Trotz häuslicher Gewalt, viele Frauen bleiben bei ihren Partnern

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Sie blieben und hofften auf Besserung
09/11/2014

Sie blieben und hofften auf Besserung

Janay wurde von ihrem Verlobten geschlagen, doch sie blieb bei ihrem Partner - wie viele andere Frauen.

von JĂĽrgen Klatzer

Es dauerte lediglich Sekunden, bis sie bewusstlos zu Boden fiel. Als sich die Tür des Fahrstuhls schließt, kommt es zu einem Handgemenge zwischen dem Mann und der Frau. Dann schlägt er mit seiner linken Faust zu, trifft die Frau im Gesicht, sie stürzt und bleibt drei Minuten am Boden liegen. Er, Ray Rice, Running Back des amerikanischen Footballteams Baltimore Ravens; sie, Janay Palmer, seine damalige Verlobte.

Das Ganze ereignete sich bereits am 15. Februar dieses Jahres, aufgezeichnet von einer Überwachungskamera im Casino in Atlantic City. Veröffentlicht wurde das Video (siehe unten) aber erst vor rund einer Woche vom amerikanischen Klatschportal TMZ.com und wenige Stunden danach twitterte das Footballteam von Rice: „Das Team hat den Vertrag mit RB Ray Rice heute Nachmittag aufgelöst.“

Die National Football League (NFL) suspendierte Rice auf unbestimmte Zeit. Sogar US-Präsident Barack Obama ließ über seinen Sprecher Josh Earnest mitteilen: „Echte Männer schlagen ihre Frau nicht, unabhängig davon, ob es in der Öffentlichkeit oder privat ist.“

Nur eine Person hält weiterhin zum Footballstar; seine damalige Verlobte und nunmehrige Ehefrau Janay Rice. Die Hochzeit fand am 28. März, rund einen Monat nach dem Vorfall, statt. Die Anklage (27. März) gegen Rice wurde fallen gelassen, weil sich die Ehefrau weigerte, gegen ihren Mann auszusagen.

Why I stayed: Warum ich geblieben bin

Was für viele Menschen nicht verständlich ist, wird derzeit auf Twitter unter #WhyIStayed rege diskutiert. Die Tweets beleuchten, wie unterschiedlich die Lebensumstände der Leidtragenden sind. Frauen, die Opfer von häuslicher Gewalt waren und sind, teilen ihre Erfahrungen und versuchen zu erklären, warum auch Janay Rice bei ihrem Peiniger blieb.

So schildert die Amerikanerin Beverly Gooden in einer Serie von Tweets, dass sie ihren Mann einfach nicht verlassen konnte, "es war ein Prozess und kein Ereignis". Ihr gewalttätiger Mann schlief vor der Eingangstür; ein Pastor erklärte ihr, Gott hasse Scheidungen; ihre Ehemann wollte sich ändern; sie benötigte Zeit und Geld um einen Platz zu finden, wohin sie gehen konnte; sie dachte Liebe bewältigt alles; sie war isoliert von ihrer Familie und von ihren Freunden.

Goodens Geschichte ist eine von vielen. Eine EU-weite Studie zu Gewalt gegen Frauen im März dieses Jahres hat gezeigt, dass insgesamt 62 Millionen Frauen - immerhin mehr als die Bevölkerung Italiens - seit ihrem 15. Lebensjahr Opfer von körperlicher oder sexueller Gewalt geworden sind. Jede Fünfte erfuhr sexuelle Gewalt durch ihren Partner.

Finanzielle Abhängigkeit

Warum Frauen nicht weglaufen, wirft viele Fragen auf. In der amerikanische Studie "Leave or Stay? Battered Women’s Decision After Intimate Partner Violence" wurden über einen längeren Zeitraum mehr als 550 Fälle häuslicher Gewalt analysiert. Die Motive seien komplex und variieren von Fall zu Fall, schreiben die Autoren Jinseok Kim und Karen A. Gray von der Universität South Carolina. Trotzdem würde sich ein Hauptgrund herauskristallisieren, weshalb Frauen beim gewalttätigen Partner bleiben: finanzielle Abhängigkeit.

Dass finanzielle Abhängigkeit ein Grund ist, bestätigt auch Silvia Samhaber von Verein Autonome Österreichische Frauenhäuser (AOEF). Oft spielen auch Schuldgefühle eine große Rolle. "Frauen, die körperlicher Gewalt ausgesetzt sind, sind auch von psychischer Gewalt betroffen", erklärt Samhaber im KURIER-Gespräch. "Der gewalttätige Partner versucht der Frau einzureden, dass sie schuld an der Misere sei. Zudem kommt noch hinzu, dass man dem Kind nicht den Vater wegnehmen will."

Wie vielfältig und unterschiedlich die Motive jedoch sind, zeigen weitere Mitteilungen auf Twitter: „Ich war gegenüber häuslicher Gewalt ignorant“, schreibt eine junge Frau. "Ich schämte mich, eine alleinerziehende Mutter zu sein", erzählt eine andere. Eine dritte redete sich ein, sie sei dafür verantwortlich, dass er sich ändert. Sie müsse sich darum kümmern, erklärten ihr auch seine Freunde.

Why I left: Warum ich gegangen bin

Studien, Berichte und Erfahrungen verdeutlichen etwas ganz klar: Dass Janay bei Ray Rice geblieben ist, ist kein Einzelfall und auf keine Weise ĂĽberraschend. Trotzdem wird die Kritik gegen die Ehefrau immer lauter.

Auf ihrem Instagram-Account nahm sie zu den Vorwürfen, sie sei kein Vorbild für andere Frauen, die dieselbe Erfahrungen machten, Stellung: "Keiner kann sich den Schmerz, den die Medien und die Meinung der Öffentlichkeit meiner Familie zugefügt hat, vorstellen. Uns wieder an diesen Moment, den wir beide bedauern, zu erinnern, ist schrecklich", schrieb sie. "Wenn es eure Absicht ist, uns Schmerz zuzufügen, uns zu schädigen, [...] ihr habt Erfolg gehabt. Wir werden trotzdem weiter wachsen und zeigen, was wahre LIebe wirklich ist."

Auf den Hashtag #WhyIStayed folgte zugleich #WhyILeft (Warum ich gegangen bin). "Ich akzeptierte mich", "Ich wollte nicht, dass mein Sohn in einer gewalttätigen Familie aufwächst", "Wenn ich geblieben wäre, hätte er mich umgebracht", sind einige Gründe, warum Frauen oder Männer den gewalttätigen Partner verlassen haben.

Die Entscheidung, ob Opfer von Misshandungen bei ihren Partnern bleiben oder diese verlassen, treffen sie selbst, betont Samhaber. Der Verein Autonome Österreichische Frauenhäuser unterstützt und berät die Frauen bei ihrem Vorhaben. Betroffene können sich mit dem Verein über die Website www.aoef.at in Verbindung setzen.

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