Newly elected Pope Francis I, Cardinal Jorge Mario Bergoglio of Argentina, meets cardinals in the Clementine Hall in a picture released by Osservatore Romano at the Vatican March 15, 2013. Pope Francis on Friday urged leaders of a Roman Catholic Church riven by scandal and crisis never to give in to discouragement, bitterness or pessimism but to keep focused on their mission. REUTERS/Osservatore Romano (VATICAN - Tags: RELIGION) FOR EDITORIAL USE ONLY. NOT FOR SALE FOR MARKETING OR ADVERTISING CAMPAIGNS. THIS IMAGE HAS BEEN SUPPLIED BY A THIRD PARTY. IT IS DISTRIBUTED, EXACTLY AS RECEIVED BY REUTERS, AS A SERVICE TO CLIENTS.

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Insider
03/16/2013

Radikale Personalrochade im Vatikan

Vatikan-Insider rechnen damit, dass Papst Franziskus in Kürze Schlüsselpositionen in der Kurie neu besetzen wird.

Nur mit Mühe konnte Papst Franziskus das Gleichgewicht behalten, nachdem er von seinem Papst-Thron in der Sala Clementina aufgesprungen und ins Stolpern geraten war. Das passierte, als er bei der Audienz mit den Kardinälen am Freitag auf Kardinaldekan Angelo Sodano zueilte, um ihn zur Begrüßung zu umarmen.

Bei dem „familiären Treffen“ mit den Purpurträgern bekräftigte Jorge Mario Bergoglio seinen Willen, auf der ganzen Welt das Evangelium zu verkünden. Der Argentinier rief dazu auf, sich nicht dem „Pessimismus“ hinzugeben, sondern jeden Tag mutig Christus zu den Menschen zu bringen.

Bergoglio hatte beim Konklave von Beginn an großen Rückhalt unter den Kardinälen genossen. Der erste Lateinamerikaner in der jüngeren Kirchengeschichte auf dem Stuhl Petri soll mit mehr als 90 Stimmen zum Papst gewählt worden sein. Erforderlich wäre nur eine Zwei-Drittel-Mehrheit von 76 Stimmen gewesen.

Die Wahl des 76-jährigen Argentiniers ist laut Vatikanexperten des Corriere della Sera einer Einigung zwischen Staatssekretär Bertone, Kardinalsdekan Sodano, der aus Altersgründen nicht am Konklave teilnehmen konnte, und dem Block amerikanischer Kardinäle unter der Leitung von Kardinal Dolan zu verdanken. Somit wurde die Kandidatur des Mailänder Kardinal Scola, der als Favorit ins Rennen ging, blockiert.

Vatikan-Insider rechnen in Kürze auch mit einer radikalen Personalrochade. Schlüsselpositionen in der römischen Kurie dürften mit Vertrauensleuten von Bergoglio besetzt werden. Fix gerechnet wird mit der Absetzung des umstrittenen Kardinalsstaatssekretärs Bertone, der jegliche Reformversuche und Transparenz in den Finanzen verhindert hatte. Als Nachfolger wird der brasilianische Kardinal Joao Braz de Aviz gehandelt. Auch die italienischen Kardinäle Giuseppe Bertello und Ferdinando Filoni hätten Chancen auf das zweitwichtigste Amt im Vatikan.

Schatten

Überschwänglich wird in den italienischen Medien Bergoglios einnehmendes Auftreten und sein bescheidenes Leben gelobt. Einen schweren Schatten wirft jedoch seine ungeklärte Rolle während der argentinischen Militärdiktatur unter Videla auf den Pontifex. Recherchen des Journalisten Horacio Verbitsky belegen eine starke Nähe zu den damaligen Militärmachthabern. Er beschuldigt Bergoglio, die beiden Jesuitenpater Francisco Jalics und Orlando Yorio im Jahr 1976 nicht vor der Verfolgung durch die Militärs geschützt zu haben. Yorios Schwester schickte Verbitsky nach der Papst-Kür eine e-Mail: „Ich bin betrübt und zornig.“

Vatikansprecher Federico Lombardi wies die Vorwürfe entschieden zurück: „Es hat nie konkrete Anschuldigungen gegen ihn gegeben, und die argentinische Justiz hat ihn nie angeklagt.“ Bergoglio und der in Deutschland lebende Jalics hätten sich später getroffen und versöhnt, es bestünden keine Gegensätze mehr, sagte der Sprecher der des deutschen Jesuiten-Ordens.

