Chronik | Welt
21.02.2018

Ein "Marsch für unsere Leben" soll Amerikas Waffenlobby wachrütteln

Nach dem Amoklauf in Florida wächst der Druck auf Trump täglich. Nun deutet der Präsident erstmals ein Einlenken an – und will zuhören.

Unvorhergesehene Stundenplan-Änderung. Am 14. März verlassen Tausende Schüler in Amerika um 10 Uhr gleichzeitig den Unterricht. 17 Minuten lang – eine Minute für jedes Todesopfer der Gewaltorgie an High School in Parkland/Florida – wollen sie lehren und nicht lernen. Wollen demonstrieren und Druck machen. Auf dass der Kongress und Präsident Donald Trump endlich substanzielle Schritte gegen die grassierende Waffengewalt unternehmen. Auch im Internet nimmt die Bewegung Fahrt auf. Unter dem Hashtag #oneless ("eine weniger") verbreiten sich seit dem Wochenende immer mehr Fotos und Videos von Leuten, die ihre Waffen zerstören, in den Sozialen Medien.

Zehn Tage später wird die zweite Stufe gezündet. "Marsch für unsere Leben" heißt es dann in Washington. Zehntausende werden den Unmut über den chronischen Stillstand bei Reformen vor das Weiße Haus tragen. Und den Einfluss der Waffenlobby NRA anprangern, die mit Millionen-Spenden auch an Trump den status quo einzementieren will.

Die abgeklärte Vehemenz, mit der Mädchen und Jungen im Teenager-Alter, die Parkland überlebt haben, seit Tagen im Fernsehen ihr Anliegen vertreten, hat gewaltigen Eindruck hinterlassen. Hollywood-Star George Clooney und seine Frau Amal unterstützen den Protest in Washington mit mehreren hunderttausend Dollar, ebenso Oprah Winfrey und Film-Regisseur Steven Spielberg. Sie wollen am 24. März "Seite an Seite stehen" mit der jungen Generation.

Gegen Waffenverbote

Ob deren Aufbegehren Früchte tragen wird, ist zumindest fraglich. Trotz des Amoklaufs hat Floridas Parlament gegen ein härteres Waffenrecht gestimmt. Es ging um das Verbot bestimmter halbautomatischer Gewehre, etwa des Typs AR-15 und großer Magazine . Auf der Tribüne des Parlaments in Tallahassee brachen zuhörende Schüler der betroffenen Schule in Tränen aus. "Wenn es wieder ein Massaker gibt, wird es Ihre Schuld sein", sagte die 16-jährige Sheryl Acquaroli an die Abgeordneten gerichtet. "Sie hatten heute die Chance, aufzuhören."

Schüler bei Trump

Doch gibt es einige Indizien, dass die Empörung diesmal größere Durchschlagskraft haben könnte – angefangen bei Donald Trump.

Der rigoros auf Fernseh-Ausstrahlung geeichte Präsident hat schnell registriert, wie überzeugend der Protest von Wortführern wie Emma Gonzalez oder Cameron Kasky ist. Und wie kompromisslos. "Schämt euch", rufen die 17-Jährigen aus Parkland den Volksvertretern zu. "Unser Blut klebt am Boden unserer Klassenzimmer, weil ihr untätig bleibt."

Anstatt wie sonst auf Twitter unbarmherzig zu kontern, hat der NRA-Freund Trump Mittwoch Abend betroffene Schüler zum Gespräch nach Washington eingeladen. "Wir wollen zuhören", sagt das Weiße Haus fast kleinlaut.

Die NRA selbst, deren führender Kopf Wayne LaPierre ("Gegen einen bösen Menschen mit einer Waffe hilft nur ein guter Mensch mit einer Waffe") am Wochenende in Washington bei einem großen Konservativen-Kongress auftreten wird, will ohnehin in eine andere Richtung: Bewaffnete Sicherheitsbeamte an allen Schulen. Und zielsichere Lehrer, die nicht nur Noten verteilen können. Sondern wenn es darauf ankommt auch Kugeln.