Brief aus dem Vatikan: Franziskus will neue Wege gehen

© Reuters/STEFANO RELLANDINI

Vatikan
11/26/2013

Papst: Reform „auf allen Ebenen“

Der Papst will mehr Aufgaben für Laien, Frauen und Junge. In Grundsatzfragen bleibt er hart.

Mit einem Schreiben erregt Papst Franziskus Aufsehen. Sein erstes apostolisches Schreiben „Evangelii Gaudium“ wurde am Dienstag veröffentlicht. In dem 216 Seiten langen Text bekräftigt das Oberhaupt der katholischen Kirche seine Aufgeschlossenheit gegenüber „Reformen auf allen Ebenen“. Die Rolle der Laien in der Kirche, Kritik am Wirtschaftssystem und interreligiöser Dialog sind dabei zentrale Themen.

Evangelii Gaudium zum Download

Frauen, Laien, Jugend

„Der Papst hat an dem sehr persönlichen Werk nach seiner Rückkehr vom Weltjugendtag in Rio de Janeiro gearbeitet“, erklärte Vatikansprecher Federico Lombardi. Franziskus plädiert darin etwa für eine größere Verantwortung der Laien in der Kirche und für eine stärkere Einbindung der Jugendlichen. Er spricht sich in dem Lehrschreiben auch für mehr Aufgaben für Frauen in der Kirche aus – das Priesteramt soll Frauen aber verschlossen bleiben: Es stehe nicht zur Diskussion, da das „Priestertum Männern vorbehalten ist“. In weiteren Grundsatzfragen – etwa Abtreibung – bleibt der Papst ebenfalls hart. Das entschiedene Nein der katholischen Kirche zur Abtreibung könne keinen „mutmaßlichen Reformen oder Modernisierungen unterworfen“ werden.

Scharf geht Franziskus mit der „in der Wurzel ungerechten“ Wirtschaftstyrannei ins Gericht. Die aktuelle Form der Wirtschaft töte, es herrsche das Gesetz des Stärkeren. „Der Mensch ist nur noch als Konsument gefragt, und wer das nicht leisten kann, wird weggeworfen. Die Ausgeschlossenen werden zu Abfall“, kritisiert der Papst.

Franziskus widmet sich ausführlich seinem Herzens­thema, der Sorge um die Schwächsten. Die Kirche, so sein Wunsch, muss Obdach­losen, Drogenabhängigen, Armen, Einsamen, alten Menschen und Flüchtlingen mehr Aufmerksamkeit schenken. Mit Blick auf die Flüchtlingsdiskussion ruft der Papst zu einer „großherzigen Öffnung auf, anstatt die Zerstörung der Identität zu befürchten“.

Franziskus fordert islamische Staaten auf, Christen die freie Religionsausübung zu ermöglichen. Besorgt zeigt er sich über „gewaltsame fundamentalistische Vorfälle“. Er warnte aber gleichzeitig vor „abscheulichen Verallgemeinerungen“. Der wahre Islam lehne jede Form von Gewalt ab.

Der Papst im Porträt:

Der Papst im Zitat

Offen, direkt, bescheiden - mit deutlichen Worten hat Papst Franziskus in den ersten Monaten seit seinem Amtsantritt im März 2013 mehrfach für Aufsehen gesorgt.

KARRIERE: "Nein, ich wollte nicht Papst werden. Ein Mensch, der Papst werden will, liebt sich nicht selbst." (Bei einer Fragestunde mit Jesuitenschülern im Vatikan)

"Sie ahnen nicht, wie gern ich manchmal durch die Straßen Roms gehen würde, das hat mir früher so gut gefallen." (Im Interview auf dem Rückflug von Brasilien nach Rom)

ZUKUNFT DER KIRCHE: "Das Volk Gottes will Hirten und nicht Funktionäre oder Staatskleriker. Die Bischöfe speziell müssen Menschen sein, die geduldig die Schritte Gottes mit seinem Volk unterstützen können, sodass niemand zurück bleibt. (...) Ich sehe die Kirche wie ein Feldlazarett nach einer Schlacht. (...) Man muss die Wunden heilen. Dann können wir von allem Anderen sprechen." (In einem Interview auf Radio Vatikan)

FRAUEN IN DER KIRCHE: "Die Räume einer einschneidenden weiblichen Präsenz in der Kirche müssen weiter werden. Die Frauen stellen tiefe Fragen, denen wir uns stellen müssen. (...) Maria - eine Frau - ist wichtiger als die Bischöfe. Man muss daher die Vorstellung der Frau in der Kirche vertiefen. (...) Der weibliche Genius ist nötig an den Stellen, wo wichtige Entscheidungen getroffen werden." (In einem Interview für die jesuitische Zeitschrift "Stimmen der Zeit")

SCHEIDUNG UND ABTREIBUNG: "Der Beichtstuhl ist kein Folterinstrument, sondern der Ort der Barmherzigkeit (...). Ich denke auch an die Situation der Frau, deren Ehe gescheitert ist, in der sie auch abgetrieben hat. Jetzt ist sie wieder verheiratet, ist zufrieden und hat fünf Kinder. Die Abtreibung belastet sie und sie bereut wirklich. Sie will als Christin weiter gehen. Was macht der Beichtvater?" (In einem Interview für "Stimmen der Zeit")

HOMOSEXUALITÄT: "In Buenos Aires habe ich Briefe von homosexuellen Personen erhalten, die "soziale Wunden" sind, denn sie fühlten sich immer von der Kirche verurteilt. Aber das will die Kirche nicht. Auf dem Rückflug von Rio de Janeiro habe ich gesagt, wenn eine homosexuelle Person guten Willen hat und Gott sucht, dann bin ich keiner, der sie verurteilt." (In einem Interview für "Stimmen der Zeit")

FLÜCHTLINGE: "Wir sind eine Gesellschaft, die vergessen hat, wie man weint. Wir haben uns an die Leiden anderer gewöhnt. Es betrifft uns nicht, es interessiert uns nicht, es geht uns nichts an. (...) Die Wohlstandskultur macht uns unempfindlich für die Schreie der anderen und führt zur Globalisierung der Gleichgültigkeit. (...) Allzu oft sind wir durch unser angenehmes Leben geblendet und weigern uns, diejenigen wahrzunehmen, die vor unserer Haustür sterben." (Vor Flüchtlingen auf der Insel Lampedusa)

ANDERE RELIGIONEN: "Man kann keine wahre Verbindung zu Gott haben, wenn man die anderen ignoriert." (Vor den beim Vatikan akkreditierten Diplomaten)

JUGENDLICHE: "Durch das Kreuz verbindet Jesus sich mit den vielen jungen Menschen, die ihr Vertrauen in die politischen Institutionen verloren haben, weil sie Egoismus und Korruption sehen." (Beim Kreuzweg an der Copacabana in Rio de Janeiro)

"Meinst du etwa, die Jünger hätten Jesus gesiezt? Wir sind nun Freunde und ich duze meine Freunde." (In einem Telefongespräch mit einem 19-Jährigen, der ihm einen Brief geschrieben hatte)

eine Newsletter Anmeldung Platzhalter.

Wir würden hier gerne eine Newsletter Anmeldung zeigen. Leider haben Sie uns hierfür keine Zustimmung gegeben. Wenn Sie diesen anzeigen wollen, stimmen sie bitte Piano Software Inc. zu.

Jederzeit und überall top-informiert

Uneingeschränkten Zugang zu allen digitalen Inhalten von KURIER sichern: Plus Inhalte, ePaper, Online-Magazine und mehr. Jetzt KURIER Digital-Abo testen.