Chronik | Welt
20.06.2017

Missbrauch in Berlin: Urteil im "Fall Lisa"

Bewährungsstrafe wegen Missbrauchs. Angeklagter ersparte Mädchen durch Geständnis Aussage vor Gericht.

Wegen schweren sexuellen Missbrauchs einer zur Tatzeit 13-Jährigen ist im "Fall Lisa" ein 24-Jähriger in Berlin zu einer Bewährungsstrafe von einem Jahr und neun Monaten verurteilt worden. Der Angeklagte wurde am Dienstag zudem der Herstellung kinderpornografischer Schriften schuldig gesprochen, wie eine Gerichtssprecherin sagte. Die Öffentlichkeit war von der Verhandlung ausgeschlossen worden.

Mädchen war 30 Stunden verschwunden

Das Opfer war im Jänner 2016 nicht von der Schule heimgekehrt und für etwa 30 Stunden verschwunden. Sie behauptete, von drei Migranten entführt, weggesperrt und vergewaltigt worden zu sein. Die Polizei stieß im Rahmen ihrer Ermittlungen auf den Angeklagten, der Monate vor der vermeintlichen Entführung Oralsex mit dem Mädchen gehabt haben soll.

Handyaufnahmen überführten Mann

Handyaufnahmen des Geschlechtsakts sollen ihn überführt haben. Der Mann sei sowohl in der polizeilichen Vernehmung als auch in der Verhandlung voll geständig gewesen, sagte die Sprecherin. Damit habe er dem Mädchen, das am Dienstag am Amtsgericht Tiergarten anwesend war, eine Vernehmung durch das Gericht erspart.

Die Bewährungsstrafe ist für vier Jahre ausgesetzt. Zudem muss er eine Geldstrafe von 3.000 Euro zahlen. Das Geld geht an den Schadensfonds, ein Berliner Instrument des Täter-Opfer-Ausgleichs. Der Sprecherin zufolge schrammte der Mann an einer Haftstrafe vorbei, weil er kooperativ gewesen und nicht vorbestraft sei.

Vermutlich spielte bei dem Urteil auch eine Rolle, dass die sexuellen Handlungen einvernehmlich gewesen sein sollen. Allerdings schließt das Gesetz Einvernehmlichkeit bei Sex mit Unter-14-Jährigen aus. Kinder können demnach die Tragweite ihrer Handlungen nicht voll erfassen.

Mädchen gestand, Entführung vorgetäuscht zu haben

Der Anwalt des als Nebenklägerin auftretenden Mädchens lehnte es ab, mit deutschen Medien zu sprechen. Diese hätten auf dem "Mädchen herumgetreten", sagte Sergej Dankwart. Das Mädchen hatte sich bei einem Bekannten vor seinen Eltern versteckt, weil sie Probleme in der Schule hatte. In den Befragungen durch die Polizei verwickelte sie sich wiederholt in Widersprüche. Schließlich räumte das Kind ein, die Entführung vorgetäuscht zu haben.

Fall fand international Beachtung

Dass die Ermittler die Angaben des russlanddeutschen Kinds aus dem Osten Berlins anzweifelten, hatte zunächst in russischsprachigen Medien für Empörung gesorgt. Selbst der russische Außenminister Sergej Lawrow kritisierte daraufhin die deutschen Behörden scharf. Der Fall Lisa fand nunmehr international Beachtung. Gegner der Flüchtlingspolitik der Bundesregierung sahen den Fall als Beleg für eine Verschlechterung der Sicherheitslage durch den Zuzug Hunderttausender Flüchtlinge.

Bei dem eintägigen Prozess gegen S. waren auch Vertreter russischer Medien anwesend. Der Vorsitzende Richter folgte zum Auftakt dem Antrag Dankwarts, die schutzwürdigen Persönlichkeitsrechte der heute 15-Jährigen über das öffentliche Interesse an dem Fall zu stellen. Zuschauer und Journalisten mussten deshalb den Saal noch vor der Anklageverlesung verlassen.