"Nicht schießen!“ vermitteln Demonstranten der Polizei.

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USA
08/20/2014

Ferguson: Justizminister Holder soll vermitteln

Am Dienstag wurde wieder ein Afro-Amerikaner erschossen. Fall Brown beschäftigt nun US-Geschworenenjury.

Seit Tagen wird in Ferguson protestiert, die Ausschreitungen nehmen kein Ende - in der Nacht zum Mittwoch gingen wieder Hunderte Menschen auf die Straße. Der jüngste Anlass: Nahe der Kleinstadt wurde am Dienstag wieder ein Afro-Amerikaner erschossen. Der 23-Jährige habe die Beamten mit einem Messer bedroht, sagte der Polizeichef Sam Dotson. Der Verdächtige habe sich unberechenbar verhalten und die Polizisten aufgefordert, ihn zu erschießen. Obwohl sie ihn mehrfach ermahnt hätten, das Messer abzulegen, sei er trotzdem weiter auf sie zugekommen, sagte Dotson. Als der Mann nur noch gut ein Meter von den Beamten entfernt gewesen sei, hätten sie auf ihn geschossen.

Die genauen Umstände des Vorfalls würden noch untersucht. Der Verdächtige soll zuvor Lebensmittel aus einem Geschäft gestohlen haben; der Tatort liegt gut drei Kilometer von Ferguson entfernt. In der Stadt selbst nahm die Polizei 47 Demonstranten fest, nachdem vereinzelt Wasserflaschen aus Plastik aus der Menge in Richtung Polizei geflogen waren. Die Polizei rief die Demonstranten auf, nach Hause zu gehen. Zudem seien drei Waffen konfisziert worden. Im Vergleich zum Montagabend blieb es aber zunächst ruhig.

Holder soll vermitteln

Wie die New York Times berichtet, soll Generalbundesanwalt Eric Holder - er ist de facto Justizminister der Obama-Administration - nun nach Ferguson reisen, um zu vermitteln. Er hat ein Treffen für Mittwoch anberaumt, Holder will dann mit den ermittelnden Beamten des FBI sprechen, da die Sachlage um die Erschießung des 18-jährigen - der Auslöser der Unruhen - noch immer nicht klar ist.

Neue Zeugenaussagen besagen, dass es zwischen dem weißen Beamten und dem 18-jährigen unbewaffneten Afroamerikaner Michael Brown einen Kampf gegeben haben soll; danach sei Brown weggerannt, der Polizist habe auf ihn geschossen - mehrfach, davon zweimal auf den Kopf, so die Obduktion.

Brown wird am Montag beerdigt

Brown soll am kommenden Montag beerdigt werden. Es sei eine öffentliche Gedenkveranstaltung geplant, berichtete die Zeitung St. Louis Post-Dispatch unter Berufung auf den Anwalt der Familie. Er rechne damit, dass ranghohe Persönlichkeiten anwesend sein werden. Zu den Teilnehmern und dem Ort gab es noch keine näheren Angaben. Laut Medienberichten soll der Bürgerrechtler und Baptistenprediger Al Sharpton die Grabrede halten.

Am Mittwoch hat auch die juristische Aufarbeitung des Falles begonnen. Eine Grand Jury soll klären, ob der Polizist Darren Wilson das Gesetz brach, als er Brown erschoss und ein Verfahren eröffnet wird.

In der Nacht zum Dienstag waren bei gewaltsamen Protesten in der Stadt mindestens 31 Menschen festgenommen, von denen einige aus New York und Kalifornien in die Kleinstadt gereist waren. Auch drei deutschsprachige Journalisten - darunter "Standard"-Korrespondent Frank Hermann - wurden vorübergehend inhaftiert (siehe unten).

Ausschreitungen in Ferguson reißen nicht ab

In der US-Kleinstadt Ferguson im Staat Missouri ist es wieder zu Auseinandersetzungen zwischen Demonstranten und der Polizei gekommen. Nachdem einige Protestierende mit Glas- und Plastikflaschen warfen und versuchten, eine Straße zu blockieren, setzte die Polizei nach Angaben laut CNN Tränengas ein. Augenzeugen berichteten auch von Schüssen. Angeblich sollen Demonstranten auch wieder Molotowcocktails eingesetzt haben. Es wurden 31 Menschen festgenommen - darunter auch Hedy Epstein, eine 90-jährige Holocaust-Überlebende. Sie war nach Ferguson gekommen, um für eine gerechte Polizei zu demonstrieren.