Jesuitenpater Sporschill über den neuen Papst

Ich kenne ihn nicht, aber ich kenne ihn doch, denn wir sind beide Jesuiten,“ sagt der Vorarlberger Pater Georg Sporschill, der in Osteuropa ein Betreuungsnetz für Straßenkinder und verwahrloste Jugendliche aufgebaut hat. „Wir schöpfen aus dem Glauben die Kraft und die Verpflichtung, uns gegen Ungerechtigkeit einzusetzen und uns auf die Seite der Armen und Suchenden zu stellen. “

Der 66-jährige Pater Sporschill wünscht sich, dass dieser Papst „die Fenster öffnet“, was er aber bereits getan habe, indem er sich Franziskus nennt. Dieser Name steht für Demut. „Ich habe sofort an einen der größten Jesuiten aus der Gründergeneration im 16. Jahrhundert gedacht. Franz Xaver, das Vorbild aller Missionare. Franz Xaver ging nach Indien, Japan und China, erlernte fremde Sprachen, weil er Respekt hatte vor den fremden Kulturen “.

„Hallo, habe ich gedacht – dieser Papst will ein großer Missionar werden.“ Franziskus dachte aber sicher auch an den Heiligen Franz von Assisi: „Damit verordnet er sich und der Kirche Bescheidenheit und ein einfaches Leben. Das ist auch ein Signal an die Kurie,“ sagt Sporschill. „Schaun wir, was der neue Papst zusammenbringt, wenn er diesen Stil in den Vatikan bringt.“ Weil Jesuiten „Gott in allen Dingen finden“.

Jesuiten gelten als intellektuelle Speerspitze der katholischen Kirche, die Ordensleute werden bestens ausgebildet, müssen mindestens zwei Studien abgeschlossen haben und leben nicht zurückgezogen im Kloster, sondern in offenen Häusern und Kollegien. Sie sind eine Gemeinschaft „für das Auseinandergehen“ in die Welt und gelten als streitbar. Sporschill sagt das in einfachen Worten: „Wenn Sie die Nächstenliebe umsetzen, dann ist das ein gefährlicher Job“.

Spielbein des Papstes

Anfang der 1970-er Jahre haben sie sich in der 32. Generalkongregation ein neues Leitmotiv gegeben: Glaube und Gerechtigkeit. Denn das Eine sei ohne das Andere nicht möglich. „Wir sind das Spielbein des Papstes, andere Orden sind das Standbein“, sagt Sporschill. Er selbst bezeichnet sich als „Straßenkind und nicht als Hausengel“. Den Papst würde er jedoch eher als „Engel“ beschreiben: „Revoluzzer ist er sicher keiner, sonst wäre er nicht in diese hohen Positionen gekommen“.

Georg Sporschill trat mit 30 in den Orden ein, hat oft gezweifelt, aber es nie bereut. „Das ist eine Berufung, wie ein Mann eine Frau findet“. Sein bester Freund war Jesuit, trat nach 30 Jahren aus dem Orden aus, „weil er sich in eine Frau verliebt hatte. Er ist für mich bis heute einer von uns, denn Jesuiten gehen mit denen, die von ihnen weggehen, gut um. Wir wissen ja, man muss sich selber treu bleiben durch Veränderung.“

Papst Franziskus, so glaubt Sporschill, wurde auch vom im Vorjahr verstorbenen Erzbischof von Mailand, Kardinal Carlo Martini, „papabile“ gemacht. Dieser Jesuit war einer der großen Kritiker der katholischen Kirche, rief zur Modernisierung auf, wünschte sich „eine Kirche für die Menschen“. In seinem letzten Gespräch mit Georg Sporschill sagte Martini: „Die Kirche ist 200 Jahre hinter ihrer Zeit. Warum wachen wir nicht auf? Wovor haben wir Angst?“

Der George Clooney des Vatikans dient zwei Päpsten

Der 56-jährige Deutsche aus dem Schwarzwald, den viele Zeitungen, weil er fesch ist, den „George Clooney des Vatikans“ nennen, ist ab sofort auch Franziskus’ ständiger Begleiter. Er führt seinen Terminplan, regelt die Audienzen und wacht über die Organisation päpstlicher Zeremonien und Reisen. Als Kenner der intrigenvollen Kurie und Mitaufdecker und Mitopfer der Vatileaks-Affäre wird er dem frisch gewählten Jorge Mario Bergoglio auch in taktischen Fragen zur Seite stehen.

