Mordfall Susanna: Verdächtiger ist wieder in Deutschland

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Der 20-jährige ist nach der Bluttat von Deutschland in den Nordirak geflüchtet und dort festgenommen worden.

Der Verdächtige im Mordfall Susanna, Ali B., ist wieder in Deutschland. Die Frankfurter Allgemeine Zeitung berichtete auf ihrer Website, die Lufthansa-Maschine mit dem Tatverdächtigen an Bord sei am Abend um 20.36 Uhr auf dem Flughafen Frankfurt/Main gelandet.

B. wurde der "FAZ" zufolge mit dem Hubschrauber zum Polizeipräsidium Wiesbaden geflogen. In Handschellen und von mehreren Beamten begleitet wurde er in das Polizeipräsidium gebracht, wo er noch in der Nacht zu den Vorwürfen gegen ihn befragt werden solle. Am Sonntag solle er einem Haftrichter vorgeführt werden.

Ali B. war in der Nacht zum Freitag im Nordirak von kurdischen Sicherheitsbehörden festgenommen worden. Er wird verdächtigt, die 14-jährige Susanna aus Mainz vergewaltigt und getötet zu haben. Das Mädchen war vor mehr als zwei Wochen als vermisst gemeldet worden und am Mittwoch in Wiesbaden tot aufgefunden worden.

Geständnis im Irak

Nach Angaben der Polizei im Nordirak habe Ali B. die Tat gestanden. "Als wir ihn verhörten, hat der junge Mann aus Kurdistan gestanden, die junge Deutsche getötet zu haben", sagte der Polizeichef der nordwestirakischen Stadt Dohuk, Tarik Ahmad, am Samstag der Nachrichtenagentur AFP.

Der 20-Jährige habe ausgesagt, dass er mit Susanna befreundet war und in Streit geraten sei. "Er sagte, er habe das junge Mädchen getötet, als es gedroht habe, die Polizei zu rufen", sagte Ahmad. Bei einer späteren Pressekonferenz ergänzte der Polizeichef, der Verdächtige habe zugegeben, das Mädchen erwürgt zu haben.

Der junge Mann war in der Nacht auf Freitag im Nordirak von kurdischen Sicherheitsbehörden festgenommen worden. Die deutschen Ermittler gehen davon aus, dass er die 14-jährige Susanna aus Mainz vergewaltigt und getötet hat. Ihre Leiche wurde am Mittwoch in Wiesbaden gefunden, nachdem der mutmaßliche Täter Anfang Juni mit seiner Familie von Düsseldorf aus über die Türkei in den Nordirak geflohen war.

Doch mit Flugzeug gereist

Der Tatverdächtige ist nach Angaben eines lokalen Polizeioffiziers offensichtlich doch mit dem Flugzeug in den Irak gekommen. Das sagte Polizeioffizier Tarik Ahmed am Samstag und korrigierte damit frühere Informationen lokaler Sicherheitskräfte, die erklärt hatten, der 20-Jährige wäre über den Landweg gekommen.

Bei seiner Einreise am Flughafen Erbil sei der Mann noch nicht zur Fahndung ausgeschrieben gewesen, so dass den lokalen Sicherheitskräften keine Informationen vorgelegen hätten, meinte Ahmed. Nach ersten Informationen aus Deutschland sei ein Fahndungsteam gebildet worden, das den Verdächtigen am Freitagmorgen in der Stadt Zakho festnahm.

Der 20-Jährige hatte zuletzt in einer Wiesbadener Flüchtlingsunterkunft gelebt. Sein Asylantrag war im Dezember 2016 abgelehnt worden, wogegen er geklagt hatte. Gegen ihn sind mehrere Strafverfahren anhängig, unter anderem wegen Raubüberfalls. Medienberichten zufolge soll er sich bereits im Gewahrsam von Beamten der deutschen Bundespolizei befinden und von diesen zum Zweck der Strafverfolgung zurück nach Deutschland gebracht werden. Unbestätigten Meldungen zufolge soll ein Flugzeug mit dem Verdächtigen bereits am Samstagabend in Frankfurt landen.