Journalisten festgenommen

Bei ihrer Berichterstattung sind auch deutsche Journalisten von der Polizei vorübergehend festgenommen worden. LautWeltwurden Ansgar Graw und Frank Herrmann am Montag in Handschellen abgeführt und ins Gefängnis gebracht. Drei Stunden später wurden sie freigelassen. Graw schreibt für dieWelt-Gruppe, Herrmann für eine Reihe von Regionalzeitungen und den österreichischenStandard. Hintergrund der Festnahme soll laut demWelt-Bericht eine Aufforderung der Polizei gewesen sein, auf einer fast menschenleeren Straße nicht stehen zu bleiben. Beide Reporter versicherten, der Aufforderung gefolgt zu sein.

Auch der Bild-Reporter Lukas Hermsmeier ist von der Polizei festgenommen worden. Der 26-Jährige befinde sich an einem unbekannten Ort und solle in das Gefängnis von St. Louis gebracht werden, teilte Bild am Dienstag mit.

Nicht auf dem Gehsteig

Weil die Unruhen nicht abreißen, soll jetzt die Nationalgarde für Ruhe sorgen. Eine entsprechende Anordnung unterzeichnete Montagfrüh der Gouverneur von Missouri. Nachdem er die örtliche Polizei, 50 weiße und drei afroamerikanische Ordnungshüter, abgezogen und die Highway Polizei gerufen hatte, holt er sich nun Verstärkung durch die Armee.

In Ferguson, einem überwiegend von Afroamerikanerin bewohnten Vorort von St. Louis, hatte ein weißer Polizist einen schwarzen Jugendlichen erschossen. Dessen Vergehen: Er und ein Freund waren am vorvergangenen Samstag nicht auf dem Gehsteig, sondern auf der Straße gegangen, als sie der 28-jährige Polizist aus seinem Auto heraus anhielt und Brown dann mit mindestens sechs Schüssen, zwei davon in den Kopf und vier in den rechten Oberarm, erschoss.

Das stellte der Pathologe Michael Baden fest, der von den Eltern beauftragt worden war, ein Gutachten zu erstellen. Baden ist in den USA eine Instanz, er war der oberste Gerichtsmediziner von New York, wurde bereits als junger Arzt bei den Untersuchungen zum Mord an US-Präsident John F. Kennedy zurate gezogen und war ein Gutachter im Fall des Ex-Footballstars O.J. Simpson.

Explosive Lage

Was Ferguson passiert ist, hätte auch überall sonst geschehen können, wo sich schwarze Gettos bilden: Alle, die es sich leisten können, ziehen fort. In Ferguson gibt es wenig Arbeit, der Frust ist gewaltig.

Der Tod des Jugendlichen, der gerade seine Schulausbildung beendet hatte und auf ein College gehen wollte, versetzte viele in so große Wut, dass sie ihre eigenen Viertel brandschatzten. Präsident Barack Obama meldete sich mehrmals zu Wort. Er forderte Aufklärung, sprach von Gerechtigkeit. Doch Obama wird von den Afroamerikanern nicht als Präsident der Schwarzen wahrgenommen, sondern höchstens als erster schwarzer Präsident. Rechtsprofessor Randall Kennedy sagt, dem Präsidenten fehle jede Agenda und Vision. "Mitfühlende Sätze erklären nicht viel, versprechen nicht viel und sagen uns nicht, wie es weitergeht." Die unterprivilegierte Situation der Afroamerikaner hat sich nicht verbessert. Ihr Haushaltseinkommen ist immer noch deutlich niedriger als das der Weißen, schwarze Kinder haben wenig Chancen, gute Bildung zu erlangen, wenn sie armen Städten wie Ferguson leben.

Willkür und Schikanen

Die Entsendung der Nationalgarde bedeutet eine weitere Zuspitzung der Lage. Viele deuten Browns Erschießung als Ausdruck eines institutionellen Rassismus. Denn oft genug fiel die hochgerüstete weiße Polizei in der Kleinstadt durch Willkür, Schikanen und Respektlosigkeit auf. Und auch unter dem schwarzen Captain der Highland-Polizei, Ron Johnson, wurden Sonntagabend zwei angeblich friedliche Demonstranten angeschossen und schwer verletzt. Die Rechtfertigung: Man habe auf Schüsse, Plünderungen und Vandalismus reagiert.

Nationalgarde: Die militärische Reserve der USA

Geschichte Die Nationalgarde entstand aus den Milizen des Unabhängigkeitskrieges. Die reguläre Armee war im 19. Jahrhundert schwach. 1903 wurde sie Reserve der Streitkräfte.

Einsätze In allen Kriegen, bis auf den Vietnamkrieg, wurden Nationalgardisten eingesetzt. George W. Bush wurde Nationalgardist und entging damit der Einberufung nach Vietnam.

Milizheer Nach einer Grundausbildung sind mehrere Jahre Dienst und Ausbildungen zu absolvieren. Der Dienst umfasst in Friedenszeiten normalerweise zwei Tage pro Monat und zwei Wochen pro Jahr.

Ferguson im Ausnahmezustand

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