den Prozess mit ungeheurem Aufwand bis zur höchsten Instanz. Der Richter fragt sich, ob es "volkswirtschaftlich gerechtfertigt ist, solche Ressourcen dafür zur Verfügung zu stellen".

Erstellt am 06.12.2011