Mutter will Bestrafung im Irak

Unterdessen reagierte die Mutter des Verdächtigen auf die Vorwürfe. "Das ist schwer zu glauben, das kann doch alles nicht wahr sein", sagte die Frau in der nordirakischen Stadt Sacho der Deutschen Welle. Ihr Sohn habe ihr versichert, sich nicht an die Tat erinnern zu können, weil er zu betrunken gewesen sei. Die Familie habe erst durch die Verhaftung des 20-Jährigen im Irak und die Nachrichten im Internet von den Vorwürfen erfahren. Sie, ihr Mann und die sechs Kinder hätten Deutschland am 2. Juni freiwillig verlassen, weil ihr Mann schwer krank sei.

"Ich wollte nicht, dass er im Ramadan in der Fremde stirbt und ich dann ein schlechtes Gefühl habe", sagte die Mutter des 20-Jährigen. Sie wandte sich gegen eine Auslieferung ihres Sohnes an Deutschland: "Ich will nicht, dass mein Sohn in einem fremden Land bestraft wird. Wenn er wirklich schuldig ist, dann soll er hier im eigenen Land bestraft werden." Mördern droht im Irak die Todesstrafe.

Asyldebatte

In Deutschland gab der Fall der Debatte um eine Beschleunigung der Asylverfahren neue Nahrung. "Es darf nicht sein, dass ein abgelehnter Asylbewerber sein Aufenthaltsrecht allein durch eine Klage um deutlich mehr als ein Jahr verlängern kann", sagte der innenpolitische Sprecher der CDU/CSU-Fraktion im Bundestag, Mathias Middelberg, der Rheinischen Post. Neben der personellen Ausstattung der Verwaltungsgerichte komme es nun drauf an, "wo wir das Asylprozessrecht verändern müssen", sagte der CDU-Politiker.

Die Flüchtlingsbeauftragte der Bundesregierung, Annette Widmann-Mauz, mahnte, in dem Fall einen kühlen Kopf zu bewahren. "Ich warne vor Schnellschüssen", sagte die Staatsministerin im Kanzleramt in einem Interview des Deutschlandfunks, das am Sonntag ausgestrahlt werden soll. Die Verantwortlichen müssten zwar die volle Härte des Rechtsstaates erfahren. "Dennoch gilt gleichzeitig, dass wir es nicht zulassen dürfen, dass durch diese Tat Hass in unserem Land gesät wird, dass ganze Gruppen unter einen Generalverdacht gestellt werden."

Die SPD will als Konsequenz aus dem Fall die Ausreise-Kontrollen verschärfen. "Wir haben offenbar ein Kontrolldefizit an unseren Flughäfen", sagte SPD-Innenexperte Burkhard Lischka der "Rheinischen Post". Anders könne er sich "nicht erklären, dass ein Krimineller mit Tickets, die auf andere Namen ausgestellt sind, ohne Probleme ausreisen kann". Der 20-Jährige und seine Familie hatten bei der Ausreise aus Deutschland irakische Ersatzdokumente sowie deutsche Aufenthaltsgestattungen vorgelegt. Ein Abgleich der Daten auf Pässen und Flugtickets fand nicht statt.

Schweigeminute und AfD-Kundgebung in Mainz

In Mainz sollten am Wochenende mehrere Demonstrationen zum Fall Susanna stattfinden. Mit einer Schweigeminute haben etwa 75 Menschen der getöteten 14-jährigen Susanna gedacht. Es helfe nicht, "Hass mit Hass zu begegnen", sagte eine Rednerin am Samstag auf der Veranstaltung, zu der die "Gutmenschliche Aktion Mainz" aufgerufen hatte.

Ebenfalls am Samstag demonstrierte die AfD-Landtagsfraktion in Mainz unter dem Motto "Es reicht! Endlich Konsequenzen ziehen!" Etwa 100 Menschen kamen zu der Kundgebung, auf der der AfD-Landesvorsitzende Uwe Jung "reflexartige" Versuche kritisierte, Gewalttaten mit Flüchtlingen als Täter zu bagatellisieren. Angemeldet waren auch eine Gegenkundgebung der Antifa.

 

( Agenturen ) Erstellt am 09.06.2018