Georg Gänswein wurde am 6. Jänner 2013 im Petersdom zum Titularerzbischof von Urbisaglia, der antiken Stadt Urbs Salvia in den mittelitalienischen Marken, geweiht. Es war die letzte wichtige Beförderung, die Josef Ratzinger veranlasst hat. Gänswein bleibt auch weiterhin einer von zwei Privatsekretären von Altpapst Benedikt.

Seit Dienstag pendelt er täglich von Castel Gandolfo in den Vatikan. In der Früh frühstückt er mit dem emeritierten Papst, der noch einen zweiten Sekretär hat und von sechs Nonnen betreut wird, und tagsüber begleitet er den neuen Papst.

Sein früheres Hobby musste er aufgeben: Gemeinsam mit dem Wiener Dompfarrer Toni Faber teilte er sich viele Jahre lang die Skiseelsorge bei der Familie Werner im Fünf-Sterne-Hotel Hospiz am Arlberg. „Er machte die Gottesdienste über Weihnachten, ich löste ihn dann ab, habe mich aber nicht so aufgedrängt, dass ich sagen kann, ich kenne ihn wirklich sehr gut.“ Nur so viel: Laut Faber ist Gänswein ein „göttlicher Skifahrer“, ein hervorragender Tennisspieler und ein „fescher, gescheiter, aber sehr strenger, konservativer Theologe“. Auch bei den Salzburger Festspielen ist er regelmäßig ein völlig unauffälliger Gast. Interviews gibt er keine.

Gänswein wuchs als ältester Sohn mit zwei Brüdern und zwei Schwestern in Riedern im Südschwarzwald auf. Sein Vater war Schmied und handelte mit Landmaschinen. Jetzt wird dem mächtigen deutschen Kurienbischof eine große Karriere vorausgesagt. Der Diener zweier Päpste an der Schnittstelle der wichtigsten Entscheidungsträger könnte schon bald Kardinal werden. Immer wieder wird er auch als nächster Bischof von Köln gehandelt, doch die Vatikanologen glauben nicht, dass er aus Rom weg will.

Gänsweins Vorgänger, Stanislaw Dziwisz, der ehemalige Privatsekretär von Papst Johannes Paul II., wurde kurz nach Wojtylas Tod erst zum Erzbischof von Krakau ernannt und ein Jahr später in das Kardinalskollegium aufgenommen.

Große Erwartungen

Der Papst ist kein Frauenversteher? Ah ja.

Ein – Atem anhalten – diskriminierendes Zitat des neuen Papstes macht gerade die Runde. Es wird weitergereicht von Blog zu Blog, von Facebookwall zu Facebookwall, geteilt und kommentiert. Seine Authentizität ist freilich alles andere als bewiesen.

"Frauen sind von Natur aus ungeeignet, politische Ämter zu übernehmen!" Und : "Die natürliche Ordnung und die Fakten lehren uns, dass der Mann das politische Wesen per excellence ist; die Heilige Schrift zeigt uns, dass die Frau stets die Unterstützung des denkenden und machenden Mannes ist, aber nicht mehr als das."

(Im spanischen "Original": El arzobispo de Buenos Aires, cardenal Jorge Bergoglio, afirmó que “las mujeres son naturalmente ineptas para ejercer cargos políticos”, refiriéndose a la candidatura presidencial de la Senadora Cristina Fernández de Kirchner. “El orden natural y los hechos nos enseñan que el hombre es el ser político por excelencia; las Escrituras nos demuestran que la mujer siempre es el apoyo del hombre pensador y hacedor, pero nada más que eso”.)

Das Ganze soll aus dem Fundus der argentinischen Nachrichtenagentur Télam stammen - vom Juni 2007. Allein, Belege gibt es nicht.

Wenn Fake, dann nicht schlecht erfunden: Der zweite Teil bezieht sich auf die Kandidatur von Cristina Fernández de Kirchner als Argentiniens Staatsoberhaupt im Jahr 2007. Von Anfang an nahm Jorge Mario Bergoglio als Kardinal eine kritische Haltung zur Macht und zu den Mächtigen ein – auch gegenüber dem argentinischen Präsidentenpaar Néstor und Cristina Fernández de Kirchner. Schon 2005 hatte Néstor Kirchner – damals noch Präsident - mit Bergoglio gebrochen. Der Kardinal sprach in einer Predigt von dem "politischen Exhibitionismus und schrillen Ankündigungen" der Regierung. Kirchner rechnete den Kardinal der politischen Opposition zu und bezeichnete ihn als deren "geistlichen Führer".

Ob nun wahr oder erfunden, es ist unwahrscheinlich, dass Franziskus die Haltung der Kirche Frauen gegenüber verändern wird.

Sozial engagiert aber kein "Liberaler"

Bergoglio gilt als bescheiden, sozial engagiert und wertkonservativ. Deshalb sind Reformen zu heiklen gesellschaftspolitischen Themen wie die Anerkennung gleichgeschlechtlicher Partnerschaften oder die Aufwertung der Rolle der Frau in der Kirche nicht zu erwarten. In seiner Ära wird es wohl keine Priesterinnenweihe geben.

Theologen halten Franziskus für keinen "Liberalen". Seine Stimme erhob Bergoglio als Kardinal in Argentinien vor allem für die Armen, für soziale Gerechtigkeit und gegen politische Korruption. Er ist ein vehementer Verfechter der Rechte sozial Schwacher. Die gesellschaftspolitischen Probleme, denen sich die Kirche vor allem in der westlichen Hemisphäre zu stellen hat, werden unter ihm aber wohl eine untergeordnete Rolle spielen.

Franziskus ist strikt gegen eine Aufhebung des Zölibats für Priester. Es wird auch nicht erwartet, dass sich unter ihm der Umgang der katholischen Kirche mit Geschiedenen ändert. Der neue Papst ist entschiedener Gegner der Homosexuellenehe. Vor einer Abstimmung zur Legalisierung gleichgeschlechtlicher Partnerschaften in Argentinien 2010 soll er gesagt haben: „Seien wir nicht naiv! Das ist kein einfacher politischer Kampf, das ist der Versuch, Gottes Plan zu zerstören.“ Die Homo-Ehe sei ein "Teufelsmanöver".

Als Kardinal hat sich Bergoglio auch nicht öffentlich zu den diversen Missbrauchsskandalen in der katholischen Kirche geäußert.

Der neue Papst lehnt außerdem Abtreibung komplett ab: "Eine schwangere Frau trägt in ihrem Bauch keine Zahnbürste und keinen Tumor." Franziskus lehnt auch Kondome ab, selbst zum Schutz vor einer HIV-Infektion sollen sie nicht genutzt werden.

Große Erwartungen

Was sich Frauen also vom neuen Papst erwarten können? Wahrscheinlich recht wenig. Ob das Zitat nun stimmt oder nicht, ist dabei irrelevant. Tiefgreifende Veränderungen in Jahrtausende alten Institutionen wie der katholischen Kirche können nicht von heute auf morgen passieren – Frauen, die patriarchale Strukturen erobern, würden dabei nicht nur tiefgreifende Veränderungen bewirken, sondern schon eine Art Revolution anstoßen. Derartige Erwartungen sind einfach zu groß, insofern bleibt zu hoffen, dass zumindest das Zitat falsch ist.
Laut einem Bericht desCorriere della Sera wünscht sich der spanische Regisseur Pedro Almodovar übrigens folgendes von dem Neuen im Vatikan: "Erstens soll er arbeiten, damit die Kirche die Frau auf die selbe Stufe wie Männer stellt (...) Zweitens sollte er den Zölibat schachmatt setzen: Damit würden die Untaten des Missbrauchs verschwinden." Zudem sollte er die Ehe in drei Formen möglich machen - Mann-Frau, Frau-Frau, Mann-Mann. Der Regisseur ist sich der Aussichtslosigkeit seiner Wünsche aber durchaus bewusst, wenn er einräumt: "Lassen wir ihm Zeit. Ich glaube aber, dass er ein Papst der Kontinuität ist - und das ist keine schöne Nachricht".
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